Suhr

Annika Junghans darf bei «Blumen für die Kunst» ausstellen – als sie das hörte, fiel sie aus allen Wolken

Seit Oktober arbeitet Annika Junghans im Blumenladen Gingko in Amriswil TG.

Seit Oktober arbeitet Annika Junghans im Blumenladen Gingko in Amriswil TG.

Die 20-jährige Floristin gab ihr Sackgeld einst im Blumenladen aus, heute arbeitet sie in der Ostschweiz und leistet dort Aufklärungsarbeit für die Aarauer Blumenausstellung.

Die anderen kauften Gummischlangen und Kaugummi. Sie kaufte Blumen. Ihr ganzes Sackgeld gab sie im Blumenladen eine Strasse weiter aus, kaufte sich mit ein paar Batzen die Blumen, die sie daheim im Garten nicht fand. Als es schliesslich um die Berufswahl ging, gab es keine Wahl. Sie wollte Floristin werden.

Jetzt ist sie es, und darin so gut, dass sie nun als Jungtalent mit den Besten ihres Fachs an der Erfolgsausstellung «Blumen für die Kunst» im Aargauer Kunsthaus ausstellen darf: Annika Junghans, 20 Jahre alt, aufgewachsen in Suhr, seit Oktober in der Ostschweiz daheim, in Weinfelden im Thurgau.

«Das Schöne ist, dass man sich nicht bewerben muss»

«Blumen für die Kunst» – das Jahreshighlight in der Branche, ein Ritterschlag. Ihr Glück darüber kann Annika Junghans noch immer nicht ganz fassen. «Als ich im Sommer von den Organisatoren angefragt wurde, bin ich aus allen Wolken gefallen», sagt sie. Damit habe sie überhaupt nicht gerechnet, mit dieser Ehre. «Das Schöne ist ja, dass man sich nicht bewerben, sich nicht beweisen muss. Wird man angefragt, heisst das, dass jemand davon überzeugt ist, dass man das kann.»

Blumenduft, grosse Maler und etwas Nervosität: Hier entsteht eine ganz besondere Ausstellung

Blumenduft, grosse Maler und etwas Nervosität: Hier entsteht eine ganz besondere Ausstellung (März 2019)

Sie ist jedes Jahr wieder ein Publikumsmagnet: die Ausstellung «Blumen für die Kunst» im Aargauer Kunsthaus. Ausgewählte Floristen gestalten ein Kunstwerk zu einem Kunstwerk. Wir haben den floralen Künstlern der letztjährigen Ausstellung über die Schulter geschaut – am Tag der Vernissage, dem nervenaufreibendsten von allen.

Was macht sie besser als die anderen Floristinnen? Annika Junghans lacht überrascht auf. «Wenn ich das wüsste», sagt sie und überlegt. «Ich mache meinen Beruf einfach wahnsinnig gern.» Ihr sei wichtig, dass ein Strauss Charakter habe, dass er Gefühle auslöse. «Ein Arrangement muss so sein, dass es direkt ins Herz geht.» Und das beherrscht sie; der Erfolg ist ihr nicht neu.

Ihre Lehrzeit im Zofinger Botaniqum schloss sie als Kantonsbeste ab, bei den SwissSkills 2018, der Berufsmeisterschaft, gewann sie Silber. Trotzdem. «Blumen für die Kunst» ist eine andere Liga. Hier stellen die besten 14 Floristinnen und Floristen der Schweiz aus, 18000 Besucherinnen und Besucher schauen sich die Exponate an, florale Interpretationen der Werke aus der Sammlung des Aargauer Kunsthauses. «Es ist etwas ganz Spezielles, etwas Unvergleichliches», sagt Annika Junghans.

Als würde sie einen alten Freund wiedersehen

Ihr Werk hat sie schon lange ausgesucht. «Mondnacht auf dem Meer» von Cuno Amiet (1892). Viel Schwarz, tiefes, süffiges Blau, der Mond, der sein silbernes Licht auf die Wellen wirft, ein Leuchtturm, der sich ebenfalls im Wasser spiegelt, rechts eine dunkle Figur. «Das Bild ist relativ klein, hat aber eine unglaubliche Ausstrahlung. Es war Liebe auf den ersten Blick», sagt Annika Junghans. Immer hat sie das Bild vor Augen, dreimal schon habe sie das Bild im Kunsthaus in Aarau besucht. «Es ist mir so vertraut; es fühlt sich schon fast so an, als würde ich einen alten Freund wiedersehen.»

Nicht nur Amiets Bild im Kopf, auch ihr Notizbuch trägt sie seit Wochen mit sich herum. Vieles hat sie notiert, was sie an Ideen angesprungen hat, manches wieder verworfen. Jetzt, rund zehn Tage vor der Vernissage, bleibt nicht mehr viel Spielraum, sie hat sich festgelegt; weitestgehend zumindest, sagt sie und zuckt wie zur Entschuldigung mit den Schultern.

«Keine einfache Sache», sagt sie und seufzt. «Es ist wunderbar, so viele Ressourcen in ein Projekt zu investieren; im Berufsalltag ist das unmöglich.» Gleichzeitig sei es schwierig, sich in dieser Freiheit nicht zu verlieren. «Ich bin froh, habe ich mit meiner Chefin Monika Laib jemanden an meiner Seite, der mich unterstützt und berät.» Ausserdem wisse ihre Chefin, wovon sie rede; auch Monika Laib hat schon bei «Blumen für die Kunst» ausgestellt, bei der ersten Ausgabe 2014.

Annika Junghans ist frisch im Team von Monika Laibs Blumengeschäft Gingko. Erst im Oktober hat sie in Amriswil angefangen. Es gefällt ihr ausgesprochen gut. «Die Ausflüge nach Aarau und Suhr fühlen sich aber immer noch wie ein Heimkommen an», sagt sie. Dass die Ausstellung ausgerechnet hier stattfindet, sei ein Glücksfall; hier kennt sie sich aus, hier kennt sie viele Leute. «Hier muss ich auch niemandem erklären, was ‹Blumen für die Kunst› ist», sagt Annika Junghans und lacht. «In der Ostschweiz muss ich noch ein bisschen Aufklärungsarbeit leisten.»

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