"Literatur bedeutet auch, die Fremdheit gegenüber der Welt abzubauen und ihrer besser habhaft zu werden, indem man sie in Sprache fasst."

Ein Gespräch.
Café Einstein. Aarau.
Ein Espresso.
Ein Mann. Ein Wort.

Noch nie habe ich jemanden getroffen, auf den dieses Sprichwort besser zutrifft.

Herr Merz, Albert Einstein hat einmal gesagt: "Jedes Denken wird dadurch gefördert, dass es in einem bestimmten Augenblick sich nicht mehr mit Erdachtem abgeben darf, sondern durch die Wirklichkeit hindurch muss." Würden Sie dieser Aussage in Bezug auf das Schreiben zustimmen?

Herr Merz: Da möchte ich länger darüber nachdenken. Denn das Erdachte ist ja auch eine sich ständig wandelnde Wirklichkeit. Ich glaube, da müssten wir zuerst die gemeinte Wirklichkeit genauer definieren…

Wie sehr Sie der Ort Ihrer Kindheit – Menziken im Wynental – geprägt hat, zeigt unter anderem der Film "Merzluft" von Heinz Bütler. Markus Christen von der AZ hat dem Wynental gar die poetische Ursache ihres Schaffens zugeschrieben. Heute leben Sie in Unterkulm, gehen Sie oft zurück in das Dorf Ihrer Kindheit?

Nein, seit dort die Gräber meiner Familie geräumt sind, eigentlich nicht mehr.

Zur Person

Klaus Merz, geboren am 3. Oktober 1945, aufgewachsen in Menziken. Nach dem Lehrerseminar Wettingen bildete er sich zum Sekundarlehrer weiter und erhielt später einen Lehrauftrag für Sprache & Kultur an einer Technikerschule. Merz lebt, unterbrochen durch längere Auslandaufenthalte, seit Jahren als freier Autor in Unterkulm. 2015 erschien im Innsbrucker Haymon Verlag, herausgegeben von Markus Bundi, der 7 und letzte Band seiner Werkausgabe.

Wie hat sich das Wynental – respektive der Kanton im Allgemeinen - seit Ihrer Kindheit verändert?

Ich habe mich eigentlich nie nur auf meinen Kanton fokussiert. Sicher ist er eher reaktionärer geworden. Von den 70er bis zu den späten 90er Jahren herrschte, meine ich, politisch und kulturell ein etwas offeneres Klima, die Auseinandersetzungen jedenfalls waren „lüpfiger“ und weniger gehässig als heute. Aber auch da müssten wir wohl noch genauer hinschauen, um Abschliessendes sagen zu können.

Die Schauplätze Ihrer Texte seien «stets unspektakuläre Orte, an denen Sie mit wenigen Strichen und rhythmischen Lenkungen Charaktere und die rätselhafte Welt der Empfindungen aufscheinen lassen» hat die Jury des Basler Lyrikpreises 2012 geschrieben. Ich wage zu fragen: Liegt die Qualität des Aargaus eventuell auch in seiner unspektakulären Eigenschaft, die im Kleinen ja aber sehr spektakulär sein kann?

Nein. Diese Worte haben nichts mit dem Aargau zu tun. Zumindest nicht direkt. Es geht mir in meiner Arbeit nie um einen Landstrich, sondern immer nur um Menschen. Klar, die Tatsache, dass Menschen ja von irgendwoher kommen und dass man diese Herkunft auch spüren soll, ist mir schon wichtig. Auch dass sich das Grosse immer im Kleinen und das Kleine im Grossen spiegelt. – Und zugegeben, es gibt erfreulicherweise und sozusagen seit jeher starke Literatur, die im Aargau fusst.

Ihr Gedicht "In den Auen" - ist das der Aargau?

Nein, Auen gibt es vielerorts. – Sehen Sie, auch der Aargau schaut ja aus Sicht der Zürcher wieder ganz anders aus als aus Sicht der Basler, Berner oder der Aargauer selbst. – Die Kinder unserer Tochter z.B. haben zwar einen Aargauer Heimatort, fühlen sich aber eindeutig als Zürcher oder sogar der Elfenbeinküste ein wenig zugehörig wie ihr Vater. Aber sicher nicht dem Aargau. „Nur das nicht“, sagen die kleinen Schlingel manchmal. – Ach, was wollen wir mit dem Aargau allein nur anfangen, Frau Marte? Ich glaube, ich bin der Falsche für dieses Interview.

