Für Gino war das Ferienlager vorbei, noch bevor es richtig angefangen hatte. Weil er beim Zelteaufstellen immer wieder Mist gebaut hatte, wurde er vorzeitig an den Bahnhof begleitet und nach Hause geschickt. Doch der Bursche kam nie an. Der Zug aus Frauenfeld fuhr ohne ihn in Aarau ein. Erst als es langsam eindunkelte, gab es eine Spur, erinnert sich der damals anwesende Aarauer Andres Brändli. Ein Junge war im Thurgauer Wald gesichtet worden. Mit knurrenden Mägen und weichen Knien machten sich die Lagerteilnehmer auf die Suche. Ausgerüstet mit Lampe und Karte stampften sie durch den Regen. Nicht nur im Bauch rumorte es. Wo war Gino? Was war mit ihm passiert?

Dann die Erleichterung. In einer Scheune fand man den Schlingel. Lachend. Die Disziplinarmassnahme, die Vermisstmeldung, die nächtliche Suchaktion: Es war alles inszeniert. Eine Nachtübung der Pfadi Adler Aarau. Stattgefunden hat sie 1961. Damals gab es die Pfadfinderabteilung schon lange. Im kommenden Jahr sind es genau 100 Jahre.

Lagerfeuer brennt 100 Tage

Ein guter Anlass, um vergangene Pfadi-Anekdoten hervorzukramen und in eine Festschrift zu verpacken. Und die Abteilung hat für das Jubiläumsjahr noch mehr vor. Bereits am 1. Januar findet der erste Anlass statt. Im Rahmen des Neujahrsempfangs der Stadt Aarau öffnen die Adler ihr Pfadiheim an der Tannerstrasse 75. Bei der Feier wird die Heimbeschriftung mit einem Jubiläums-Slogan ergänzt. Im Laufe des Jahres sind ausserdem ein 100-tägiges Lagerfeuer im Schlosspark, ein Pfadisong, die Pflanzung eines Jubiläum-Baums und viele Überraschungen geplant.

Die Schulpflege verbot Pfadi

Die Abteilung Adler Aarau wurde 1919 von Eduard von Okolski gegründet. Der als «Unggle» bekannte Prokurist der Dresdner Bank war 1908 in London das erste Mal mit «Boy Scouts» ins Gespräch gekommen. Nach dem Ersten Weltkrieg gründete er die erste von heute zwei Aarauer Pfadiabteilungen, damals noch mit Standorten in Aarau, Buchs und Gränichen.

Schon zwei Jahre später hatte die Aarauer Pfadi genügend Mitglieder, um das erste Sommerlager durchzuführen. Doch der Verein hatte einen schweren Stand. Die Schule wollte vom Import aus dem Ausland nichts wissen, sah ihn als Konkurrenz zum obligatorischen Kadettenunterricht, schreibt die Pfadi Adler in ihrer Festschrift. 1921 sprach die Schulpflege ein Vereinsverbot für Schüler aus. Zwei Jahre später legte der «Unggle» Rekurs beim Regierungsrat ein, da die Schulpflege den Verein nicht anerkennen wollte. Er gewann. 1988 fusionierten die Adler mit der Abteilung Ritter. Seitdem sind auch Mädchen in der Abteilung Adler.

Bis heute treffen sich die Wölfe, Pfader, Pios, Rover und seit 2012 auch die Biber (4- bis 7-Jährige) am Samstag zu Abenteuern im Wald, kochen über dem Lagerfeuer, lernen Karten zu lesen und spielen Geländespiele. Auch die Ferienlager gehören wie anno 1961 immer noch dazu – mitsamt spontanen Nachtübungen.