Chronistengezwitscher
Als im Aarauer Schachen fünf vergessene Zirkus-Löwen vor Hunger brüllten

Jeden Monat werfen wir einen Blick in die Chroniken der Aarauer Neujahrsblätter. Wir schauen, was die Stadt vor 20, 50 oder 70 Jahren bewegt hat, und zeigen hübsche Trouvaillen zum Grinsen, Ärgern oder Besserwissen.

Katja Schlegel
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Im Militärschuppen im Aarauer Schachen küsst eines der fünf Löwenmännchen Dompteur Ortelli.

Im Militärschuppen im Aarauer Schachen küsst eines der fünf Löwenmännchen Dompteur Ortelli.

Str / PHOTOPRESS-ARCHIV

Gepflastert Vor zehn Jahren, am 29. Oktober 2011, atmete Aarau auf. Eineinhalb Jahre lang hatte die Aarauer Altstadt rund um die Erneuerung der Gassen gelitten; Anwohner, Geschäftsinhaberinnen, Gastronomen und Touristinnen. Ende Oktober wurde das Jahrhundertwerk offiziell übergeben. Insgesamt waren 5300 Quadratmeter Gassenfläche neu gepflastert worden.

Zugeschüttet Apropos Altstadtgassen: 20 Jahre ist es her, dass bei der Sanierung des Kellergewölbes an der Rathausgasse 18 ein «geheimnisvoller Stollen» entdeckt wurde, wie der Chronist am 16. Oktober 2001 vermerkt. Architekt Felix Kuhn hatte auf der Suche nach Raum für technische Einrichtungen Sondierarbeiten an einer ungewöhnlich dicken Wand im Erdgeschoss durchführen lassen. Dabei stiess man auf einen zugeschütteten Korridor von 80 Zentimetern Breite, 2,8 Metern Höhe und zwölf Metern Länge, gepflästert mit Kieselsteinen, teils mit Bruchstein gewölbt und teils mit grossen Kalksteinplatten eingedeckt. «Der Zugang war zugemauert gegenüber der Kellertreppe», schreibt Kuhn in seinem Artikel in den Neujahrsblättern 2003.

Der Stollen ist Teil einer zusammenhängenden Anlage, die vom zur Seidenbandfabrik umgebauten Frauenkloster quer durch die Altstadt zur Rathausgasse führt. Johann Rudolf Meyer Vater hatte um 1785 einen ganzen Komplex mitten in der Altstadt zusammengekauft, wohl in der Absicht, eine Produktionsstätte und ein Warenlager einzurichten. Das Projekt scheiterte mit der rasanten Mechanisierung des Spinnereiwesens wahrscheinlich am mangelnden Antrieb durch die Wasserkraft. Johann Rudolf Meyer Sohn baute vor den Mauern der Stadt zwischen 1794 und 1797 an der Laurenzenvorstadt 80 eine neue Fabrik, die diejenige seines Vaters ersetzte. Der Gang übrigens wurde nicht wieder verschlossen: In den unverhofft gefundenen Raum wurden die WC-Anlagen des 2001 eröffneten Clubs «Boiler» eingebaut.

Stehengelassen Fast zu gut um wahr zu sein, ist der Eintrag vom 21. Oktober 1961: «Der Zirkus Sarrasani gastiert in Aarau und lässt seinen Raubtierbändiger Ortelli mit seinen Löwen im Schachen zurück.» Löwen? Im Schachen? Da lechzt des Lesers Herz nach mehr - aber der Chronist war kein Mann der vielen Worte. Mehr steht da nicht.

Zum Glück spuckt das ETH-Archiv zusätzliche Treffer aus. So schrieb beispielsweise der Nebelspalter: «Der deutsche Zirkus Sarrasani, der den Tessiner Dompteur Ortelli mit seinen fünf Berberlöwen verpflichtet hatte, reiste von Aarau weg und liess den Löwenwagen ungesichert im Aarauer Schachen zurück. Die Stadt Aarau musste dem mittellos dastehenden Dompteur mit seinen Löwen die Reise ins Tessin finanzieren.»

Ausführlicher über das Missverständnis berichtete die NZZ am 30. Oktober 1961: Dionigi Ortelli sei vom Zirkus Sarrasani als Ersatz für seinen verletzten Dompteur für das Gastspiel in Aarau angestellt worden. Ortelli aber hatte geglaubt, sein Engagement gelte für die gesamte Tournee. «Der Zirkus Sarrasani reiste jedoch von Aarau über Basel nach Mühlhausen zu einem Gastspiel», so der NZZ-Artikel. Dabei liess er den Wagen mit den fünf Löwen einfach in Aarau zurück, ohne Dompteur Ortelli zu benachrichtigen.» Dieser habe davon erst am Zoll in Basel erfahren. Die Wagen hätten derweil im Schachen auf freiem Feld gestanden, ungesichert, «so dass jedermann diese hätte öffnen können». Zum Glück hatte keiner am Gitter hantiert; beim ohrenbetäubenden Gebrüll, das die hungrigen Löwen losgelassen hätten, wohl aber auch kein Wunder.

Die Bildagentur Keystone, die Ortelli daraufhin in Aarau besuchte, schreibt im Bildbeschrieb zum Löwen, der den Dompteur küsst: «Nun hat man die Raubkatzen vorderhand in einem Militärschuppen im Aarauer Schachen untergebracht, und der Löwenbändiger kann mit ihnen bis auf weiteres in dieser Notbehausung Vorstellungen geben.» Die Stadt hatte ihm die Vorführungen erlaubt, um einen Batzen an das Raubtierfutter zu verdienen. «Auch in diesem einfachen Rahmen klappt die Darbietung tadellos.»

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