Mönch auf Zeit

Beten, Feiern, Haare abrasieren: So läuft eine Ordination zum buddhistischen Mönch ab

Der Aargauer Robin Heiz nach seiner Ordination: Er ist nun offiziell ein Mönch.

Der Aargauer Robin Heiz ist in zwei Kulturen aufgewachsen. Seine Mutter ist Thailänderin, sein Vater Schweizer. Mit 22 Jahren ist er nun einer Tradition gefolgt, auf die in buddhistischen Familien viel wert gelegt wird: Er wurde – wenn auch nur für eine kurze Dauer – Mönch.

Seine Augen sind geschlossen, als ihm der oberste Mönch des Tempels Wat Don Phreng mit einem Rasierer die Augenbrauen entfernt. Robin hält seine Hände vor der Brust zum Gebetsgruss gefaltet. Um seinen Hals liegt eine Goldkette, die ihm seine Mutter als Geschenk umgelegt hat.

Bis vor zehn Minuten hatte Robin noch volles, mittellanges, schwarzes Haar, stilbewusst zur Seite geföhnt. Nun ist er kahlgeschoren. Jeder Gast durfte ihm zuvor eine Haarsträhne abschneiden, feierlich wird alles fotografisch festgehalten.

Die Rasur ist einer der letzten Schritte, bevor Robin Heiz am darauffolgenden Tag in Ban Na – mehr als 9000 Kilometer von seinem Zuhause in Rohr bei Aarau entfernt – in einem festlichen Akt zum Mönch gemacht wird. «Man kann es vergleichen mit einer Erstkommunion oder einer Firmung», begründet der 22-Jährige die Entscheidung, dieser Tradition zu folgen. Ausserdem soll es der Familie Glück bringen.

Ohne Haare schwitzt man weniger

Robins Mutter ist Thailänderin, sein Vater ist Schweizer. Robin und seine ältere Schwester sind nach buddhistischem Glauben und trotzdem bikulturell aufgewachsen. Das Weihnachts- und Osteressen mit den Schweizer Grosseltern hat jedes Jahr stattgefunden.

Der oberste Mönch, ein kleiner und ausserordentlich dünner Mann in oranges Gewand, grinst breit, als er den angehenden Mönch aus der Schweiz fertig rasiert hat. «Ein Mönch muss sauber sein und darf sich nicht mit Eitelkeiten beschäftigen», erklärt Obermönch Achan Bam, der die Rasierklinge mittlerweile abgelegt hat.

Bereits seit zwanzig Jahren ist er hier im Tempel. Ohne Haare schwitze man weniger und es sei einfacher, sich sauber zu halten, erklärt er. Die ganze Familie – die Thailändische und Schweizer Seite – hat um Robin herum einen Halbkreis gebildet. Die abgeschnittenen Haarreste, die ihm noch am nackten Oberkörper kleben, werden mit kaltem Wasser weggewaschen. Eine willkommene Abkühlung, das Thermometer zeigt an diesem Nachmittag fast 40 Grad.

Diese Ordination ist auch für die Mönche aussergewöhnlich

Fünf Tage wird Robin im Tempel verbringen und leben wie die anderen acht hier ansässigen buddhistischen Mönche. Dass ein junger Mann zum Mönch gemacht und somit in den Orden aufgenommen wird, ist in Thailand nichts Aussergewöhnliches.

Robins Ordination jedoch ist auch für den Obermönch ein Novum: «Das ist das erste Mal, dass wir hier bei uns einen jungen Mann aufnehmen, der nur zur Hälfte Thailänder ist und noch dazu im Ausland lebt», sagt er nach dem ersten gemeinsamen Gebet. Dies soll für den Aargauer aber kein Nachteil sein, wie sich in den darauffolgenden Tagen zeigen wird. Im Gegenteil.

Robin zieht im Tempel in ein Einzelzimmer ein. Bilder von Buddha zieren die Wand. Er erhält ein weisses Gewand, das er bis zur offiziellen Ordination am darauffolgenden Tag tragen wird. Beim ersten Blick in den Spiegel muss Robin ob des kahlen Schädels und der fehlenden Augenbrauen schmunzeln. «Meine Freundin hat gesagt, ich sehe aus wie ein Krimineller», sagt er lachend, als er sie kurze Zeit später über Facetime in die Schweiz anruft.

Robins Mutter Pornthipha legt ihm wohlriechende geflochtene Kränze aus frischen Jasminblüten um den Hals, ebenso vier Tausend-Baht-Noten. Für Glück und Segen. Sie trägt ein eigens für dieses Fest massgeschneidertes, rosafarbenes Oberteil aus Spitze. An ihren Augen kann man ablesen, dass sie glücklich ist. Robins Ordination ist für die gläubige Buddhistin ein bedeutendes Ereignis.

