Ein bärtiger alter Mann kommt hinter dem schwarzen Vorhang hervor, gebückt, mit rauer Stimme. Er setzt sich auf den grossen roten Sessel, links im Bühnenbild, dahinter steht eine Schaufensterpuppe mit Kleidung und Perücke. Sie heisst Harry. Was kommt, ist ein Monolog über die Gefühle und Wünsche der Künstler, über die Eigenschaften des modernen Menschen.

Erst als der alte Mann beginnt, seinen Hut, Perücke und Bart auszuziehen, bemerkt der mittlerweile tief ins Stück eingetauchte und konzentrierte Zuschauer, dass hinter der Fassade des alten Mannes Stella Palino steckt. «Dreist & Poetisch» heisst ihr neustes und eigens erarbeitetes Stück, das am Freitagabend Premiere feierte.

Man glaubt ihr jedes Wort

Stella Palino ist die einzige Schauspielerin auf der Bühne, doch bekommen die Zuschauer nicht den Eindruck, es fehle etwas. Sie spielt eine Psychologin, die das Publikum und dessen psychische Probleme analysiert. Es geht um den Therapiewahn, die krankhafte Suche nach dem richtigen Rezept. Sie hält ihm den Spiegel vor und benutzt eine Direktheit, die überrascht, herausfordert und somit das Stück glaubhaft macht.

Stella Palino versteht es, eine Sprache zu benutzen, die das Publikum im ersten Augenblick fast etwas zu überfordern scheint. Nicht selten scheint der Text direkt aus dem Herzen der Badener Schauspielerin zu kommen. Ob auf Hochdeutsch oder Mundart, man glaubt ihr jedes Wort.

Von der Psychologin schlüpft sie in die Rolle der verrückten Patientin. Nur von Bandagen umwickelt und mit fehlenden Zähnen steht sie auf der Bühne. Sie spielt eine kindliche Frau, deren Körper von Misshandlungen entstellt ist. Eine Figur, die die Zuschauer in ihr Herz schliessen und die sie gleichzeitig überfordert.

Der Körper als reine Verpackung

Überhaupt geht es im Stück sehr viel um die Wahrnehmung des eigenen Körpers. Durch die verschiedenen Rollen distanziert sich die Transgenderfrau Stella Palino von ihrem Körper, stellt ihn zur Schau und konfrontiert uns schamlos mit dem Thema «Frau sein».

Es entsteht eine spannende Trennung von Körper und Persönlichkeit, der Körper erscheint als reine Verpackung. Stella übt damit Kritik an der «patriarchalischen Wirtschaftsmacht», die zur «Verlorenheit der Persönlichkeit» führt, wie es im Beschrieb des Stückes heisst.

Mal alter Mann, mal kindliche Frau, mal strenge und starke Frau. Stella Palino schlüpft in alle Rollen und spielt sie glaubhaft und authentisch. Gezielt spielt sie auch mit den beiden Geschlechterrollen, lässt sie verschmelzen und gewährt damit Einblicke in die Transgender-Welt, die vielen noch fremd ist. Eine wichtige und wertvolle Lektion, auf humorvolle und ehrliche Art präsentiert.

Stella Palino als alter Mann

Stella Palino als alter Mann

Hinter dem Stück steht ein Team, das Stunden an freiwilliger Arbeit geleistet hat, um diese Produktion möglich zu machen. Die Atmosphäre im von Stella Palino 1986 gegründeten Theater ist familiär und sehr sympathisch. Das Publikum fühlt sich wie in einem Wohnzimmer, wo alle gemütlich beisammensitzen.

Die Nähe zur Bühne löst die Grenze zwischen Publikum und der von Stella Palino gespielten Figuren auf. Ein wertvolles und schönes Theater-Erlebnis, das es so in Baden nur im Teatro Palino gibt.

Weitere Aufführungen 22., 24., 25., 29., 31. März und 1., 5., 7., 8. April jeweils um 20.30 Uhr.