Um 10.10 Uhr gestern Morgen steht Reto Fischer auf der Buchser Obermatte, holt tief Luft, und sagt: «Es schlagen zwei Herzen in meiner Brust.» Und dann erklärt er, der parteilose Buchser Einwohnerrat und glühende FC Aarau-Fan seit Jahrzehnten, weshalb er sich einer Bewegung angeschlossen hat, die sagt: Das Torfeld Süd ist der falsche Standort für ein neues Fussballstadion, man müsse Alternativen suchen.

Fischer gehört nicht dem Initiativkomitee «Unser Stadion» an. Er hat aber eine Motion eingereicht, die den Buchser Einwohnerrat auffordert, Hand zu bieten für die Planung eines polysportiven Zentrums inklusive Fussballstadion auf der Obermatte.

Das klingt paradox, vielleicht auch ein bisschen nach Himmelfahrtskommando. Fischer sagt, er wolle einfach unbedingt ein neues Stadion für den FC Aarau. Aber er müsse ehrlich sein und sagen: «Ich spüre, wie das Projekt im Torfeld Süd an Rückhalt in der Bevölkerung verliert. Deshalb unterstütze ich, dass mit der Initiative die Suche nach Alternativen angestossen wird, eben beispielsweise bei uns in Buchs.

Der Standort Obermatte war auch bei uns informell immer wieder mal im Gespräch.» Aus seiner Sicht ergebe sich damit für Fans «d’Figgi und d’Mühli»: «Wir Fans können im November an der Urne Ja sagen und trotzdem die Initiative unterschreiben, sodass wir nicht mit leeren Händen dastehen, wenn das Volk Nein sagt zum Torfeld Süd.»

Als das Initiativkomitee Fischer vor einer Weile kontaktierte, sei er erst sehr skeptisch gewesen, habe sich dann aber von den Argumenten überzeugen lassen. Es sei ihm bewusst, sagt Reto Fischer, dass im Initiativkomitee auch Leute seien, die überhaupt kein Stadion wollen, weder im Torfeld noch auf der Obermatte noch anderswo. «Aber wenn die Initiative zustande kommt und die Stimmbürger zustimmen, erwarte ich vom Initiativkomitee, dass es liefert.» Klar ist: Die Initiative wäre auch ohne Fischer lanciert worden. Er habe es aber wichtig gefunden, das Thema auch in Buchs frühzeitig aufs politische Parkett zu bringen.

Das Stadion und die vier Türme kämen im Torfeld ganz nah an Buchser Siedlungsgebiet zu stehen. Trotzdem hat es seit 2017, als die Hochhäuser zum Thema wurden, keine Buchser Partei für nötig gehalten, sich öffentlich dazu zu äussern. «Die Menschen in den angrenzenden Quartieren fühlen sich von der Politik im Stich gelassen. Ich bin nicht nur FCA-Fan, sondern auch gewählter Volksvertreter.»

Er selber hat seinen Vorstoss am Donnerstagmorgen auf Facebook gepostet. Auf seinem Einwohnerrats-Profil und in seiner «FC Aarau Stammtisch»-Gruppe. Als Einwohnerrat erhält er zumindest ein paar lobende Worte. Im FCA-Fan-Forum nicht. Für dessen Mitglieder hat Fischer einen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Fischer, der Fanclub-Judas; Fischer, der Selbstdarsteller; Fischer, der sich nicht viel überlegt habe bei der Aktion. Für die Kommentatoren ist klar: Ein echter FCA-Anhänger steht hinter dem Torfeld Süd, ohne Wenn und Aber. Wie sieht denn das aus, wenn ein Hardcore-Fan plötzlich nach Alternativen sucht? Zähneknirschend wird attestiert: Das war ein cleverer Schachzug der Stadion-Gegner. 

Drohnenflug über die Obermatte in Buchs (16.8.2019)

Drohnenflug über die Obermatte in Buchs (16.8.2019)

Um 15.30 Uhr steht Reto Fischer in der Aarauer Markthalle und seufzt. Er ist gekommen für ein Video-Interview, weil er das Bedürfnis hat, sich zu erklären. Fischer hat aufgehört, die wütenden Nachrichten und Anrufe zu zählen, die ihn seit dem Morgen erreicht haben. Darunter ein Rüffel aus dem Aarauer Rathaus. Auch am Cupspiel am Sonntag wird sich Fischer wohl einiges anhören müssen. Mit dem Shitstorm habe er gerechnet, sagt der Buchser Einwohnerrat, und doch sei er enttäuscht darüber, dass gewisse Leute so engstirnig seien. Immerhin habe er auch einiges an Zuspruch erhalten. Doch kaum jemand traue sich, dies öffentlich zu tun.

Die unendliche Geschichte des Aarauer Stadions