Es ist unübersehbar: Der im Dezember 2015 verstorbene Reiseunternehmer Werner Twerenbold (68†) ist noch immer präsent. Im Büro von Karim Twerenbold (32) hängen Bilder seines Vaters, der verunglückte. Von einem Tag auf den anderen war sein Vater, sein Vorbild, ja der Firmenpatron schlechthin nicht mehr da.

Im Gespräch mit der «Schweiz am Wochenende» verrät Karim Twerenbold, welche Pläne er – in 4. Generation – mit dem Reiseunternehmen hat und weshalb ihm die Badener Politik so am Herzen liegt.

Karim Twerenbold, vor etwas mehr als einem Jahr verunglückte Ihr Vater 68-jährig von einem Tag auf den anderen. Wie haben Sie diese Tage in Erinnerung?

Karim Twerenbold: In den ersten zwei, drei Wochen nach dem Unfall habe ich einfach nur funktioniert. Ich glaube, ich war schon einen Tag nach dem Unfall wieder im Büro. Es war auch wichtig für meine Mitarbeiter, zu sehen, dass ich da bin. Denn mein Vater war mehr als nur mein Vater und der Ehemann meiner Mutter, sondern der Patron für alle Mitarbeitenden. Natürlich gab es immer wieder Situationen, in denen ich emotional übermannt worden bin.

Wohl sehr emotional war auch die Abdankung in der bis auf den letzten Platz gefüllten Stadtkirche.

Absolut. Diese Anteilnahme von Familienangehörigen, von Mitarbeitenden, von Kunden und Geschäftspartnern sowie Freunden waren eine Quelle der Energie und eine riesige Stütze. In diesem Moment unfassbarer Traurigkeit hat sich auch gezeigt, was für eine Philosophie wir bei der Twerenbold Reisen Gruppe leben. Wir haben in diesem Moment wie eine Familie zusammengehalten und sind noch enger zusammengerückt. All diesen Menschen, die in diesem Moment an meinen Vater gedacht haben, gilt hier auch im Namen meiner Mutter ein grosser Dank. Es hat auch gezeigt, wie sehr mein Vater für viele Menschen ein Vorbild war und wie sehr er Menschen mochte.

Grosse Trauer um Werner Twerenbold

Beim tödlich verunfallten E-Biker in Nussbaumen handelt es sich um den bekannten Badener Reiseunternehmer. (Dezember 2015)

Wie sind Sie mit der Situation umgegangen, von einem Tag auf den anderen für 300 Mitarbeitende verantwortlich zu sein?

Das war natürlich eine grosse Herausforderung, die ich ohne mein Team auch nicht hätte bewältigen können. Ich habe aber davon profitiert, dass mein Vater und ich die Nachfolgeregelung sehr früh angegangen sind. Man kann sagen, diese war damals schon abgeschlossen.

Tatsächlich?

Ja, ich habe bereits seit Frühling 2013 die gesamte Twerenbold Reisen Gruppe und die Reederei operativ geführt. Ich war zusammen mit meinem Vater im Verwaltungsrat, dessen Präsident er war. Aber operativ hat er die Geschäftsleiter und mich wirken lassen. Deshalb bin ich nach dem Tod meines Vaters nicht völlig im kalten Wasser gelandet. Aber klar: Als Kommunikationspartner fehlt mir mein Vater fast jeden Tag. Er war ja immer präsent und hat seine Projekte vorangetrieben. Zudem war mein Vater natürlich bei jeder wichtigen Entscheidung involviert und mit am Tisch. Ich war insofern sehr privilegiert, als ich sehr viele Freiheiten hatte, immer aber auch auf sein Know-how zurückgreifen konnte.

Mit 28 Jahren haben Sie die operative Führung übernommen. War es eigentlich immer klar, dass Sie dereinst in die Fussstapfen Ihres Vaters treten werden?

Mein Vater hat mir nie gesagt, «Sohn, du musst». Rückblickend kann ich aber sagen, dass er es sehr schlau angestellt hat.

Wie denn?