Mönch auf Zeit: Teil 1

Mönch auf Zeit, Teil 1

Robin Heiz aus Aarau Rohr folgt einer thailändischen Tradition und wird im Heimatland seiner Mutter buddhistischer Mönch. Dafür lässt er seinen Alltag in der Schweiz zurück. Der erste Teil der Serie zeigt, wie sich der junge Mann auf das Abenteuer vorbereitet.

Durch die Ordination zu gutem Karma

Vor 26 Jahren heiratete sie ihren Mann Markus, seither leben sie gemeinsam in Rohr. Sie hat das Fest aus der Schweiz mithilfe ihrer Geschwister, die in Thailand leben, lange Zeit im Voraus organisiert. Sowohl Robin als auch seine ältere Schwester sprechen fliessend Deutsch und Thailändisch. Für Pornthipha ist es sehr wichtig, dass ihre Kinder eine Verbindung zu Thailand haben: «Das habe ich ihnen primär über die Sprache weitergegeben, damit sie diese Kultur auch verstehen können und sie ihre Wurzeln nicht verlieren.» Auf diesem Weg sei es für sie möglich gewesen, ihren Kindern beizubringen, was richtig und was falsch ist.

Dass Robin nun zum Mönch ordiniert wird, macht sie stolz. Dadurch bekommen sowohl er als auch seine Eltern gutes Karma: «Es zeigt auch, dass er ein guter junger Mann ist. Menschen, die zum Beispiel ein Verbrechen begangen haben, dürfen nicht Mönch werden.»

Die Zeit im Tempel sollte ein junger Mönch dazu nutzen, eine innere Ruhe zu finden sowie die Tugenden der Zurückhaltung und Bescheidenheit zu erlernen. Im Wat Don Phreng herrschen entgegen den Erwartungen nicht so strenge Regeln. Die Mönche gehen hier mit der Zeit. «Wir müssen wissen, was läuft», sagt der oberste Mönch lächelnd und deutet auf sein Smartphone. Der Tempel hat sogar ein eigenes W-LAN-Netz.

Mönch auf Zeit, Teil 2

Mönch auf Zeit, Teil 2

Der 22-jährige Robin Heiz wird in Thailand zum buddhistischen Mönch. Dafür muss er als erstes seine Haare und Augenbrauen abrasieren. Sehen Sie im zweiten Teil der Serie, wie der oberste Mönch ihn ins Leben im Tempel einführt.

Das Fest am Vorabend der Ordination gleicht einer Hochzeit

Am Abend versammeln sich rund hundert Gäste auf einem grossen Platz hinter dem Tempel. Tische und Stühle sind weiss dekoriert, es gibt frischen Fisch und weitere thailändische Köstlichkeiten. Robin und seine Mutter empfangen Freunde und Verwandte unter einem blau-weissen Blumenbogen.

Auf einer Bühne singen und tanzen lokale Künstler stundenlang. Die Kostüme werden sie mindestens 15 Mal wechseln. Hinter ihnen lächelt Robin – hier noch mit Haaren und die Hände wieder zum Gebet gefaltet – von einem metergrossen Banner auf das Geschehen herunter.

Tag zwei der Feierlichkeiten. Bei Sonnenaufgang versammeln sich Familienangehörige, Nachbarn und Freunde vor dem Tempel zur Ordinationszeremonie. Eine muntere Band auf Rädern spielt traditionelle thailändische Musik. Insgesamt dreimal laufen und tanzen die Gäste um den Tempel herum, eine Art Prozession. Die Zahl Drei steht für Buddha, seine Lehren und die Gemeinschaft.

Robins Ordination ist ein herrlich ausgelassenes Fest. In den Händen halten seine Angehörigen farbige Körbe mit einfachen Gaben für die Mönche – wie etwa Aspirin und Zahnpasta. Robin selbst läuft ganz hinten mit. Er trägt wieder das weisse Gewand und wird von seinem Cousin mit einem verzierten Schirm vor den bereits starken Sonnenstrahlen geschützt.

Nur kurze Zeit später wird derselbe Schirm umgedreht und als Auffangbecken benutzt: Von der obersten Treppenstufe des Tempels fliegen zum Ende des Umzugs farbig verpackte Baht-Münzen für die Gäste durch die Luft.

Mönch auf Zeit: Teil 3

Mönch auf Zeit: Teil 3

Gewand wird je nach Aktivität anders gebunden

Robin wird von seinen Cousins in den Tempel gehievt und berührt dabei den oberen Türrahmen. Drinnen warten die ordinierten Mönche bereits auf den Novizen. Der 22-Jährige kniet nieder und neigt den Kopf zum gemeinsamen Gebet. Der Schweiss perlt ihm vom kahlen Schädel herunter auf die Nasenspitze. Draussen herrschen trotz der frühen Tageszeit wieder weit über 30 Grad.

