Maienzug

Das sagten Stadtpräsidentin Jolanda Urech und Gastrednerin Fabienne Hoelzel

Stadtpräsidentin Urech und Rednerin Hoelzel.

Stadtpräsidentin Urech und Rednerin Hoelzel.

Reden haben am Maienzug Tradition. Wir präsentieren die Reden von Stadtpräsidentin Jolanda Urech und Gastrednerin Fabienne Hoelzel im Wortlaut. Sie wurden am Freitag anlässlich des Maienzugs im Telliring gehalten.

Für alle, die die Reden von Stadtpräsidentin Jolanda Urech und Gastrednerin Fabienne Hoelzel im Telliring am Maienzug verpasst haben. Hier können Sie sie nachlesen:

Jolanda Urech:

«Liebe Aarauerinnen und Aarauer,

liebe Gäste, Festfreudige und  Traditionsbewusste

„Scho wieder isch Maienzug!“

Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, aber kaum tauche ich in unseren grossen und bedeutungs- vollen Festtag ein, ist`s mir, als sei er doch erst noch dagewesen: Die pulsierende Vorabendalt- stadt, der frühmorgendliche Umzugsgraben, der festliche Telliring und nun hier, das grösste Freiluftbankett der Schweiz. Später die Spielarenen, der Festplatz im Schachen, der Rummel- platz, die Chrutwäje. Gross und Klein in Maienzugstimmung – gutgelaunt, erwartungsfroh. Seit über 400 Jahren ist der Maienzug was er ist: Das wichtigste Fest im Aarauer Jahreskalender.

Seit 400 Jahren zieht er sich wie ein roter Faden durch das Leben unserer Stadt. Und wie ein roter Faden zieht er sich auch durch unser persönliches Leben. Ein Maienzug wie der andere. Nur, dass wir und auch der Maienzug immer ein Jahr älter werden. Oder dass das Wetter variiert. Oder das Menü.

Dass die Stadt Aarau dem roten Faden Maienzug seit über 400 Jahren folgt, zahlt sich aus. Der Maienzug kittet uns zusammen wie kein anderes Fest.

Der rote Faden des Stadtrates sind seine Legislaturziele, welche die Stadt in die Zukunft leiten sollen. Dazu gehört die Revision der Bau- und Nutzungsordnung, welche für die nächsten Jahr- zehnte festlegen soll, wie in unserer Stadt gebaut werden darf. Im vergangenen Jahr durften wir mit der Entwicklung des Kasernenareals ein Leitbild mit der Bevölkerung entwickeln und sind guter Dinge, dass schon bald erste Planungsvorschläge vorliegen werden. Diese Stetigkeit gilt auch für die Alte Reithalle, das Schmuckstück in der Innenstadt, als Eingang zum Kasernen- areal. Intensiv wird am Bauprojekt gearbeitet und schon anfangs nächsten Jahres stimmen wir darüber ab. Auch die Energiestadt Aarau ist gut unterwegs. Wenn alles klappt, dürfen wir noch dieses Jahr das Goldlabel in Empfang nehmen. Dies auch dank unserer Partnerin IBA, welche uns tatkräftig unterstützt.

Auch die Region ist in Bewegung. Das JA der Stimmberechtigten von Buchs und Aarau zur Kreisschule Aarau-Buchs ist ein starkes Zeichen in die ganze Region. Eines ist klar: Wie auch immer sich Aarau entwickeln wird: Den Maienzug wird es weiterhin geben! Er überdauert alles.

Die Maienzugkommission könnte auch in Zukunft sehr gefordert sein, wenn unsere Kantons- hauptstadt in den nächsten Jahren bedeutend grösser würde. Immerhin entwerfen die fünf Gemeinden des Zukunftsraums - Aarau, Densbüren, Ober- und Unterentfelden und Suhr – noch in diesem Jahr gemeinsam mit der Bevölkerung das Leitbild einer möglichen neuen Aargauer Kantonshauptstadt. Sollte diese nämlich für alle mehr Vorteile als Nachteile bringen, könnte eine Stadt mit 40`000 Einwohner/innen entstehen. Stellen Sie sich die Vielfalt an Traditionen vor, welche sich in der neuen Hauptstadt begegnen können! Überhaupt entwickelt sich die Zu- sammenarbeit in der Region sehr erfreulich. Ganz herzlich begrüsse ich hiermit die Vertre- ter/innen  der Regionsgemeinden.

