Es rüttelt, kracht und poltert auf der Strasse durch Pasadena. Als schrien die Stossdämpfer des alten Busses um Hilfe. Entlang des Weges hängen Leitungen und Transformatoren an eilig zusammengezimmerten Holzmasten. Bis in die Wohnviertel hinein reichen die scheinbaren Provisorien und liefern, wenn nicht gerade ein Sturm dazwischenkommt, Strom.

Wer vom Zentrum der texanischen Millionenstadt Houston Richtung Küste unterwegs ist, macht spätestens auf Höhe des mexikanisch geprägten Vorortes Bekanntschaft mit einem der grössten Probleme der USA der Gegenwart: der maroden Infrastruktur. Gerade in Sachen Energieversorgung ist vieles in den USA veraltet. Jahrzehntelang hat das Land vergessen, Geld in seine Infrastruktur zu stecken. Unter dem neuen Präsidenten soll das nun anders werden. Donald Trump will nicht weniger als eine Billion Dollar – auf Englisch eine «trillion» – ausgeben, um die Infrastruktur des Landes auf Vordermann zu bringen.

ABB meldet Ansprüche an

Wenn das Stichwort US-Infrastruktur fällt, wird man besonders in der Schweiz hellhörig. Zwei Kandidaten erscheinen sofort vor dem inneren Auge: Der weltgrösste Baustoffkonzern Lafarge-Holcim aus Rapperswil-Jona ist der eine. Hier hofft man auf milliardenschwere Aufträge zur Sanierung von Strassen, Brücken, Flughäfen — und Mauern.

Und auch der zweite Kandidat wirft nun seinen Hut in den Ring: der Energie- und Automationsriese ABB. «Es werden massive Investitionsprogramme kommen», sagt Konzernchef Ulrich Spiesshofer in Houston zur «Nordwestschweiz». «Da wir auf der Energieversorgungsseite Marktführer sind», so der ABB-CEO, «gehen wir davon aus, dass wir daran partizipieren.»

Einfach so drucken kann er sie nicht, die Billion Dollar, die auf Englisch «trillion» heisst und die Präsident Trump in die marode US-Infrastruktur stecken will. Woher sie kommen soll, ist weiterhin unklar. Auch der neue Haushaltsplan gibt keinen Aufschluss. Klar ist nur: Trump will sie ausgeben für Strassen, Brücken, Bahn, Mobilfunk und wohl auch für den Ausbau der Energienetze. (FHO)

Eine Billion Dollar für Infrastruktur

Einfach so drucken kann er sie nicht, die Billion Dollar, die auf Englisch «trillion» heisst und die Präsident Trump in die marode US-Infrastruktur stecken will. Woher sie kommen soll, ist weiterhin unklar. Auch der neue Haushaltsplan gibt keinen Aufschluss. Klar ist nur: Trump will sie ausgeben für Strassen, Brücken, Bahn, Mobilfunk und wohl auch für den Ausbau der Energienetze. (FHO)

Wie die ABB möglichst viele der erwarteten Aufträge einheimsen will, führt der Konzern an der Kundenmesse ABB Customer World in der texanischen Ölmetropole vor. Wichtigstes Thema: die Digitalisierung. Spiesshofer und sein neuer Digitalchef Guido Jouret präsentieren in Houston das neue Digitalprogramm des Konzerns mit dem Namen ABB Ability. Dahinter verbergen sich digitale Produkte, Dienstleistungen und Komplettlösungen, die dank Verbindung zur Cloud günstiger und effizienter eingesetzt werden können als bisher. Dafür arbeitet der Schweizer Konzern eng mit dem IT-Riesen Microsoft zusammen. Mehr als 180 Lösungen unter dem Ability-Dach hat ABB bereits auf den Markt gebracht. Und es dürften recht bald schon sehr viel mehr werden.

