Aarau

Bekommt der Aargau das erste Schul-Hochhaus? Neun Fragen und Antworten zum geplanten Oberstufenzentrum

Der Blick auf die Telli mit dem Telli-Hochhaus (85 Meter), der geplanten Kantonalen Notrufzentrale (2), der Berufsschule (3) und der Postautogarage (4). Variante 1 (orange markiert) mit einem 60-Meter-Schulhaus-Hochhaus wäre schweizweit einzigartig.

Der Blick auf die Telli mit dem Telli-Hochhaus (85 Meter), der geplanten Kantonalen Notrufzentrale (2), der Berufsschule (3) und der Postautogarage (4). Variante 1 (orange markiert) mit einem 60-Meter-Schulhaus-Hochhaus wäre schweizweit einzigartig.

Das Gebäude in der Telli ist Teil einer Oberstufenschulhaus-Strategie. Es gefährdet die angedachten Kantonsschulen in Brugg oder Lenzburg.

1. Wie ist die Ausgangslage?

Das Oberstufenschulhaus Schachen (OSA, für Sek und Real) von 1970 ist so marode, dass es bis 2027 ersetzt werden muss. Im Investitionsplan (bis 2027) sind dafür total 50 Millionen Franken (inklusive Projektierung) vorgesehen.

Am Donnerstag hat die Stadt eine Machbarkeitsstudie für ein Oberstufenzentrum auf der Leichtathletikanlage in der Telli (neben dem Hallenbad) publik gemacht. Das Areal gehört weitgehend der Ortsbürgergemeinde, ist aber bis 2052 im Baurecht an den Kanton abgegeben (Sportanlagen der Alten Kanti). In drei Varianten zeigt die Studie des Architektur- und Städtebaubüros Ernst Niklaus Fausch Partner AG auf, wie in der Telli nicht nur Sek und Real, sondern auch die Bez untergebracht werden könnten. Dazu schreibt der Stadtrat: «Neben den Oberstufenstandorten sind der Stadt Aarau aber auch die Kantonsschulen wichtig. Im Hinblick auf eine optimale Entwicklung der Neuen Kantonsschule hat die Stadt Aarau das Areal der Bezirksschule Zelgli als Erweiterungsoption eingebracht.»

2. Gelingt Aarau damit der grosse Wurf?

Für Grössenordnung 75 Millionen Franken (1. und 2. Etappe) würde Aarau all seine Oberstufenschulhaus-Probleme lösen und seine Position im Kampf um die geplanten neuen Kapazitäten bei den Kantonsschulen massiv verbessern. «Es geht um beides: das neue Oberstufenschulhaus und die Sicherung der Kantonsschulen», betont den auch Stadtpräsident Hanspeter Hifliker.

3. Welches sind die drei Varianten?

Das Areal musste folgende Voraussetzungen mitbringen: Platz für 66 Abteilungen, aufgrund der Dringlichkeit aufgeteilt in zwei Etappen (30 bzw. 36 Abteilungen), dazu Raum für Aussenfreiflächen (Rasensportfeld und zwei Allwetterplätze). Variante 1 und 2 stechen mit einem 60-Meter-Hochhaus mit 13 Geschossen (Turnhalle im obersten Geschoss, Referenz Schulhaus Leutschenbach von Christian Kerez Architekten AG) heraus – das wäre bislang schweizweit einzigartig. Variante 1 sieht ausserdem zwei 5-geschossige Bauten vor, Variante 2 kombiniert das Hochhaus mit einen Atriumbau. Variante 3 sieht kein Hochhaus vor, dafür einen langen, in Tiefe und Höhe variierenden Baukörper.

Das Hallenbad soll erhalten bleiben, bis ein Ersatz besteht. Alle drei Varianten ziehen die Hallenbad-Parzelle für spätere Ergänzungsbauten zur Umgestaltung der Tellistrasse mit ein. Klar ist, dass das Hallenbad in der Telli baldmöglichst saniert werden soll.

4. Warum machen die Aarauer Ideen in Brugg und Lenzburg keine Freude?

Die Kantonsschulen sind räumlich überlastet. Der Kanton plant deshalb eine neue Mittelschule in Brugg oder Lenzburg. Unter anderem, weil angeblich in Aarau kaum Expansionsmöglichkeiten bestehen. Das stellte Grossrätin Suzanne Marclay in einem Vorstoss in Frage. Als Stadträtin wusste sie, dass Aarau etwas im Köcher hat. Dank dem Zelgli-Schulhaus könnte die unmittelbar benachbarte Neue Kanti erweitert, oder die Kantonale Schule für Berufsbildung dorthin gezügelt werden. So entstünde Platz für einen Kantonsschul-Campus auf dem Areal der Alten Kanti beim Bahnhof.

