«Die Schweizer sind, was sich die Deutschen nicht mehr trauen: gepflegt ausländerfeindlich»: Serdar Somuncus Auftritt am Arosa Humor-Festival aus dem Mitschnitt von TV24 in voller Länge.

Serdar Somuncu ist kein Mann für gemütliche Lacher. Somuncu geht an die Schmerzgrenze – und darüber hinaus. Bekannt wurde der türkischstämmige Deutsche durch Lesungen aus Adolf Hitlers «Mein Kampf», in denen er satirisch die inhaltlichen Widersprüche in der Hetzschrift entblösste.

Arosaschneesicher.ch hat nun den Auftritt von Serdar Somuncu veröffentlicht:

Der Auftritt von Serdar Somuncu im Rahmen des „Best of Arosa Humor-Festival 2015“ ist aktuell ein grosses mediales Thema...

Posted by Arosa schneesicher.ch on Montag, 4. Januar 2016

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Als die Veranstalter des Arosa Humorfestivals Somuncu einluden, war ihnen also klar, dass dem einen oder anderen Gast im geheizten Zirkuszelt im Aroser Skigebiet der Kafi-Lutz in den falschen Hals geraten könnte.

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Die Veranstalter gingen das Risiko nicht bloss ein, sie sahen Somuncu sogar für die Aufzeichnung der zweiteiligen SRF-Sendung zum Arosa Humorfestival vor. Und bezahlten ihn dafür mit einer zweifachen Gage.

Somuncu erfüllte die Erwartungen. Seine Nummer traf frontal. Das klang dann so: «Gegen Ihren Christoph Arschblocher ist der Höcke von der AfD ein blutiger Anfänger.»

Oder so: «Die Deutschen sind mir zu weich geworden. Die sind mittlerweile sogar freundlich zu Flüchtlingen. Da lobe ich mir die Schweizer. Sie sind wenigstens aufrichtige Nazis».

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Auftritt nicht ausgestrahlt

Es passierte, womit Somuncu rechnete. Einige Zuschauer verliessen das Zelt. Gegenwind ist er sich gewohnt und hat es im Aroser Wohlfühlzelt auch erwartet. Somuncu hat schon Schlimmeres erlebt. In Sachsen stürmten 2005 rund 25 Neonazis seine Bühne während eines Auftritts. Jahrelang trat er unter Polizeischutz auf.

Doch was danach im Unterland am Leutschenbach passierte, damit hatte selbst Somuncu nicht gerechnet. Das SRF strich die knapp 5-minütige Nummer Somuncus aus der Aufzeichnung. Als er am Sonntag seinen Auftritt via Stream verfolgen wollte, war da kein Somuncu mehr. Weg. Ohne, dass er informiert worden wäre.

Somuncu reagierte im Gespräch mit dieser Zeitung entsprechend ungehalten: «Für mich ist das ein Skandal.» Auf den sozialen Netzwerken verschaffte er seinem Ärger zusätzlich Luft. «Das Schweizer Radio und Fernsehen zensiert meinen kompletten Beitrag zum Arosa Humor-Festival! Angeblich aus Zeitnot.» Aber es habe wohl offensichtlich eher daran gelegen, dass er sich mit den nationalistischen Auswüchsen der eidgenössischen Tagespolitik befasst habe, so Somuncu weiter.

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Thiel Ja, Somuncu Nein

Humorfestival-Direktor Frank Baumann bedauert die Streichung von Serdar Somuncu «persönlich». «Er provoziert ja nicht bloss um der Provokation willen, sondern, weil es die Aufgabe des Satirikers ist, das Kind beim Namen zu nennen». Er vermute, dass der verantwortliche Redaktor Somuncus Auftritt als zu polarisierend empfand und sich deshalb entschied, lieber eine Comedy-Nummer zu bringen. «Ein Komiker ist Somuncu tatsächlich nicht.»

Beim SRF will man von Zensur nichts wissen. «Eine redaktionelle Auswahl nach sendungsrelevanten Kriterien zu treffen ist keine Zensur», sagt Rolf Tschäppät, Bereichsleiter Comedy & Quiz. Die Künstler und ihre Auftritte würden nach verschiedenen Kriterien wie zum Beispiel Herkunft, Bekanntheit oder Genre ausgewählt.

SRF stelle aus dem rund 100-minütigen Sendematerial des Humorfestivals zwei 35-minütige Sendungen zusammen. Tschäppät fügt an, dass nebst Somuncu noch andere Künstler aus der Sendung gestrichen wurden. «Entscheidend ist schlussendlich ein guter Mix für die Sendungen».

In diesen Mix passte Somuncu offenbar nicht. Andreas Thiel dagegen schon. Ebenfalls ein Satiriker, ebenfalls konfrontativ. Einfach aus einer diametral anderen politischen Richtung. Islamkritisch, statt Schweizkritisch. «Das offenbart eine tendenziöse Haltung», sagt Somuncu.

Nun ist der Auftritt Somuncus doch noch öffentlich, nachdem Arosa-Tourismus den Mitschnitt der Aufzeichnung veröffentlicht hat. Und – Überraschung – den viel zitierten Nazivergleich («Die Schweizer sind wenigstens aufrichtige Nazis») hat Somuncu in Arosa gar nicht gebracht. Gegenüber dieser Zeitung sagt Somuncu dazu:  «Ich war selbst erstaunt. Ich scheine unterbewusst darüber nachgedacht zu haben, wie schlimm das gewesen sein muss, was ich gesagt habe, wenn es das SRF rausstreicht. In meinem Gedächtnisprotokoll war das viel drastischer, als was ich in Wirklichkeit gesagt habe.»

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