Öffentliche Räume

Ausgestorbene Dorfkerne und Strassen sollen wieder Orte der Begegnung werden

In vielen Gemeinen verkümmert der Dorfkern. Jetzt wollen Kanton und Gemeinden diese neu beleben – auch Strassen sollen vermehrt zu Orten der Begegnung werden.

Wer als Ortsunkundiger durch Meisterschwanden fährt und das Dorfzentrum sucht, landet möglicherweise auf dem Bärenplatz – dieser liegt aber in der Nachbargemeinde Fahrwangen, die mit Meisterschwanden verwachsen ist. Ein Zentrum hat Meisterschwanden nicht.

So war es bis Ende 2014. Im vergangenen November hat Meisterschwanden ein grosses Dorfzentrum mit Coop, Bank, Apotheke, Gemeindeverwaltung und Wohnungen eröffnet. Gemeinde und Private brachten dafür 35 Millionen Franken auf. «Meisterschwanden feiert heute Auferstehung», sagte Gemeindepräsident Ueli Haller damals in seiner Ansprache, seit Jahrzehnten habe man sich einen solchen Ort gewünscht. Der mit 170 000 Bsetzisteinen belegte Platz soll zum Dreh- und Angelpunkt des öffentlichen Lebens werden.

Zentren verlieren an Bedeutung

Dass Meisterschwanden nie einen Ort der Begegnung hatte, stimmt nicht ganz. Das Dorfleben hatte sich wie in den meisten Gemeinden im Kanton bis Anfang des 20. Jahrhunderts auf der Hauptverkehrsachse und den Vorplätzen der angrenzenden Häuser abgespielt. Dort traf man sich zu Einkauf und Tratsch.

Das Auto verdrängte dann das Leben von den Strassen dieser sogenannten Strassendörfer. In den 1930er-Jahren und dann vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg wurden mit Hochdruck Strassen gebaut. Die Planer gingen brachial vor: Die breiten Achsen wurden begradigt; was den neuen Strassen im Weg stand abgerissen und Dörfer dadurch geteilt. Dorfkerne verloren an Attraktivität, im schlimmsten Fall löste sich das Zentrum auf.

«Heute fehlt deshalb in vielen Gemeinden ein attraktiver Dorfplatz oder ein anderer öffentlicher Raum, wo man sich begegnet», sagt Samuel Flükiger, Berater für Ortsbild, Siedlung und Städtebau in der Abteilung Raumentwicklung im kantonalen Baudepartement. «Das erkennen immer mehr Gemeinden als Problem – vor allem, wenn sich ein Dorf gleichzeitig durch viele Neuzuzüger zur Schlafgemeinde entwickelt und dadurch anonym wird.»

Gemeinden werden aktiv

Die Dörfer sollen deshalb wieder belebt werden. Der Regierungsrat hat die Abteilung Raumentwicklung beauftragt, die Gemeinden darauf zu sensibilisieren, mehr öffentliche Räume zu schaffen. Oft sehen Gemeinderäte und Bevölkerung von sich aus Handlungsbedarf. Zum Beispiel in Oberentfelden, das keinen Ortskern hat und von Schiene und Strassen in zwei Teile zerschnitten ist: Dort zeigte eine kleine Umfrage der Reformierten Kirche, dass sich die Bevölkerung auf dem ungenutzten Dorfplatz einen Treffpunkt mit Spielplatz, Café und Grünfläche wünscht.

Einen belebten Dorfplatz möchte man auch in Kölliken: Seit über 20 Jahren ist dieser ein Thema, nach mehreren Rückschlägen hat vor drei Wochen ein Workshop mit der Bevölkerung stattgefunden, um Ideen zu entwickeln. Auch in Buchs – ein Streudorf ohne richtiges Zentrum – möchte man längst eine Brache vor der Mehrzweckhalle als Ort der Begegnung nutzen. «Wir spüren grosse Bestrebungen seitens der Gemeinden, attraktivere öffentliche Räume zu schaffen», sagt Samuel Flükiger.

Das Gewerbe muss mitziehen

Weil mehr verdichtet gebaut wird, dürfte das Thema öffentliche Räume in Zukunft noch wichtiger werden. Es sind deshalb nicht nur einzelne Gemeinden, die handeln. Ende 2012 äusserte sich der Schweizerische Gemeindeverband besorgt über die Attraktivität der Zentren und erarbeitete darauf einen Leitfaden, wie Städte und Gemeinden ihre Kerne neu beleben können – dies in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Gewerbeverband. Gemeinden und Gewerbe können nur gemeinsam die Zentren nachhaltig aufwerten, so der Tenor.

Die Wichtigkeit vom Gewerbe für das öffentliche Leben zeigt sich bereits in kleinen Gemeinden: Oft unterstützen diese finanziell den Dorfladen, um dieses Angebot und damit einen wichtigen Treffpunkt im Dorf zu erhalten.

In Meisterschwanden wurde bei der Planung des Dorfzentrums Wert auf einen guten Mix aus Wohnungen, Gewerbe, Verwaltung und weiteren Angeboten gelegt, um diesen zu beleben. Damit ist es laut Gemeindepräsident Ueli Haller aber nicht getan. «Nach dem grossen Einweihungsfest im Juni sollen regelmässig Aktivitäten stattfinden.»

Strassen sollen belebt werden

Eine Konzentration viele Angebote in einem in sich fast geschlossenen, von der Strasse zurückversetzten neuen Dorfzentrum wie in Meisterschwanden könnte jedoch laut Baudepartement die Einwicklung anderer Dorfteile konkurrenzieren – vor allem entlang den Hauptstrassen fernab dieses künstlich geschaffenen Zentrums.

Auf und entlang dieser Strassen sieht der Kanton nämlich grosses Potenzial, die Strassenräume von früher teilweise wieder herzustellen und so zu beleben. «Diese Strassen könnten wieder vermehrt zu breiteren Räumen werden, wo Autofahrer, Velofahrer und Fussgänger gleichberechtigt sind», sagt Teo Rigas, Fachberater in der Abteilung Raumentwicklung. Da auf einer Kantonsstrasse die Geschwindigkeit nicht reduziert werden kann, seien die Möglichkeiten jedoch begrenzt.

Dass es trotzdem geht, beweist der Kanton in der Seetaler Gemeinde Leutwil: Der heutige marode Dorfplatz, über den die Kantonsstrasse verläuft, wird zu einem grossen, ovalen Raum umgebaut, Strasse und Platz verschmelzen. Der Verkehr wird durch Verengungen bei den Einfahrten zum Platz abgebremst. Die Planer haben damit der Lebensqualität höhere Priorität eingeräumt als den Strassen.

Damit wird in Leutwil ein wichtiger öffentlicher Raum nachhaltig aufgewertet. Es ist der einzige, denn in Leutwil gibt es keine Beiz mehr, wo die Turner nach ihrem Training ein Bier trinken können. Und der Volg-Laden musste 2009 geschlossen werden.

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