Noch eine letzte Frage zum Aargau: Gibt es denn einen oder auch mehrere Orte im Kanton, die Sie besonders gerne aufsuchen, um zu schreiben?

Am liebsten schreibe ich bei mir daheim. Wenn ich vom Schreibtisch aufschaue, kann ich tief ins Land hinein sehen. Und gern spaziere ich am Hallwilersee – mit Papier und Bleistift im Sack.

Sie haben selten Texte auf Mundart geschrieben, aber auch schon. Aufgrund welcher Kriterien entscheiden Sie sich für das Schriftdeutsche oder eben für die Mundart?

Stimmt. Die Mundart ist nicht meine normale Arbeits-Sprache, dennoch hat es mir eigentlich Spass gemacht z.B. für die Motel-TV-Drehbücher in die Mundart zu wechseln, da lag die Mundart nahe.

Stichwort "komprimieren". Sie sind bekannt dafür, dass Sie Ihre Texte überarbeiten bis diese "bei sich selbst angelangt sind". (WOZ, "Fenster in die Welt" von Anna Wegelin, 05.01.2012) War das schon immer so?

Ja. Ich komme halt von der Lyrik her. Aber auch bei Prosatexten ist mir das Verdichten ein wichtiges Anliegen. Auch dabei geht es um poetische Verdichtung und nicht bloss ums Kürzen. Die Sätze müssen eine eigene Leuchtkraft haben. Und sie müssen etwas bedeuten, nicht bloss Zeilen füllen. Das hasse ich.

Wie Sie es ja auch selber nochmals bestätigt haben: Sie sind wohl ein genuiner ein Lyriker. Mich dünkt, die Lyrik habe heutzutage aber einen anderen (geringeren) Stellenwert als zu Zeiten, zu denen es noch keinen Rap oder auch keinen Poetry Slam gab. Dazu kommt, dass viele Menschen den Begriff "Lyrik" mit etwas Altertümlichem, ja Langweiligem verbinden. Wird die Lyrik trotzdem bestehen bleiben und weiter leben?

Ich versuche in meinen Gedichten die Aussage möglichst würzig „einzukochen“ – oder Bilder zu finden, die tatsächlich sprechend und erhellend sind. Lyrik als Reflexionsraum auf engstem Raum, das gefällt mir.
Die Gefahr bei falsch verstandener Lyrik ist halt oft, dass sie ins "Versli-Brünzler-Hafte" abrutscht, das wirkt dann ziemlich antiquiert – aber davon sind auch junge Rapper und Slamerinnen nicht gefeit, wie ich oft mit Schrecken feststelle. – Oder dass die Verse aus lauter Gefühlsduseleien bestehen. Lyrik aber besteht aus Sprache, und diese muss stark und eigenständig sein. Auch kein abgehobenes akademisches "Geschwurbel", nein, das auch nicht. Ziel der Lyrik ist viel mehr eine Dichte, die einen in Bann schlägt. Die einem den Geist öffnet und nicht „auf den Geist geht“.

"Bilder bedeuten mir viel. Sie sind Fenster in die Welt, durch die man mehr sieht als nur den sichtbaren Ausschnitt." haben Sie in dem zu Beginn bereits erwähnten WOZ-Artikel gesagt…

Das ist so: Bilder sind eine Sehschule, die einen lernt, das Leben, die Wirklichkeit, genauer, weiter und differenzierter wahrzunehmen.

Bilder zieren auch Ihre Buchcovers. Heinz Egger gestaltet diese jeweils…

Ja, wir arbeiten seit über 30 Jahre zusammen. Und Egger „illustriert“ meine Texte nicht, er „paraphrasiert“ sie vielmehr. Es geht bei seiner Arbeit darum, das Klimatische im Text mit bildnerischen Mitteln zu erfassen, nicht nur das vordergründige Motiv. – Für mich ist es ein schönes Privileg, jeweils ein künstlerisch stimmiges Cover aus seiner Hand zu erhalten, und mein Verlag unterstützt uns darin. Diese freie Hand ist im gängigen Literaturbetrieb selten.

Wie entsteht ein solches Cover in Zusammenarbeit mit Herrn Egger?

Heinz Egger liest das Manuskript schon, bevor es an den Verlag geht, und er kommt dann mit Vorschlägen zu mir. Wir wählen zusammen aus. Interessant ist, dass wir mit unserer persönlichen Wahl meist übereinstimmen. Auch darum ist diese Zusammenarbeit sehr schön.

Ein Ende. Ein Anfang. Ein Dank an Herrn Merz.