Kundenanlass mit 8000 Gästen

Wie viel Hoffnung der Konzern auf Ability setzt, lässt der Rahmen erahnen, den ABB um die Lancierung gezogen hat. 8000 Gäste, hauptsächlich ABB-Kunden, folgten der Einladung ins George R. Brown Convention Center in Downtown Houston. In einer weitläufigen Halle parkt ein Tesla Model S zur Demonstration der ABB-Ladetechnik, Roboter packen Kisten um, der schlaueste von ihnen löst spielerisch einen Rubik-Würfel nach dem anderen. Ganze Kontrollräume, wie sie in den Zentralen von grossen Energieversorgern eingesetzt werden, wurden nachgebaut. Ein winziges U-Boot taucht in einem Becken und repariert fiktive Schäden im Innern eines Öltanks.

Selbst einen waschechten Astronauten bietet der Konzern auf. Dieser verweist darauf, dass sich ABB-Roboter oder Elektro-Ladestationen auch gut im All respektive auf dem Mars machen würden. Wie im Gespräch jedoch rasch klar wird, hat Captain Michael Foreman mit dem ABB-Konzern und den Produkten im Grunde gar nichts zu tun. Stattdessen war er eher zu Werbezwecken da. Typisch amerikanisch eben.

Als typisch amerikanische Firma tritt ABB in den USA tatsächlich auf. Greg Scheu, Spiesshofers Mann in den Staaten, sieht darin eine wichtige Zutat für Erfolg: «ABB hat starke Schweizer Wurzeln, aber vor Ort sind wir in der Lage, uns an die gewinnbringende Kultur des jeweiligen Landes anzupassen», so der Chef der Region Amerika bei ABB. «In den USA sind wir sehr amerikanisch.» In der Schweiz verstehe man, dass man international sein muss, um erfolgreich zu sein, sagt Scheu.

Aufträge im US-Energiesektor

Konzernchef Spiesshofer hat bereits angekündigt, den Divisionen und den einzelnen Regionen mehr Entscheidungsfreiheit lassen zu wollen. In den USA agiert ABB deshalb quasi als US-Firma – was in Zeiten von «America First», wie das Wirtschaftsprogramm des Präsidenten nun sogar offiziell heisst, sicher nicht die schlechteste Herangehensweise ist.

Als selbst ernannter Digital-Pionier mit amerikanischem Akzent bläst der Schweizer Konzern in den USA nun also zum Angriff auf das Eine-Billion-Dollar-Programm von Trump. Was sich die ABB davon konkret verspricht, erklärt Greg Scheu in einem offenen Raum mit Cafeteria-Charme vor dem «George Bush Ballroom» inmitten des komplett mit Teppich ausgelegten Kongresszentrums: Die bisherige Ankündigung, die amerikanische Infrastruktur zu verbessern, sei bislang allgemein gehalten, sagt der ABB-Amerika-Chef. Nur wenige Details seien bislang bekannt. Allerdings: «Es gab bereits Diskussionen über Energieprojekte.» Hier hätten die USA «an mehreren Fronten Bedarf».

Trump hellt das Klima auf

Dass es durchaus Grund zum Optimismus gibt, liegt demnach zu einem guten Stück am neuen Präsidenten. Scheu weist darauf hin, dass sich das Klima in den USA unter Trump in Sachen Wirtschaftsfreundlichkeit bereits deutlich aufgehellt habe. Und das komme auch ABB zugute.

Grosse Hoffnungen liegen hier auf dem Energie-Bereich. Gerade beim Ausbau und der Optimierung des Stromnetzes könne ABB eine wichtige Rolle spielen, sagt Scheu. Die in den USA immer schneller wachsenden Solar- und Windparks müssten ins Netz integriert werden. Ferner spiele die Digitalisierung in Sachen Stromnetze eine überragende Rolle. «Das sind grosse Chancen für ABB.» Ein Vorgeschmack, was in den nächsten Monaten und Jahren kommen könnte, ist ABBs jüngstes Stromnetz-Projekt: Für über 100 Millionen Dollar modernisiert der Konzern die Konverterstation einer Hochspannungs-Gleichstrom-Leitung zwischen Oregon und Kalifornien an der Westküste.

Erstmal heisst es jedoch: abwarten. Sobald Präsident Trump die Einzelheiten seines Infrastruktur-Plans offenlegt und die US-Behörden beginnen, Aufträge auszuschreiben, wird sich zeigen, wie viel die Digitalplattform Ability und die amerikanische Firmenkultur des Schweizer Konzerns in den USA wirklich wert sind.