Auf eine solch vielseitige Hauptstadt wären wohl auch der Regierungsrat und der Grosse Rat stolz. Ich heisse ganz herzlich willkommen Herrn Landammann Stefan Attiger und seine Frau Franziska, sowie den Gesamtregierungsrat mit Begleitung. Ebenso herzlich begrüsse ich die Mit- glieder des Grossen Rates des Bezirks. 

Manchmal kann ein Faden auch reissen. Die Verselbständigung der Pflegeheime wurde von den Stimmberechtigten abgelehnt. Nun liegt es an den politisch Verantwortlichen für die Zukunft der Heime einen neuen, starken Faden zu spannen.

Ja, und manchmal entsteht auch unverhofft ein Gnusch im Fadechörbli. Wie bei den Turbulen- zen rund um die KEBA und ihren Öffnungs- und Betriebszeiten. Diese Fäden wurden in den letz- ten Wochen sorgfältig entwirrt und nun wird ein Faden nach dem andern aus dem Gnusch her- ausgelöst. Wir sind zuversichtlich, dass schon bald alle wieder säuberlich aufgereiht sein wer- den. Denn eines ist klar: Die KEBA ist da, um Schlittschuh zu laufen!

Überhaupt ist ein roter Faden in allen Lebenslagen äusserst hilfreich. Dies erfuhr schon der grie- chische Held Theseus. Dank dem Faden, welcher Prinzessin Ariadne ihm geschenkt hatte, fand er seinen Weg aus einem weitläufigen Labyrinth wieder heraus. Dank diesem Faden konnte sich Theseus also aus einer schwierigen Situation befreien.

So könnte einem die Entwicklung rund ums Stadion im Torfeld Süd manchmal auch wie ein Labyrinth mit vielen Seitengängen vorkommen. Ich bin zuversichtlich, dass der Faden der Ariad- ne auch uns Schritt für Schritt aus diesem Labyrinth heraus führt, dorthin, wo ein roter Faden sichtbar wird. Einer, von dem wir hoffen, dass er nicht reissen wird.

Bestimmt nicht reissen wird der Faden der FC Aarau Frauen! Auch wenn ihr Aufstieg für kurze Zeit an einem seidenen Faden hing, gehören sie nun wohlverdient in die Nationalliga A und erfreulicherweise auch in die grosse FC Aarau Familie.

Ein roter Faden, welcher schon über 20 Jahre hält, führt über den Röstigraben direkt in unsere Partnerstadt Neuchâtel. Unzählige Kontakte unter der Bevölkerung, den Vereinen und der Politik haben diese Städtefreundschaft bereichert und gefestigt.

Chers invités d`honneur de Neuchâtel, je vous souhaite la bienvenue au Maienzug: Mme Anne- Francoise Loup, présidente du Conseil général, MM. Rémy Voirol chancelier, MM.Bertrand Cot- tier, vice-chancelier et MM.Cédric  Pellet.

Accompagnés de la Showband „Les Armourins“ qui nous a diverti pendant le cortège et juste avant le banquet. Bienvenus, chers amis! Herzlich willkommen liebe Freundinnen und Freunde aus Neuchâtel!

Durch die vielen Fäden ist ein starker Strang entstanden, welcher ein Ganzes bildet. Ähnlich dem Tau der königlichen Marineflotte Grossbritanniens. Deren Fäden sind nämlich, vom Stärksten bis zum Schwächsten, so gesponnen, dass der rote Faden, welcher durch sie hindurchgeht, sich nicht herauslösen lässt, ohne dass alles aufgelöst würde. Das ist bemerkenswert. Der rote Faden in unserem Strang ist der Maienzug. Er hält uns alle zusammen, vom Stärksten bis zum Schwächsten.

Damit das so bleibt, braucht es das Engagement und Herzblut von vielen Leuten. Ich danke des- halb auch in Ihrem Namen

  • den Männern des Werkhofes für die saubere Stadt
  • der Polizei für die Gewährleistung der Sicherheit
  • den Verantwortlichen für den Vorabend
  • den Schulen, den Lehrer/-innen, den Schulleitungen sowie allen Kindern und Jugendli- chen für ihr grosses Engagement
  • den Blumenfrauen für die wunderschön geschmückten Brunnen
  • den Musikkorps für die musikalische Begleitung des Umzugs
  • den Pontonieren, welche den körperbehinderten Kindern eine Teilnahme am Maienzug ermöglichen»

Fabienne Hoelzel: 

«Liebe Aarauerinnen und Aarauer

Liebe Anwesende

– vor allem aber: Liebe Kinder!