Seit ich denken kann, gehörte die Firma zu meinem Leben. Von klein an bin ich um die Busse «gestiefelt», hatte Kontakt mit Kunden und Mitarbeitenden. Das prägt und hat natürlich von Anfang an eine Freude für das Produkt Reisen ausgelöst. Seit ich 16 Jahre alt bin, habe ich jedes Jahr in einer Firma unseres Unternehmens gearbeitet und so quasi das Reise-Geschäft von der Pike auf erlernt. Bei der Studienwahl war es dann tatsächlich so, dass ich in Richtung Wirtschaft ging und auch auf diesem Gebiet abschloss, um für die künftigen Aufgaben gerüstet zu sein. Denn sind wir ehrlich: Was gibt es Schöneres, als Menschen mit Reisen eine Freude zu bereiten? Zurück zu Ihrer Frage: Meinem Vater ist es gelungen, mir diese Freude, diese Faszination von jung an mitzugeben. Es war zwar sein erklärtes Ziel, die Firma der 4. Generation zu übergeben, doch ich hätte auch Lokomotivführer werden können, hätte ich das gewollt.

Wurden Sie gleich von Beginn an als neuer «Patron» akzeptiert und respektiert?

Patron ist man nicht einfach so, Patron wird man mit der Zeit. Mein Vater, unter dessen Führung das Unternehmen sehr stark gewachsen ist, wird immer als Patron in Erinnerung bleiben. Ich muss erst noch beweisen, dass ich dieses Erbe – zusammen mit dem gesamten Team – weiter vorwärtsbringen kann. Weil ich seit meinen Jugendjahren hier gearbeitet habe und mir auch für keine Arbeit zu schade war und nicht als Chef hier eingestiegen bin vor vier Jahren, war meine Akzeptanz wohl von Anfang an gross.

Sie sind am Morgen nie aufgewacht und haben vor lauter Verantwortung und Herausforderungen Panikanfälle gehabt?

Nein, das hatte ich wirklich nie. Weil ich immer ein super Team um mich wusste und mein Vater mich hervorragend auf diese Rolle vorbereitet hat. Nochmals: Die Wachablösung war aufgegleist und wäre in den kommenden Jahren ohnehin gekommen. Durch den plötzlichen Tod meines Vaters hat sich dieser Prozess leider beschleunigt. Aber natürlich fühlt man sich zuweilen sehr einsam, wenn man einen Entscheid fällen muss. Deshalb gehe ich die Aufgabe mit viel Respekt an, was mir auch mein Vater mit auf den Weg gegeben hat.

Sie führen das Unternehmen in der 4. Generation. Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

Bei uns steht Kontinuität vor kurzfristiger Gewinnmaximierung. Auch wenn das Wort «Nachhaltigkeit» etwas abgedroschen klingt, wir leben wirklich danach. Will heissen, wir wollen zum Beispiel nicht um jeden Preis durch Zukäufe wachsen. Natürlich tätigen wir wo sinnvoll auch Akquisitionen, aber diese werden sorgfältig evaluiert. Wenn, dann wollen wir von innen wachsen, vor allem so, dass wir unsere hohen Qualitätsansprüche halten können. Auch werden bei uns die Gewinne nicht abgeschöpft, sondern gleich wieder ins Unternehmen investiert, was uns auch die Entwicklung ermöglicht und wodurch wir finanziell unabhängig bleiben. Weitere Themen, die uns beschäftigen, sind die fortschreitende Digitalisierung oder unsere Infrastruktur mit den eigenen Abreiseterminals. Diesen Frühling eröffnen wir in Rütihof eine neue Tiefgarage mit 160 zusätzlichen Parkplätzen.

Ein Gang an die Börse ist also nicht geplant?

Nein, definitiv nicht.

Täuscht der Eindruck, dass Sie sich mit Bus- und Flussreisen in einem sehr lukrativen beziehungsweise krisenresistenten Markt bewegen, wenn man an all die kaufkräftigen Golden Agers denkt …

  … und die Silver Surfers nicht vergessen (lacht). Spass beiseite. Natürlich bewegen wir uns in einem spannenden, aber auch fordernden Markt, und wir haben sicher eine gute Position, dieses Potenzial auszuschöpfen. Doch unsere Ansprechgruppen sind sehr anspruchsvoll und wissen genau, welche Qualität sie für ihr Geld erwarten dürfen.

