Aarau

Aus der ganzen Schweiz kommen sie an den Rüeblimärt – auch diese Gruppe aus dem Emmental

Die AZ hat eine ganz besondere Reiseschar am Aarauer Markt begleitet: die 12-köpfige Frauenreisegruppe von Fleur Frey (91) aus dem Emmental. Seit 37 Jahren sind die Freundinnen gemeinsam unterwegs.

Die Frau am Nebentisch räuspert sich. «Entschuldigung», sagt sie dann, und nickt mit dem Kopf zur langen Tafel hin. «Was sind das für Frauen?» Sie habe es beobachtet, dieses glatte Trüppchen, und sei begeistert.

Diese Frauen am Nebentisch. Es ist keine gewöhnliche Gruppe. Auch an diesem Tag nicht, dem Rüeblimärt, an dem sich Hunderte Frauengruppen aus der ganzen Schweiz und dem nahen Ausland durch den Graben und die Altstadt schieben.

Es ist die Gruppe von Fleur Frey aus Lützelflüh-Goldbach im Emmental. Seit 37 Jahren organisiert sie Reisen für sich und ihre Freundinnen. Zwei bis drei pro Jahr, früher meist mehrtägige ins Ausland, heute eintägige in der Schweiz. «Wir werden halt auch nicht mehr jünger», sagt Fleur Frey und lacht. Sie selbst ist 91 Jahre alt.

Das sind die Bilder vom Rüeblimarkt 2019

An diesem Tag sind elf Frauen in Aarau mit dabei; zehn Freundinnen und Enkelin Andrina Fels. In die Wege geleitet hat alles Reiseleiterin Frey, den Tipp aber hat sie vom Reisebüro ihres Vertrauens, das die Reise auch organisiert hat.

Sie selbst hatte davor vom Rüeblimärt noch nie etwas gehört, und auch Aarau habe sie bislang nicht wirklich gekannt. Und das, sagt sie und zuckt entschuldigend mit den Schultern, obwohl doch ihr Mann eigentlich gebürtiger Aarauer sei.

Da wird es rasch schwierig mit dem Zusammenbleiben

Doch Ortsunkenntnis bringt sie nicht aus der Ruhe. Den Stadtplan hat sie schliesslich im Sack und den Tisch im «El Camino» hat sie bei einem Besuch in Aarau vor ein paar Tagen höchstpersönlich reserviert. Zielstrebig steuert Fleur Frey mit ihrem Rollator auf den Graben zu, die Kapuze der Regenjacke tief in der Stirn, und ruft ihren Frauen zu: «Zämebliibe, suscht sinder verlore!»

Es ist ein hehrer Wunsch, das mit dem Zusammenbleiben. Zwölf Frauen unter Tausenden anderen; das dauert nicht lange, bis eine hängenbleibt. «Lue da, dä Tanneboum», juchzt die Erste und zieht das Handy aus dem Sack. Rüebli als Tannenschmuck, so etwas haben die Frauen noch nie gesehen.

Und so geht das weiter, schaut da, schaut dort, da die schönen Gemüsegesichter, dort die hübsche Dekoration, da die purpurnen Rüebli und hier, das ganz spezielle Chüttiger Rüebli. Und dann erst noch die lustigen Namen, die die Gewächse tragen: Herbstbrise, Schneewittchen, kleiner Prinz, Bluepower, Sonneschin, Viola, und allesamt gibt es sie nicht nur am Stück, sondern auch geraffelt, gemörsert, gekocht, frittiert, gebacken, ausgekocht, zersaftet und gequetscht, als Wurst und Sirup, als Mütze oder Bettwärmer, als Kugelschreiber oder Fensterschmuck.

Eine Reise ins einstige Untertanengebiet

Die Bernerinnen sind nicht nur der Rüebli wegen nach Aarau gekommen. Das sei zwar alles sehr nett zum Anschauen, die Kreativität der Wahnsinn. «Aber wir brauchen noch etwas für den Kopf.»

Mit geistiger Nahrung gefüttert hat sie Agnes Henz vom Tourismusbüro aarau info: die Stadtgeschichte Aaraus, mit herausgeschälten Bern-Geschichten. Mit der Berner Herrschaft natürlich. Oder dem Obertorturm: «Ihr habt mit dem Zytglogge den schönsten Mittelalterturm, aber wir haben den höchsten.»

Ihnen gehe es nicht nur ums Reisen und Sehen, sondern ums Entdecken von unbekannten Schönheiten, von speziellen Orten. «Aarau passt da wunderbar in unser Konzept», sagt Fleur Frey nach dem Bummel. Aber das Allerwichtigste an diesen Reisen, das sei etwas anderes: «Die Freundschaft untereinander. Diese Stimmung, dieses Aufgehobensein.»

Etwas, das viel Arbeit erfordere, sich aber doppelt und dreifach lohne. Das treibe sie an, seit 37 Jahren diese Reisen zu organisieren. «Diese schönen Erlebnisse sind Lebensqualität.» Sagt es und verabschiedet sich. Sie will zurück. Zurück zu ihren Freundinnen, die im «Camino» auf sie warten.

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