«Eine Frau zu sein, ist nicht einfach in dieser patriarchischen Welt», schimpft Stella. Sie ist mitten in den Proben zu ihrer neuen Eigenproduktion «Dreist & poetisch», die wiederum in Zusammenarbeit mit Xavier Mestres Emilio entsteht. «Ich werde schonungslos sein – mit dem Publikum aber auch mit mir selber», sagt die Transgender-Frau beim Gespräch im Teatro Palino und blitzt ihr Gegenüber mit herausforderndem Blick an.

Als szenische Show mit schrägen shakespearischen Figuren und bitterbösem Humor im Stil von Monty Python wird die Inszenierung im Programm angekündigt. Stella will scharfsinnig und scharfzüngig analysieren, wie sich Frau auch heute noch fremdbestimmen und in ein Schema pressen lässt; wie sie von Wirtschaft und Werbung aufoktroyierten Schönheitsidealen nachjagt und zum Opfer der eigenen überzogenen Erwartungen an sich selber wird. Die Aktrice zeigt aber auch, wie fliessend Grenzen sind zwischen Befriedigung und Exzess, zwischen Disziplin und Kontrollverlust, zwischen Genuss und masochistischer Selbstzerstörung.

Dreist & Poetisch: Aussschnitte aus dem Stück von Stella Palino.

Dank an US-Präsident Trump

Zum Weltfrauentag machte sie die Öffentlichkeit auf Facebook erstmals mit einer der schrägen Figuren bekannt, die sie in «Dreist & poetisch» auf die Bühne bringt. Als Margrit bedankt sie sich – eingewickelt in blutige Bandagen – bei US-Präsident Donald Trump, der für sie ein Sinnbild von aufrichtiger Männlichkeit sei. Und zeigt sich auch bei ihrem Vater und dem Freund dankbar für all die Verletzungen, die sie ihr jemals zugefügt haben. «…denn nur das Leiden hat mich zu mir selber geführt», lächelt sie gequält und bringt ihr zertrümmertes Gebiss zum Vorschein. Das ist starker Tobak.

So lasziv wie noch nie

Aber «Dreist & poetisch» handelt nicht nur vom Martyrium der Frau und ist weit mehr als bloss brutal und zynisch. Es gibt auch zarte Momente. Zum Beispiel, wenn Stella selber geschriebene Chansons singt, oder wenn sie als Greis über das Leben und die Kunst nachdenkt und eine Menschlichkeit an den Tag legt, die allen anderen Figuren abgeht. Die Schauspielerin verrät im Vorfeld des Weiteren: «Ich werde mich so lasziv geben wie noch nie.» Stella steht ganz offen zu ihren exhibitionistischen Neigungen.

Als Pin-up-Girl wird sie sich in «Dreist & poetisch» auf der Bühne genüsslich in heissen Dessous räkeln, während sie ihr eigenes Verhalten sarkastisch kommentiert. Wie passt das jetzt alles zusammen? «Auch Feministinnen haben unfeministische Bedürfnisse», sinniert Stella und denkt dabei vor allem an Lust und Erotik. Dann ergänzt sie: «Der Mensch ist nun mal ein einziger Widerspruch, nur steht er nicht dazu.» Die Badener Künstlerin bezeichnet sich selber als wandelndes Paradoxon und prangert in ihrer Eigenproduktion falsche Verlockungen an, denen sie wenig später wieder erliegt.

In «Dreist & poetisch» bricht Stella mit bissigem Humor, viel Selbstironie und rasanten Rollenwechseln gängige Klischees auf. Und stellt Fragen in den Raum, deren Antwort sie offenlässt. Was machen wir mit uns? Und was lassen wir mit uns machen? Wie krank sind wir eigentlich? Und vor allem: Wann hören wir endlich auf, uns selber anzulügen?

«Dreist & poetisch: Premiere heute
Abend, 20.30 Uhr, im Teatro Palino, Rathausgasse 7, Baden. Weitere Aufführungen: 18./22./24./25./29./31. März und 1./5./7. und 8. April. Parallel dazu präsentiert Reto Lanzendörfer neue Akt-Malereien in der Unvermeidbar.