Heute ist Maienzug, es ist euer Tag und euer Fest – nicht zuletzt, weil morgen eure Sommerferien beginnen. Meine Worte richten sich an euch.

Genau wie ihr habe ich viele Maienzug-Umzüge und -Feste mitgemacht, im weissen Kleid und mit rosa Kornblumen im Haar. Ich bin in Aarau geboren und ich bin bis zur Matura hier aufgewachsen. Der Maienzug gehört zweifelsohne zu einer Aarauer Kindheit und Aarauer Schulzeit mit dazu; es sind schöne, mittlerweile auch etwas unscharfe Erinnerungen. Die Unschärfe hängt natürlich mit meinem Alter zusammen und damit, dass ich fast 20 Jahre nicht mehr hier in Aarau lebe.

Mein Leben hat – buchstäblich – hier in Aarau begonnen, ich habe wie ihr hier gesessen, gesungen und getanzt. Als Kind war meine Heimat Aarau, heute als erwachsene Frau fühle ich mich in vielen Städten und auf vielen Erdteilen zu Hause. Ich bin Architektin und Stadtplanerin geworden, d.h. ich zeichne und baue Häuser und manchmal ganze Quartiere, wo dann später Menschen drin wohnen, arbeiten, schlafen, essen, streiten und sich vergnügen.

Ich habe an vielen Orten gelebt und gearbeitet. Meine Tätigkeit als Architektin und Stadtplanerin konzentriert sich gegenwärtig auf Lagos in Nigeria. Nigeria ist in Westafrika. Um von hier nach Lagos zu gelangen, verbringt man ungefähr 6 Stunden im Flugzeug, einen halben Tag. Lagos ist eine sehr grosse und sehr faszinierende Stadt. In Lagos leben ungefähr dreimal so viele Menschen wie in der ganzen Schweiz. Und vor allem gibt es sehr viele Kinder. Die Familien sind ebenfalls sehr gross: Eine normale Familie hat ungefähr 5 bis 8 Mitglieder. Und es ist warm. In Lagos ist das ganze Jahr über Sommer, es gibt keine Kälte, es gibt keinen Schnee.

Liebe Kinder, Lagos ist ganz anders als Aarau. Wenn ich euch mit auf meine nächste Reise mitnehmen würde und ihr mit mir dort ein paar Tage verbringen würdet, wäre euch alles fremd. Das Essen, die Farben, die Gerüche, die Töne ... ihr wärt vielleicht erstaunt oder vielleicht würdet ihr auch erschrecken, mit wie wenig viele Kinder in Lagos auskommen müssen und wie wenig sie besitzen. Ihr würdet euch aber schnell anfreunden, denn die Kinder in Lagos rennen genauso begeistert über Strassen und Plätze wie ihr, sie lachen und ihre Augen glänzen, so wie vielleicht eure Augen heute Morgen vor Freude auf den Maienzug oder die Sommerferien. Und sie träumen wie ihr von der Zukunft, was sie alles noch tun wollen und werden wollen. Wenn sie ein bisschen älter sind als ihr jetzt, vielleicht 12 oder 15 Jahre, dann fragen sie mir oft Löcher in den Bauch, vor allem über die Schweiz. Sie wollen wissen, wie es hier sei, was man hier mache und ob sie mich mal besuchen könnten. Sie fragen, ob es in der Schweiz sehr kalt wäre und ob sie vielleicht in der Schweiz in die Schule gehen könnten oder vielleicht hier studieren könnten. Ich weiss, dass dies kaum je möglich sein wird, zum Beispiel, weil ihre Eltern das Geld nicht haben, ihnen so eine weite und lange Reise zu bezahlen. Aber sie dürfen auch nicht einfach so in die Schweiz kommen, weil sie einen nigerianischen Pass haben. Ihr Pass ist nicht rot wie der Schweizer Pass oder bordeauxfarben wie der europäische Pass, das bedeutet, dass es ziemlich kompliziert, eigentlich fast unmöglich, ist, in die Schweiz einzureisen. Deswegen sage ich den Kindern in Lagos meistens: Wisst ihr, es ist so kalt in der Schweiz, das würde euch nicht gefallen. Hier in Nigeria ist es viel schöner, das ganze Jahr ist Sommer, das ist viel besser. Dann lachen sie oder machen grosse Augen, weil sie sich die Kälte auf der Haut gar nicht vorstellen können. Mir aber tut es weh zu sehen und zu wissen, dass nicht alle Kinder auf dieser Welt die gleichen Chancen und Möglichkeiten haben, einfach, weil sie nicht am richtigen Ort zur Welt gekommen sind und weil ihre Haut oder ihr Pass die falsche Farbe hat.