Der oberste Mönch übergibt Robin das orange Gewand, das nur von geweihten Mönchen getragen werden darf. Drei Mönche helfen ihm beim korrekten Anziehen. Darunter darf er nicht einmal mehr Unterwäsche tragen. «Wie soll ich das morgen früh selber schaffen?», fragt er etwas verunsichert auf thailändisch. Das Gewand wird je nachdem, welcher Aktivität die Mönche nachgehen, anders gebunden. «Wir werden dir helfen», antwortet ein Mönch.

Essen dürfen die Mönche nur bis kurz vor dem Mittag

Von jetzt an ist Robin offiziell ein buddhistischer Mönch, wenn auch nur für ein paar Tage. Draussen warten die Gäste auf ihn und verbeugen sich mit zusammengefalteten Händen, als er vorbeiläuft. Sie legen Geldspenden in einen orangefarbenen Stoffsack, den Robin vor sich trägt. Nach einem weiteren Gebet essen die Mönche gemeinsam. Dies tun sie täglich bis maximal 11.30 Uhr, danach wird bis auf Wasser oder Milch gefastet.

Robin hat seine Lektion bereits gelernt: «Ich muss schnell essen, denn wenn der oberste Mönch fertig gegessen hat, müssen alle anderen auch aufhören.» Am Nachmittag sind die Mönche selten draussen anzutreffen: «Es ist einfach zu heiss», sagt Robin. Den restlichen Tag wird er ruhen, beten und meditieren. «Augen zu und möglichst den Kopf leeren», erklärt der junge Mann.

Der Aargauer Robin Heiz folgt einer Thailändischen Tradition und wurde - wenn auch nur für ein paar Tage - zum buddhistischen Mönch. Reportage aus Thailand.

Robin Heiz ist jetzt ein buddhistischer Mönch.

Der Aargauer Robin Heiz folgt einer Thailändischen Tradition und wurde - wenn auch nur für ein paar Tage - zum buddhistischen Mönch. Reportage aus Thailand.

Bevölkerung kocht gerne Essen für die Mönche

Der dritte Tag beginnt für Robin bereits um 4.30 Uhr morgens. Draussen ist es noch dunkel. Wie versprochen, helfen ihm die Mönche in sein Gewand. Barfuss und mit einer Almosenschale machen sie sich auf den Weg, um im Dorf Essensgaben einzusammeln. Der Fussmarsch dauert mehrere Stunden.

Robins Mutter trägt einen Korb mit einer roten Schleife und wartet ungeduldig am Strassenrand, bis ihr Sohn vorbeikommt. Sie hat Reis und thailändische Zimtsuppe vorbereitet. Als sich die Mönche auf dem staubigen Landweg nähern, knien die Bewohner vor ihrem Haus zu Boden. Essen für Mönche zu kochen, ist gläubigen Buddhisten wichtiger, als für sich selbst zu kochen.

Robin öffnet seine Almosenschale und nimmt das Essen entgegen, die Mönche sprechen einen Segen aus. Robin sieht müde aus, die Hitze macht ihm zu schaffen. «In meinen Füssen stecken kleine Steinchen», sagt er etwas abgekämpft. Er wolle sich aber nicht beschweren: «Das gehört dazu.»

Der Aargauer ist in Thailand eine Attraktion

Seine westlichen Gewohnheiten legt ihm hier niemand zur Last, im Gegenteil. «Ich werde hier richtig vorgezeigt», sagt Robin später nach dem Essen. Der oberste Mönch habe den Dorfbewohnern während der Essenssammlung immer wieder stolz erzählt, dass dies nun der neue Mönch aus der Schweiz sei.

«Auch die anderen Mönche helfen mir. Sie verstehen es, wenn ich etwas komplett falsch mache, denn sie wissen, dass ich es nicht besser weiss.» Der Aargauer ist hier eine kleine Attraktion. Am Nachmittag wird Robin gemeinsam mit den anderen Mönchen einen anderen Tempel besuchen.

Nach fünf Tagen im Wat legt Robin das orangefarbene Gewand ab. Um viele Eindrücke reicher und mit einem anderen Bezug zum Essen. «Hier beschäftigt man sich nicht damit, was man essen will, sondern isst das, was einem gegeben wird.» Der Sinn des Essens sei nicht der Genuss, sondern die Notwendigkeit.

Robin glaubt an gutes und schlechtes Karma. Er habe schon immer gewusst, dass er einmal Mönch werden würde. «Die Frage war nur wann.» Der Zeitpunkt habe jetzt gestimmt: «Ich habe die Berufsmatura abgeschlossen, ich habe jetzt ein Zeitfenster, da haben wir gesagt: Lass es uns jetzt tun.» Zurück in der Schweiz, hat Robin nun sein Studium als Wirtschaftsinformatiker begonnen.

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