Wie sehr macht Ihnen der starke Franken zu schaffen?

Als der Mindestkurs aufgehoben wurde, war das auch für uns ein Schock, da auch wir Währungen abgesichert haben, um unsere Kunden zu schützen. Grundsätzlich sind wir zufrieden mit dem Geschäftslauf, und auch für dieses Jahr sind wir verhalten optimistisch. Man kann sagen, das Produkt Reisen hat sich zu einem Grundbedürfnis entwickelt. Aber krisenresistent sind auch wir nicht, wenn ich zum Beispiel an die ganze Bedrohungslage denke, die jetzt auch Europa erreicht hat. Auf der anderen Seite strahlen unsere Reisen vielleicht auch eine gewisse Sicherheit aus. Man reist in Gruppen, die Reisen sind von A bis Z von unserer Seite geführt. Aber ein Selbstläufer ist es nicht. Wir müssen uns täglich mit unserer anspruchsvollen Kundschaft auseinandersetzen.

Car, Schiffe. Wann hebt der erste Twerenbold-Flieger ab?

(lacht) Das wird nie passieren. Damit ein Flieger rentieren würde, müsste man pro Tag drei Rotationen fliegen können. Das können wir nicht.

In letzter Zeit haben sich wieder schlimme Bus-Unfälle ereignet. Abgesehen von der menschlichen Tragödie, zuckt man da als Car-Reiseunternehmer immer zusammen, weil unter solchen Unfällen das Image einer ganzen Branche leidet?

Natürlich zuckt man zusammen. Darum investieren wir sehr viel in die Wartung unserer Bus-Flotte und die Schulung unserer Chauffeure. Zudem achten wir rigoros darauf, dass unsere Chauffeure die Arbeits- und Ruhezeiten einhalten. Sicherheit ist bei uns oberstes Gebot.

Wie stehen Sie zum Thema Fernverkehrs-Busnetze wie zum Beispiel Flixbus?

Wir wie auch unsere Mitstreiter haben in den letzten Jahren sehr viel investiert, um das Image von Busreisen zu entstauben beziehungsweise zu verbessern. Deshalb stehen wir Firmen, bei denen der Preis der Treiber ist, kritisch gegenüber. Das Risiko trägt der Busanbieter und nicht die Technologieplattform wie zum Beispiel Flixbus, die das Ganze vermarktet. Wenn Übertretungen im Arbeits- oder Ruhezeitenbereich publik werden, schadet das der ganzen Branche. Wir transportieren nicht Güter, sondern Menschen.

Sie selber besitzen das Car-Billett?

Ja, das war mein ausdrücklicher Wunsch. Es ist mir wichtig, zu wissen, was an der Front läuft und was unsere Mitarbeitenden täglich bewegt. Ich bin auch schon zwei Reisen selber gefahren und zolle unseren Chauffeuren und Chauffeusen grossen Respekt vor ihrer täglichen Arbeit.

Sie werden mit der «Excellence Pearl» im Mai das neunte Schiff in die Flotte aufnehmen, das sie aber anders als vorangegangene Schiffe nicht selber gebaut haben. Wo kauft man Schiffe – wohl nicht auf Ricardo?

Nein, bestimmt nicht (lacht). Wir wollten schon länger ein etwas kleineres Schiff, um auch auf kleineren Flüssen verkehren zu können. Dank guten Beziehungen bin ich schliesslich auf die «MS Rembrandt» gestossen, die wir jetzt komplett umgebaut haben. Für das Innendesign zeichnet wiederum meine Mutter verantwortlich, die das bereits bei anderen Schiffen sehr stilvoll gemacht hat. Die neue «Excellence Pearl» wird vor allem in Holland, Belgien sowie auf der Mosel und Saar unterwegs sein.

Verraten Sie uns doch an dieser Stelle ein, zwei weitere Reise-Highlights, die Sie dieses Jahr im Angebot haben.

