Gränichen

Alles nur ein Fake? In Gränichen wird für ein 55 Meter hohes Hochhaus geworben

14 Etagen, 64 Mietwohnungen, 48 davon mit 5 Zimmern: Laut einem Plakat soll mitten im Gränicher Landwirtschaftsland ein Wohnturm entstehen mit «bester Aussicht auf Aarau und das Wynental». Was hat es mit der Geschichte auf sich?

Die Ganze erscheint schon auf den ersten Blick sehr suspekt: Im beschaulichen Gränichen, ausserhalb des Dorfkerns an der Hauptstrasse in Richtung Bleien (Gebiet Oberfeld), steht ein Plakat, das für ein Hochhaus an dieser Stelle wirbt. 55 Meter hoch soll es werden, mit 64 Mietwohnungen, darunter 48 grosse Wohnungen mit 5 Zimmern. Das «Aarau South Tower 1» soll «beste Aussicht auf Aarau und das Wynental» geben. Das relativ abgelegene Baufeld wird als «zentrale Lage» beschrieben.

Auf der auf dem Plakat angegebenen Webseite gibt es nur dasselbe Plakat zu sehen, sonst nichts. Eine Mailanfrage an die genannte «International Group of Buildings Company» wird schon nach einer guten halben Stunde beantwortet: «Die IGB als internationaler Baukonzern beschäftigt sich schon seit längerem mit einem Bau für die Region Aarau», die sich «immer weiter zu einem Dreh- und Angelpunkt zwischen den Grossstädten Bern, Basel und Zürich» entwickelt.

Die Person, die das Antwortmail verfasste, schreibt «Gross» in der schweizerischen Schreibweise mit «ss» statt «ß». Und sie scheint gut über die Region informiert zu sein, erwähnt etwa das pendente Fusionsprojekt: «Als zukunftsorientiertes Unternehmen möchten wir die Chance nutzen, welche unter anderem durch den Zukunftsraum Aarau entsteht.»

«Nach längerer Suche», so schreibt der Verfasser des Mails, sei das Unternehmen auf «einige Parzellen in der Gemeinde Gränichen» gestossen. Und nach «einer weiteren Evaluation» sei der Entscheid auf die Parzelle 3071 gefallen. «Die Anbindungen an den öffentlichen Verkehr sowie die Nähe zur Natur waren ausschlaggebend für die Standortwahl.»

Soll es denn neben dem angeblichen «Aarau South Tower 1» noch die «Tower» 2 oder 3 geben? «Aktuell ist noch keine konkrete Planung vorhanden, weitere Tower zu bauen. Wir behalten uns jedoch vor, sollte das Projekt den gewünschten Erfolg bringen, weitere Tower zu realisieren», heisst es im Antwortmail weiter. «Wir sind überzeugt, dass das Projekt wird innerhalb der Gemeinde und der Region auf grossen Zuspruch treffen.» [sic]

Die Gemeinde weiss von nichts

Die Parzelle, die der Mail-Verfasser nennt, liegt in der Landwirtschaftszone. Hier darf nichts gebaut werden. Selbst wenn eine Umzonung möglich wäre, würde das Jahre dauern. Auch erlauben die baurechtlichen Bestimmungen der Gemeinde Gränichen keine Häuser in der angegebenen Höhe von 55 Metern (zum Vergleich: das ist ungefähr das Aarauer AEW-Hochhaus). Gemeindeschreiberin Andrea Geissmann sagt auf Anfrage, der Gemeinderat wisse weder vom angeblichen Projekt noch vom Plakat: «Diesbezügliche Abklärungen laufen jetzt.»

Für «völlig unglaubwürdig» hält Philipp Woodtli, Geschäftsleiter der Nachbargemeinde Suhr, die Angaben auf dem Plakat, besonders bezüglich der 48 5-Zimmer-Wohnungen. «Und vermutlich würden 55 Meter nicht reichen, um sowohl auf das Wynental als auch auf Aarau beste Aussicht zu haben.»

Angefragt beim Wohnhaus gleich neben dem Plakat, wo unter anderem antike Möbelstücke und Gartengegenstände angeboten werden, gab sich der Besitzer über den Inhalt des Plakats überrascht. «Wenn gerade 1. April wäre, würde ich es noch verstehen», sagte er.

Baustart 2021, Mieten zwischen 2000 und 3500 Fr.

Bei der AZ gingen heute Mittwoch mehrere ähnlich lautende Mails ein, in denen sich die Verfasser als Personen ausgeben, die am besagten Plakat vorbeigefahren seien. Ein Leser, der das Plakat gesehen hat, kontaktierte die darauf vermerkte Mailadresse. Die Antwort der «International Group of Buildings» liegt der AZ vor. Darin heisst es, die Firma hoffe auf einen Baustart Anfang 2021 und einen Bezug Ende 2023, die erforderlichen Baugesuchsunterlagen seien in Vorbereitung. Kosten sollen die Wohnungen zwischen 2000 und 3500 Franken Miete im Monat, also eher im höheren Preissegment, vor allem für Gränichen.

