Adventskalender (24)
Das Portal ist ein Andenken an verletzten Künstlerstolz

Die letzte Adventstüre ist die grösste: das Portal im Spittelgarten. Wohin führt es?

Katja Schlegel
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Die Weihnachtstüre

Die Weihnachtstüre

Chris Iseli

Dieses Portal ist gewaltig. Würde einen die Vernunft nicht mahnen, man wähnte sich vor dem Eingang in eine Zauberwelt. Ein Tor, das, würde man zaghaft anklopfen, ein Zwerg öffnen würde.

Was liegt dahinter? Nackter Fels, mutmassen die Realisten, ein Kirchenschatz, hoffen die Träumer. Doch wissen tut es keiner, der Schlüssel ist verschwunden. Und selbst die Geschichte zum Portal kennt keiner mehr genau. Und so beginnt die Suche gemeinsam mit dem inzwischen pensionierten Pfarrer Christian Bader. Wir haben die Geschichte gefunden, in Broschüren, Protokollen und Abrechnungen im Archiv der Reformierten Kirchgemeinde. Ein Krimi; mal bitterbös, mal lustig, mal erinnert er an heutige Diskussionen.

Die Weihnachtstüre
7 Bilder
Ohne Pfarrer Christian Baders Hilfe wäre das Portal heute noch zu
Trotz richtigem Schlüssel macht die Tür keinen Wank
Es nützt alles Suchen nichts, hinter der Tür liegt nicht mehr als nackter Fels
Die Tür gibt ihr Geheimnis preis
Das Portal wirkt wie der Zugang in eine Zauberwelt
Der Schlüssel passt

Die Weihnachtstüre

Chris Iseli

Viel Überzeugungsarbeit

81 Jahre ist es her, als die Kirchenpflege dem Gemeinderat (heute Stadtrat) vorschlug, im Zug der Innenrenovation der Stadtkirche auch die beiden Haupteingänge umzubauen. Die Bestehenden würden «ungeschickte und unschöne Anhängsel darstellen», steht in einem Schreiben vom April 1933. Es sollte aber noch Jahre dauern, bis die Renovation in Angriff genommen wurde. Abklärungen und Gutachten zogen die Sache in die Länge, Kunstverständige schauderte es ob des bunt bemalten und reich verzierten Kircheninnerns, dem Volk gefiel es. Viel Überzeugungsarbeit war nötig, die Kirche auf schlicht zu trimmen.

Mit der Idee für neue Eingänge rannte die Kirchenpflege aber nicht nur bei der Stadt, sondern sogar bei der Kunstkommission des Eidgenössischen Departements des Innern offene Türen ein: Diese sprach nämlich je einen Beitrag von 2000 Franken an das Portal des Wettinger Bildhauers Eduard Spörri sowie die Glasfenster von Felix Hoffmann. Gleichzeitig bat die Kirchenpflege die Gemeindemitglieder darum, den einen oder anderen Batzen für die Verschönerung der Stadtkirche springen zu lassen. Im April folgte ein Geldsegen aus Bern: Weil die Kunstkommission von den Werken begeistert war, sprach sie noch einmal je 3000 Franken. Insgesamt betrug das Bildhauerhonorar 20 000 Franken, das Portal kostete 43 000 Franken.

1941 wurde das sieben Meter hohe Südportal mit den Figuren von Bildhauer Spörri eingesetzt. Es zeigt unter anderem die fünf törichten und fünf klugen Jungfrauen aus dem Matthäusevangelium, eine in der Gotik beliebte Darstellung. Beliebt und praktisch, wie eine Anekdote zeigt: So soll Stadtpfarrer Fritz Oser jeweils seinen angerauchten Stumpen zwischen die Zehen der Jungfrauen geklemmt und nach der Sonntagsschule fertiggepafft haben.