Zwei weitere Angebote kommen mir spontan in den Sinn. Erstens unsere grosse Musikreise im Oktober, die zuerst zur Semperoper in Dresden und danach in die neue Elbphilharmonie in Hamburg führt. Ich bin stolz darauf, dass wir europaweit wohl der einzige Reiseveranstalter sind, der in der Eröffnungssaison den Kunden ein solches Paket mit der Elbphilharmonie anbieten kann. Die Reise ist aber schon ausgebucht. Doch es ist uns gelungen, Zusatzreisen im Dezember und Februar 2018 zu organisieren. Zweitens unsere Velo-Fluss-Reisen auf der Rhone und der Seine mit jeweils 120 Velofahrern in Frankreich. Zudem bieten wir natürlich viele spannende Natur- und Wanderferien und Flug-Rundreisen an.

Sie führen die Firma in 4. Generation. Ist es Ihr erklärtes Ziel, das Unternehmen dereinst an die 5. Generation zu übergeben? Wenn ja, sind die Weichen diesbezüglich gestellt?

Ja, das ist das Ziel. Meine Partnerin ist schon einmal von Zürich nach Baden gezogen (lacht). Für mich ist Familie überhaupt sehr wichtig im Leben.

Apropos Familie: Ihre Mutter ist Ägypterin. Wann machen sich die südländischen Gene bei Ihnen bemerkbar?

Es gibt natürlich schon Situationen, wo ich sehr impulsiv sein kann, was ich bestimmt auch von meiner Mutter geerbt habe.

Im Herbst 2015 sind Sie für Reto Huber in den Einwohnerrat nachgerückt. Sind Sie wirklich ein politischer Mensch oder sitzen Sie einfach im Einwohnerrat, weil sich das gut macht und man so gut vernetzt ist?

Nein, ich bin Einwohnerrat, weil ich am politischen Prozess in Baden teilhaben will und weil mir die Stadt viel bedeutet. Ich bin Einwohnerrat aus Überzeugung und werde deshalb im Herbst auch wieder antreten.

Wie andere Badener Unternehmer auch, politisieren Sie für die CVP und nicht etwa für die FDP. Wie wichtig ist das «C» im Parteinamen?

Das «C» steht für mich nicht im klassischen Sinn nur für die Religion, aber durchaus für die Werte wie etwa Familie, Solidarität, Nachhaltigkeit. Die CVP deckt für mich auch den liberalen, wirtschaftlichen Teil ab.

Gespannt darf man sein, ob die CVP Vizeammann Markus Schneider oder Bernhard Schmid ins Rennen um den Stadtammann-Sitz schickt. Wem geben Sie am 30. März Ihre Stimme?

Das Hauptziel ist, dass der Stadtammann-Posten wieder bürgerlich besetzt ist. Natürlich gibt es Präferenzen, doch für mich haben beide Kandidaten bis am 30. März die Chance, aufzuzeigen, warum sie der richtige Kandidat sind. Ich bin überzeugt, dass die Parteibasis den richtigen Entscheid fällen wird.

Es begann mit einer Pferdekutsche

Jakob Twerenbold, der Urgrossvater von Karim Twerenbold, gründete 1895 mit einer Kutsche und sechs Pferden in Ennetbaden seine eigene Fuhrhalterei. Über vier Generationen wurde das Unternehmen – heute mit Sitz in Baden-Rütihof – ständig ausgebaut. Heute verfügt Twerenbold Reisen Gruppe über 65 Reise-Busse und nimmt diesen Frühling bereits ihr neuntes Schiff in Betrieb. Zur Reisegruppe gehören auch die Tochterunternehmen Reisebüro Mittelthurgau Fluss- und Kreuzfahrten AG, Imbach Reisen AG (Wanderferien), Vögele Reisen AG (Flug-Rundreisen) und Swiss
Excellence River Cruise GmbH.

Über 100 000 Personen leben jährlich ihre Leidenschaft fürs Reisen in guter Gesellschaft mit der Twerenbold Reisen Gruppe aus. Insgesamt beschäftigt das Unternehmen heute rund 300 Mitarbeitende und erzielte 2016 einen Jahresumsatz von rund 150 Mio. Franken. Seit 2013 führt Karim Twerenbold die Gesamtgruppe. Nach dem Tod seines Vaters Werner Twerenbold ist er seit 2016 auch Präsident des Verwaltungsrates. Karims Mutter Nazly Twerenbold hat schon für einige «Excellence»-Schiffe für die Innenausstattung verantwortlich gezeichnet. (mru)