Spätestens jetzt dürfte jedem, der sich mit Baurecht auskennt, klar sein: Da kann etwas unmöglich stimmen. Selbst unter optimalsten Bedingungen und politischem Willen wären eine Umzonung, eine Erschliessung und ein Baubewilligungsverfahren nicht innert weniger Monate, sondern bestenfalls innert weniger Jahre abzuwickeln.

Was sagt der Eigentümer des Grundstücks?

Die betreffende Parzelle gehört einem Gränicher Landwirten. Auf Anfrage bestätigt er, dass jemand ihn angefragt habe, ob das Plakat aufgestellt werden dürfte. Den Namen der Person will er aber nicht bekannt geben.

Als Landwirt sei er vor allem darum bedacht, die Fläche zu bewirtschaften – zurzeit ist das Maisfeld dort bereits hochgewachsen. Und er sagt: «Was jetzt in Gränichen abgeht mit dem Bauboom, ist ja Wahnsinn. Es stellt sich die Frage, ob unsere Gesellschaft das braucht oder ob es sich nur um Spekulation handelt.» Falls sein Land aber von der Gemeinde eingezont würde, könnte er auch nichts anderes machen, als den Bau dort zu erlauben.

Das Unternehmen gibt weitere Antworten per Mail

Nach zwei weiteren Anfragen gibt das Unternehmen wieder Auskunft per Mail. So lautete die Antwort:

«Die International Group of Buildings Company ist spezialisiert auf die Realisierung von Hochhäusern weltweit. Kerngeschäft liegt in Ostasien, wo wir vor allem in Grossstädten wie Peking und Honkong tätig sind. Zusätzlich realisierten wir bereits einige Projekte in den Vereinigten Staaten, darunter auch New York, wo seit 2017 unser Hauptsitz liegt. In Europa sind wir bislang nur vereinzelt tätig gewesen, dies in den Städten Hannover und Bremen.

CEO der IGB ist seit 2002 Herr Francis U. Jones, gelernter Architekt aus Pueblo CO. Mein Name ist Mark Schlief, Head of Media Relations Europe. Grundsätzlich kommuniziert unsere Unternehmung immer im Namen der Unternehmung, nicht im Namen einzelner Personen. Unsere Firmenphilosophie ist aufgebaut nach dem Motto: Together for one!»

«Wir dementieren Vorwürfe, das Projekt sei niemals realisierbar»

Die Hochhaus-Visualisierung, die auf dem Plakat zu sehen ist, findet sich in den Tiefen des Internets auf einem Bilderportal. Die Webseite der «IGB» wurde vor 28 Tagen registriert, der Besitzer zahlt, um anonym zu bleiben.

Nach einer dritten Anfrage mit der Bemerkung, dass die Glaubwürdigkeit des Projekts gerade sehr infrage gestellt werde, wird auch zum Fake-Vorwurf Stellung genommen: «Ein Fake ist dies nicht, es ist ein Projekt, welches wir anstreben zu realisieren. […] Aktuell ist die Parzelle 3071 noch eine landwirtschaftliche Zone. Jedoch ist es der Gemeinde erlaubt, Umzonungen vorzunehmen. Ein Projekt dieser Grösse wirkt möglicherweise sehr unrealistisch, unsere juristische Abklärung sieht dies jedenfalls anders. Wir möchten noch im September das Baugesuch einreichen. […] Wir dementieren jegliche Vorwürfe, dieses Projekt sei niemals realisierbar. […] Die Kontaktaufnahme mit dem Gemeinderat erfolgt aus strategischen Gründen später.»

Als um ein Telefongespräch gebeten wird, kommt zum Schluss noch die Antwort: «Wir bitten Sie um Verständnis, wenn wir nicht telefonisch oder vor der Kamera Stellung beziehen möchten, dies aufgrund Erfahrungen und internen Weisungen.»

Gränichen, der Bauboom und die vielen Leerwohnungen

Gränichen hat seit zwei Jahren eines der höchsten Leerwohnungsziffern im Kanton. 2019 lag die Gemeinde kantonsweit auf Platz 2 mit 259 leerstehenden Wohnungen.

2020 blieb der Wert mit 258 Wohnungen praktisch gleich hoch. In der Gemeinde sind weitere Wohnüberbauungen geplant. Anfang Jahr hat Gränichen die 8000-Einwohner-Marke geknackt.

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