Mit einer Zustimmung von 100 Prozent wurde Martin Schulz gestern zum neuen SPD-Vorsitzenden gewählt. Eine Wahl ohne eine einzige Gegenstimme – das gab es bei den Genossen noch nie. Das Resultat ist Ausdruck einer neuen Hoffnung, die sich in den Reihen der SPD breitgemacht hat. Jahrelang versank die Partei in Lethargie. Seit Angela Merkel im Kanzleramt sitzt, gab es keinen realistischen Machtanspruch mehr. Die SPD blieb in der zweiten Reihe.

Martin Schulz steht nicht für diese Jahre der SPD-Depression. Er kommt von aussen, wirkt unverbraucht. Mit Schulz kehrt bei den Genossen der Glaube zurück, den Kanzler stellen zu können. Denn der neue Hoffnungsträger dient vielen Menschen als Projektionsfläche, auch, weil er vage bleibt: Er propagiert Gerechtigkeit, das klingt attraktiv. Doch die Finanzierungsfrage lässt er weitgehend offen. In den nächsten Wochen muss Schulz konkrete Konzepte vorlegen. Das wird ihn angreifbar machen.

Nichtsdestotrotz ist die neue Stärke der SPD unter Martin Schulz gut für die Demokratie in Deutschland. Die amtierende Bundeskanzlerin Merkel setzte bisher darauf, die Wähler des politischen Gegners einzuschläfern und so von den Wahlen fernzuhalten. Diese Strategie der asymmetrischen Demobilisierung, wie sie Politologen nennen, wird Merkel 2017 jedoch kaum mehr zum Sieg reichen. Die Gesellschaft ist polarisierter als vor vier Jahren. Nach zwölf Jahren Angela Merkel macht sich in Ansätzen Wechselstimmung bemerkbar – auch weil die Kanzlerin mit Martin Schulz endlich einen ernstzunehmenden Widersacher hat.