Aarau

«Das KV war und ist sein Herzblut»: Langjähriger Rektor der Handelsschule KV Aarau verabschiedet sich

Erich Leutenegger war zwanzig Jahre lang Rektor der Handelsschule KV Aarau. In seinen insgesamt vierzig Jahren an der Schule prägte er die Institution nachhaltig. Gestern wurde der mittlerweile 65-Jährige im Pestalozzischulhaus verabschiedet.

«Das ich in den Schuldienst ging, war eher zufällig», sagt Erich Leutenegger (65), geboren in Boniswil, wohnhaft in Schöftland. Der «Dr. oec. HSG» wurde gestern als Rektor der Handelsschule KV Aarau, dem grössten KV im Aargau, verabschiedet. Er war 20 Jahre lang Leiter der Institution, die ab August wieder 1700 Schüler haben wird – 300 mehr als im ablaufenden Schuljahr.

Dass das KV Aarau gestärkt aus der kantonalen Reorganisation der Berufsschulen hervorgeht, gehört zu den letzten grossen Verdiensten von Rektor Leutenegger. In seine Zeit fiel auch die 22 Millionen Franken teure Sanierung des unter Denkmalschutz stehenden Pestalozzischulhauses (2014 beendet). Im Weiteren wurden in den insgesamt 40 Jahren seiner Tätigkeit an der KV-Schule alle Ausbildungsrichtungen (KV, Detailhandel, Pharma und Mediamatiker) mehrmals reformiert.

Ein ganz spezieller Überraschungsgast

Es war gestern Abend eine gediegene Feier in der Gänge des Pestalozzischulhauses. Natürlich mit viel Lob für den abtretenden Rektor: «Die Handelsschule KV Aarau war und ist sein Herzblut» (Schulvorstandspräsident Jürg Willi). «Sein Wissen, seine Kompetenzen, sein Wesen – all das war ein Gewinn» (Bildungsdirektor und «KV-Stift» Alex Hürzeler). «Ein brillanter Student» – das sagte der Überraschungsgast, der 85-jährige Prof. Dr. Rolf Dubs von der Uni St.Gallen.

Dubs war der Doktorvater von Erich Leutenegger, die Dissertation trug den «Jugend und Armee». Ökonom und Wirtschaftspädagoge Dubs nutzte die Chance für Kritik an den neuen KV-Lehrplänen («gefallen mir gar nicht»). Er sagte: «Es ist nicht alles falsch, was wir früher gemacht haben.»

Regierungsrat Alex Hürzeler verriet, dass es an den Schulen nach den Sommerferien wieder weitgehend normal sein wird: «Wir wollen mit dem Vollbetrieb starten aber gewisse Schutzmassnahmen walten lassen.»

Markenzeichen: Anzug und rote Krawatte

Erich Leutenegger begann seine Lehrer-Karriere während des Studiums in St.Gallen: Als Teilzeit-Kraft am Nobel-Institut Rosenberg, dass für seine schwierigen Schüler bekannt ist. «Ein harter, aber äusserst lehrreicher Einstieg», erinnert sich Leutenegger. 1984 wurde er als Hauptlehrer ans KV gewählt, nachdem er Teilpensen an der Alten Kanti (die hatte er seinerzeit besucht) und am KV gehabt hatte. «Damals wurden die Berufslernenden noch Lehrlinge und Lehrtöchter genannt», erzählt Leutenegger, der immer pick fein angezogen ist. Man könnte sagen: Der Anzug und die rote Krawatte sind sein Markenzeichen.

Als Rektor war Leutenegger Chef von etwa 100 Lehrpers­onen und 20 Verwaltungsan­gestellten (Grundausbildung). Dazu kommen 30 Festangestellte und rund 350 Dozierende (viele mit kleinen Pensen) in der Erwachsenenbildung, heute organisiert in der selbstständigen Aktiengesellschaft «KV Aarau-Mittelland Weiterbildung AG». Wie viele andere Berufsschulrektoren seiner Generation hat Leutenegger im Militär Karriere gemacht (Major). Er sagt: «Dort habe ich recht viel Menschenführung gelernt.»

Das KV Aarau profitiert von seiner hervorragenden Lage unmittelbar beim Bahnhof. Das hat aber nicht verhindert, dass seine Schülerzahl in den letzten Jahren rückläufig war: Vor allem, weil immer weniger Junge eine Detailhandelsausbildung («Verkäufer») machen. Doch nun hilft die kantonale Reorganisation: Aarau verliert zwar die Mediamatiker (an Baden), bekommt aber die KV-Absolventen aus dem Raum Zofingen und dem Wynental sowie alle Pharmaassistentinnen.

«Es ist traurig, dass es keine Abschlussfeiern gab»

Die letzten Monate seines Berufslebens hatte sich Leutenegger anders vorgestellt: coronabedingt Fernunterricht («Die grosse Mehrheit der Schüler gab Gas»), keine Abschlussprüfungen (KV und Detailhandel) oder nur praktische Prüfungen im Laden (Pharmaassistentinnen). Und vor allem keine Abschlussfeiern. «Das ist traurig», sagt Leutenegger. Wenigstens konnten die Schüler unter Einhaltung der Corona-Regeln klassenweise Party machen – und erhielten dafür 25 Franken pro Person aus der «Bussenkasse».

Und jetzt? Leutenegger dankt seinen Weggefährten und äussert einen Wunsch: «Der immer wiederkehrende Kampf gegen die Kantonalisierung und damit für den Erhalt der privaten Trägerschaft sollte ein Auftrag der Schulleitung bleiben.» Träger der Handelsschule KV Aarau ist der Kaufmännische Verband Aarau-Mittelland.

Privat will der Neu-Pensionär vermehrt aufs Green: «Ich spiele seit zehn Jahren Golf – jetzt will ich es endlich lernen.»

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Autor

Urs Helbling

Urs Helbling

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