Suhr

Als die «Butteri» noch Schweine mästete: Sonderausstellung über ein 110 Jahre altes Dorfunternehmen

Markus Bertschi und das Museumsteam haben eineinhalb Jahre lang an der neuen Ausstellung gearbeitet.

Markus Bertschi und das Museumsteam haben eineinhalb Jahre lang an der neuen Ausstellung gearbeitet.

Das Museum Suhr würdigt einen Betrieb, der das Dorf seit über 110 Jahren prägt: Die Aargauer Zentralmolkerei.

Den hölzernen Milchquirl hat Markus Bertschi auf dem Wagen mit dem Material zum Entsorgen gefunden. Zusammen mit dem Holztrichter, den Käseformen, dem Butterbrettli und den Thermometern. Gerade noch rechtzeitig.

Heute liegen diese Gegenstände hinter Glas. Gut beleuchtet und beschriftet, als Ausstellungsstücke im Dorfmuseum Suhr. Als Erinnerungsstücke eines Unternehmens, das Suhr seit über 110 Jahren prägt: der Butterzentrale, im Besitz der AZM (Aargauer Zentralmolkerei). Diesem Unternehmen hat das Team des Dorfmuseums seine neuste Ausstellung gewidmet. Eine Zangengeburt.

Allzu vieles wurde grosszügig entsorgt

«Wir haben schon gedacht, es wird nichts mit dieser Ausstellung», sagt Markus Bertschi (73). Dermassen harzig sei die Suche nach Informationen über die Butterzentrale – die Suhrer nannten sie liebevoll «Butteri» – verlaufen. Jahresberichte, Festschriften, Archivbestände; alles ist im Übereifer und im Lauf der Jahre entsorgt worden. Nur dank Käser Peter Hilfiker aus Safenwil stehen da Butterformen, Milchschöpfkellen und ein Butterfass, liegt da Korrespondenz aus der Suhrer «Butteri» mit dem wunderschönen Briefkopf.

Was an Firmengeschichte zusammenkam, stammt hauptsächlich aus einer Broschüre zum 75-Jahr-Jubiläum, geschrieben von Markus Bertschis Vater Franz. Er und Mutter Margrit arbeiteten beide jahrelang für die «Butteri», er als Buchhalter und Prokurist, sie als Sekretärin. Und die familiären Verbindungen gehen noch weiter: Markus Bertschis Grossonkel Johann Rudolf Bertschi (30 Jahre lang Suhrs Gemeindeammann) war es, der 1917 als Präsident des Aargauischen Milchverbandes (bis 1946 mit Sitz in Brugg) die Butterzentrale nach Suhr holte, in die Milchzentrale an der Tramstrasse neben dem Restaurant Central.

Die Butterzentrale am Bahnhof Suhr anno 1944.

Die Butterzentrale am Bahnhof Suhr anno 1944.

Butter wurde sogar aus Übersee eingeschifft

Warum hat ausgerechnet Butter die Suhrer Dorfgeschichte mitgeprägt? Nach 1900 taten sich Bauern landauf, landab in Milchverwertungsgenossenschaften zusammen. Auch in Suhr. «Damals wie heute ging es um das Gerangel um den Milchpreis», sagt Bertschi. Die Käser wollten den Preis drücken. Ein weiterer Grund: Die Milch musste aufbereitet werden. Man hatte erkannt, dass der Konsum von Rohmilch und Milchprodukten aus unpasteurisierter Milch gefährlich war. Wegen Seuchengefahr konnte er sogar tödlich enden.

Bauern aus der ganzen Region lieferten ihre Milch nun nach Suhr, wo sie zu Butter verarbeitet wurde (1929 wurde die Vorzugsbutter «Floralp» eingeführt). Allein im Jahr 1926 wurden knapp 196 Tonnen Butter umgesetzt, davon 29 Tonnen Importbutter. Mit dem Umzug in den Neubau am Bahnhof 1928 wurde auch der Verkauf von Käse aufgenommen (nicht aber die Herstellung).

Schon im ersten Jahr wurden über 15 Tonnen Tilsiter, Greyerzer und Emmentaler verkauft. «Milchprodukte waren damals sehr gefragte Güter», sagt Bertschi. Insbesondere in den Kriegsjahren, als Ersatz für Fleisch. Weil nicht nur die Nachfrage stieg, sondern es gleichzeitig an Weideland fehlte, weil die Wiesen zu Äckern umgepflügt worden waren, musste Butter importiert werden. Aus Dänemark, Argentinien, Polen, zwischenzeitlich sogar aus Neuseeland.

Mitten im Zweiten Weltkrieg wurde ausserdem die Produktion von Quark und Joghurt aufgenommen (erst nur Nature-Joghurt, später mit Kaffee- und Bananengeschmack). Und weil die «Anke-Not» auch nach dem Krieg anhielt, wurde der Käsekeller im Sandstein unter der reformierten Kirche Suhr so ausgebaut, dass nun 70 Tonnen Käse gelagert werden konnten.

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Die Schweine mussten die Molke fressen

Die «Butteri» stellte übrigens nicht nur Milchprodukte her, sondern auch Fleisch: Um die Molke loszuwerden, die bei der Herstellung von Butter anfällt, wurde 1931 eine Schweinemast gebaut. In den besten Zeiten wurden hier 400 Schweine gehalten. Weil die aber zu viel Kartoffeln frassen und die Mast nicht mehr rentierte, wurde sie 1978 aufgegeben.

Ab 1953 produzierte die Firma Kaffeerahm, ab 1954 Pastmilch und 1955 kam das Getränk Surina auf den Markt. 1969 folgte die Joghurtmarke Cristallina. 1973 schlug das letzte Stündlein für die «Butteri», der neue Standort im Helgenfeld lief fortan unter dem Namen AZM. 1979 wurde erstmals Halbrahm in Flaschen abgefüllt und 1985 die UHT-Milch eingeführt.

2006 schloss sich die AZM mit der Butterzentrale Luzern zur Mittelland-Molkerei AG zusammen, Emmi übernahm die Geschäftsleitung. Nachfolgerin der AZM wurde die AZM Verwaltungs AG. Sie ist im Besitz der Genossenschaft Milchproduzenten Mittelland (MPM) und besitzt die Liegenschaften auf dem einstigen «Butteri»-Areal am Bahnhof. Seit 2016 ist Emmi Alleineigentümerin des Suhrer Unternehmens.

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