«Überdimensioniertes Portal»

Die Begeisterung der Aarauer für die Jungfrauen hielt nicht lange. Zwar diskutierte man vor und während der Renovation 1965/66 erst des Langen und Breiten über die Kostenverteilung, die Heizung, den Hausschwamm, die fürchterlich unbequemen Sitzbänke und ihren Stuhl-Ersatz (der Stuhl-Entscheid fiel zu guter Letzt aufgrund der Berichte eines Orthopäden, der sich über mehrere Seiten hinweg über den Sitzkomfort ausliess). Doch im Frühling 1966 taucht das Traktandum «Südportal» auf: Ein Denkmalpfleger schreibt, das Portal verletze das «architektonische Gepräge empfindlich». Der Gemeinderat findet im Protokoll vom 20. Juni 1966 noch deutlichere Worte: An der schlichten Kirche wirke «der bombastische, architektonisch völlig verfehlte Eingang schlimmer denn je als Krebsgeschwür an einem sonst gesunden Baukörper». Das sah auch die Kirchgemeinde so und stimmte der Entfernung des Portals mit 87 zu 6 Stimmen zu. Der Gemeinderat willigte ein unter der Bedingung, dass die Kirchgemeinde die Kosten für den Ausbruch und die Wiederherstellung von 35 500 Franken trage.

Bildhauer Spörri soll – wen wunderts – ob des Entscheids tief gekränkt gewesen sein. In einem Schreiben an ihn windet sich die Kirchenpflege und schiebt den schwarzen Peter der Stadt zu, die den Plan für den wuchtigen Vorbau erarbeitet hatte. Der Künstler habe seine Figuren nur auf die dafür vorgesehenen Sockel setzen können. Die Kirchenpflege beteuert, dass niemals die künstlerische Leistung in Zweifel gezogen wurde und den Künstler keinerlei Verantwortung treffe. Und man verspricht, das Werk an geeigneter Stelle zu zeigen, wahrscheinlich beim Friedhof.

Ein Kopf verschwindet

Nur Tage später, am 30. Juni 1966, wurde mit den Ausbauarbeiten begonnen. Dabei schlug ein herunterfallender Quader einer Jungfrau den Kopf ab. Dieser Kopf verschwand kurz darauf auf mysteriöse Art und Weise: Ein Herr fuhr bei der Baustelle vor und verlangte forsch nach dem Kopf. Ein verdatterter Arbeiter händigte ihm diesen aus, der Mann gab ihm ein anständiges Trinkgeld und verschwand. Nach dem Diebstahl des Kopfes wurden die Figuren im Werkhof in einem Schopf eingeschlossen. Und da blieben sie auch.

Erst 1974 tauchen die Jungfrauen wieder auf: Stadtrat Felix Felber warf die Frage auf, «ob die verschwundenen Jungfrauen wieder aus dem Grabe, beziehungsweise Werkhof, ans Tageslicht erhoben werden könnten.» Ein Jahr später stimmte der Stadtrat dem Vorschlag zu, das Portal im Spittelgarten als «totes Portal» aufzustellen. Für 42 000 Franken – mitsamt neuem Jungfrauenkopf.

Und seither steht es da und stachelt die Fantasie an. Und den Wunsch, es zu öffnen. Doch wo ist der Schlüssel? Der Zufall hilft: Eine Schachtel im Archiv im Bullingerhaus, darin ein halbes Dutzend Schlüssel – und die Ernüchterung im Spittelgarten: Ein Schlüssel passt, doch die Türflügel machen keinen Wank. Es braucht einen Mitarbeiter der Stadt, einen Geissfuss, einen Vierkantschlüssel und euphorisierte Helfer, die mit Steinen die Erde wegschaben, bis sich die Tür einen Spalt weit öffnen lässt. Dahinter liegt nichts als nackter Fels, überzogen von Spinnennestern. Enttäuschung? Nein, zu gross ist die Freude darüber, den Schlüssel gefunden und nach 40 Jahren eines von Aaraus Geheimnissen gelüftet zu haben.

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