5. Was würde das Oberstufenzentrum im Telli für das Zelgli bedeuten?

Das Zelgli-Schulhaus (denkmalgeschützt seit 1987) wurde exklusiv für Bezirksschüler gebaut. Bis dato waren diese mitsamt allen Schulstufen im Pestalozzischulhaus (heute KV-Schulhaus) untergebracht. Im Zelgli siedelten sich auch das Lehrerinnenseminar (heute Neue Kantonsschule) und die Töchterschule (heute Fachmittelschule) sowie die Aargauische Maturitätsschule für Erwachsene an. Seit der Einweihung 1911 sind im Zelglischulhaus Zehntausende Jugendliche aus Aarau und den umliegenden Gemeinden zur Schule gegangen. Die Verlegung der Bezirksschule nach über 110 Jahren wäre für Aarau und speziell fürs Zelgli eine höchst emotionale Angelegenheit. Ganz zu schweigen vom «Verlust» des Gebäudes durch die Übernahme durch den Kanton. Laut Stadtpräsident Hanspeter Hilfiker ist das Zelglischulhaus mit einer Versicherungssumme von über 45 Millionen Franken das wertvollste Gebäude der Stadt.

6. Was würde es für die Telli bedeuten?

Für die Telli wäre der Oberstufenstandort ein Gewinn. Motorisierten Mehrverkehr gäbe es kaum (nur 40 zusätzliche Parkplätze). Der Fussweg zum Einkaufszentrum würde bestehen bleiben. Im Zusammenspiel mit dem Telli-Hochhaus gegenüber könnte das neue Hochhaus laut Studie «deutlich zur Transformation der Tellistrasse in eine Stadtstrasse mit Fussgängerfrequenzen» beitragen.

7. Wo kommen die Oberstufenschüler her?

Die rund 1100 Oberstufenschüler der Kreisschule Aarau-Buchs gehen heute im Zelglischulhaus (400 Bezler aus Aarau, Küttigen, Rombach, Biberstein, Buchs, Aarau Rohr und Erlinsbach), im Oberstufenschulhaus im Schachen, im Stäpflischulhaus in Aarau Rohr, in der Suhrenmatte in Buchs oder im Schulhaus Stock in Küttigen zur Schule. Der Grossteil dieser Schüler dürfte zu Fuss oder mit dem Velo zur Schule gehen (geplant sind 825 Veloparkplätze). Verkehrstechnisch drängt sich damit der zweite – bereits aufgegleiste – Aareübergang zwischen Scheibenschachen und Telli auf. Eine Knacknuss dürfte bei schlechtem Wetter oder im Winter der öV werden, nicht nur wegen der Schlaufe über den Bahnhof. Die Busse sind zeitweise bereits heute wegen der Berufsschüler voll ausgelastet.

8. Wie sieht der Fahrplan aus?

Der Stadtrat will bis Ende 2020 den Standortentscheid treffen: Ersatzbau im Schachen oder Neubau in der Telli. Dann wird projektiert. Dafür sind 5 Millionen im Investitionsplan zwischen 2021 und 2023 eingestellt. Die Realisierung der ersten Etappe ist ab 2024 bis 2027 geplant. Vorgesehen sind dafür 45 Millionen Franken. Klar ist: In einer 1. Etappe wird der Ersatz für das OSA-Gebäude (Sek/Real) im Schachen erstellt. In einer zweiten Etappe gibts dann Platz für die «Zelgli»-Züglete (Bez). Das «Zelgli» käme ins Hochhaus (bei 2 von 3 Varianten). Würde die Kanti der Leichtathletikanlage nachtrauern? Kaum. «Die Kantonsschule sagt selber, sie nutze die Aussenanlagen nur relativ selten», erklärt Hilfiker.

9. Welchen Einfluss hätte der Zukunftsraum?

Kommt das Gemeindefusionsprojekt Zukunftsraum zustande, wird die Schule neu organisiert. Die Schule wird ins Departement Bildung und Sport integriert, die Kreisschulen Entfelden sowie Aarau-Buchs werden aufgelöst (für Buchs ist eine Vertragslösung angedacht). Suhr und Oberentfelden behalten ihre Oberstufe.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1