Ziemlich genau 20 Jahre ist es her, seit Frankreich gegen Kroatien im WM-Halbfinal stand. Nach einer torlosen ersten Halbzeit, in der die Franzosen mit den Kroaten nicht klargekommen waren, erhob sich in der Kabine Captain Didier Deschamps, stellte sich vor die Mannschaft hin und setzte zu einer Pausenansprache an.

«Jeder von uns macht, was er will. So können wir keinen Erfolg haben. Nur wenn wir als Mannschaft auftreten, als starkes Kollektiv, werden wir den Final erreichen», sagte Deschamps. Die Worte fruchteten: Frankreich siegte 2:1, zog in den Final ein und wurde mit einem 3:0 gegen Brasilien Weltmeister.

Frankreich-Captain Didier Deschamps (rechts) umarmt den Französischen Präsidenten Jacques Chirac nachdem seine Mannschaft 1998 den Weltmeistertitel gewonnen hat.

  

Vielleicht wiederholt Deschamps vor dem Endspiel deshalb nun seine Parolen von damals. Doch wer Raphaël Varane hört, dem ist eigentlich klar, dass Frankreichs Spieler bereits intus haben, was ihr Trainer will. «Jeder bei uns weiss, was er zu tun hat, um dem Kollektiv zu helfen», sagt der Innenverteidiger.

An Deschamps Philosophie hat sich seit 1998 nichts geändert. Noch immer betrachtet er ein funktionierendes Kollektiv als Schlüssel zum Erfolg. Aus dem Captain Deschamps ist zwar längst der Trainer Deschamps geworden, doch die Werte, auf die er setzt, sind dieselben geblieben. Pünktlichkeit erachtet er als eine Selbstverständlichkeit, ebenso, dass man sich bei der Begrüssung die Hand gibt.

Solidarität als A und O

Der Erfolg gibt ihm recht. Frankreich spielt nicht immer mitreissend, aber die Resultate passen. Für den Trainer zählt der Sieg mehr als die Art und Weise, wie gespielt wird. Antoine Griezmann sagt: «Wir sind im Final. Da ist es mir egal, ob wir hässlich oder nicht hässlich gespielt haben.» Deschamps war als Spieler im defensiven zentralen Mittelfeld kein Blender gewesen, schoss kaum Tore, doch er hielt die Mannschaft zusammen. Er organisierte, dirigierte und ging fürs Kollektiv durchs Feuer.

Solidarität verlangt er auch als Trainer. Haben in den vergangenen Jahren einige Skandale das Bild der Equipe Tricolore beschmutzt, Spieler wie Anelka, Ribéry, Nasri und Benzema für negative Schlagzeilen gesorgt; wurde während der WM in Südafrika gegen Trainer Domenech rebelliert und ein Training bestreikt, so verzichtet Deschamps lieber auf Stinkstiefel, welche das Mannschaftsklima vergiften. Benzema zum Beispiel kann für Real Madrid so viele Tore schiessen, wie er will, die Tür bleibt seit der Geschichte mit der Erpressung eines Mitspielers verschlossen.

Das Mitsingen der Nationalhymne vor einem Spiel ist für die Spieler zwar nicht Pflicht, gelangweilt reinschauen oder Kaugummi kauen ist aber verboten.

Der Trainer macht's vor:

Das Mitsingen der Nationalhymne vor einem Spiel ist für die Spieler zwar nicht Pflicht, gelangweilt reinschauen oder Kaugummi kauen ist aber verboten.

Deschamps hat auch überhaupt nicht goutiert, wie der junge Ousmane Dembélé mit einem Streik seinen Transfer von Dortmund zu Barcelona erzwang. «So etwas darf nicht passieren», sagt Deschamps. Er hat den Stürmer in jener Phase auch gar nicht mehr ins Nationalteam aufgeboten. Um die schlechten alten Zeiten erst gar nicht wieder aufleben zu lassen, hat der französische Verband einen Verhaltenskodex erstellt. Ein Beispiel: Die Nationalhymne muss zwar nicht zwingend mitgesungen werden. Es ist aber verboten, gelangweilt dreinzuschauen oder einen Kaugummi zu malträtieren. Wer nicht mitzieht, der fliegt.

23 Titel in 22 Jahren

Im Herbst wird Deschamps 50 Jahre alt. Seine Titelsammlung lässt sich jetzt schon sehen: 23 in 22 Jahren. Als Spieler ist er Weltmeister, Europameister und Champions-League-Sieger geworden. Als Trainer war er bei Monaco, Juventus, Marseille, und seit 2012 ist er Nationaltrainer. Doch auf den ganz grossen Coup wartet er noch. Sieht man einmal vom Meistertitel mit Marseille ab und dem Gewinn der Serie B mit der Juve.

Aber er hat schon zwei wichtige Endspiele verloren: 2004 in der Champions League mit Monaco gegen José Mourinhos FC Porto, und vor zwei Jahren gegen Portugal den EM-Final im eigenen Stadion. Besiegt er am Sonntag die Kroaten und wird Weltmeister, dann ist er der Dritte nach Mario Zagallo und Franz Beckenbauer, der als Spieler und Trainer Weltmeister wurde. Und Frankreich läge ihm zu Füssen.

Die, die mitgekommen sind, hören zu

Deschamps fordert Demut ein. «Nach der riesengrossen Enttäuschung vor zwei Jahren nun bereits wieder in einem Final zu stehen, das ist doch nicht ohne», will er Druck abbauen. Er hat nur acht Spieler mit nach Russland genommen, die 2016 bei der EM auch schon im Kader standen. Er hat auf Stars wie Alexandre Lacazette (Arsenal), Kingsley Coman (Bayern) und Anthony Martial (Manchester United) verzichtet.

Er scheint ein gutes Händchen gehabt zu haben. «Diejenigen, die ich ausgewählt habe, die hören mir zu. Auch deshalb haben wir uns die Chance erarbeitet, Weltmeister zu werden», sagt Deschamps. «Wir sind zwar noch unerfahren, aber wenn ich mir die Entwicklung der Jungen wie Kylian Mbappé und Paul Pogba anschaue, dann sage ich: ‹Die Ampeln stehen auf Grün.›»