Ein Kind, das heute in Lagos geboren wird, wird im Durchschnitt 52 Jahre alt. Ein Kind, das am gleichen Tag hier in Aarau geboren wird, wird im Durchschnitt 82 Jahre alt. Das bedeutet, das ein Mensch in der Schweiz ungefähr 30 Jahre länger lebt als ein Mensch in Nigeria. Es ist für euch wahrscheinlich schwierig, sich vorzustellen wie lange 30 Jahre sind – 30 Jahre sind ungefähr der Altersunterschied zwischen euch und mir. Das sind viele Jahre! Der Grund, warum die Menschen, die in der Schweiz geboren worden sind, 30 Jahre länger leben, hängt damit zusammen, dass das Leben in der Schweiz in der Schweiz insgesamt gesünder und sicherer ist.

Liebe Kinder, ihr habt grosses Glück. Natürlich auch, weil heute Maienzug ist und morgen die langen Sommerferien beginnen. Ich meine aber etwas Anderes. Ihr habt vor allem deswegen grosses Glück, weil ihr in einem der reichsten Länder der Welt lebt, es gibt keinen Krieg und es gibt immer Strom und sauberes Wasser. Wahrscheinlich empfindet ihr das nicht immer als Glück, aber ihr dürft, ja, ihr müsst jeden Morgen in die Schule oder in den Kindergarten gehen. Ihr habt die Chance, zu lernen – alle möglichen Dinge – Musik, Mathematik, Sprachen, Sport und vieles mehr. Und vor allem werden die meisten von euch hier einen Pass in einer Farbe besitzen, der es euch erlaubt, ohne wirkliche Einschränkungen zu reisen oder einmal, später, im Ausland zu studieren und die Welt kennenzulernen.

Liebe Kinder, ich denke, ihr wisst, wie es sich anfühlt, stolz zu sein. Stolz ist man, wenn einem etwas gut gelingt, etwa das fehlerfreie Spielen eines schwierigen Musikstücks, der Bau eines Baumhauses am Wochenende mit den Nachbarskindern oder das Schreiben einer guten Note in einer Mathe-Prüfung. Stolz ist man auch, wenn eine andere Person, die man von Herzen gerne hat, etwas gut kann, vielleicht wenn die kleine Schwester besonders gut im Turnen ist.

Bitte macht aber nicht den Fehler, stolz darauf zu sein, dass ihr grosses Glück habt. Vielleicht findet ihr das jetzt komisch. Vielleicht denkt ihr, es ist richtig, stolz darauf zu sein, eine Schweizerin oder eine Aarauerin zu sein. Ich persönlich denke, dass es falsch ist, auf Dinge stolz zu sein, die einem geschenkt wurden – durch Glück, durch Zufall, durch einen glücklichen Zufall. Für das Glück sollte man dankbar sein. Das Glück, in Aarau zu leben und in die Schule gehen zu dürfen, sollte man dankbar und freudig annehmen. Dieses Glück solltet ihr geniessen und ihr sollt es nutzen.

Ich wünsche euch, dass ihr eines Tages einen Beruf erlernen werdet, der euch Freude bereiten wird und es euch ermöglichen wird, euch aktiv, mit Herz, Seele und Verstand, an der Gestaltung dieser Gesellschaft und dieser Welt zu beteiligen. Ich wünsche euch, dass ihr reisen und andere Kulturen und Länder kennenlernen werdet. Und ich wünsche mir, dass ihr euer Glück nutzt und einmal dazu beitragen werdet, diese Welt zu einem besseren, bunteren, lustigeren und schöneren Ort zu machen.

Liebe Kinder, das war’s von meiner Seite – ich wünsche euch von Herzen einen wunderbaren Maienzug und einen wunderbaren Sommer.»

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