Aarauer Stadtbaumeister
«Der Einwohnerrat ist sehr kritisch der Verwaltung gegenüber»

Ein Badener baut Aarau: Stadtbaumeister Jan Hlavica erwacht nun morgens im Zelgli.

Sabine Kuster
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Jan Hlavica auf dem Balkon vor seinem Büro im Stadtbauamt. Er möchte die Bewohner fröhlicher machen.

Jan Hlavica auf dem Balkon vor seinem Büro im Stadtbauamt. Er möchte die Bewohner fröhlicher machen.

Sandra Ardizzone

Dreissig Jahre wohnte er in Baden. Jetzt ist er Aarauer. Und seit einem halben Jahr der neue Stadtbaumeister von Aarau: Jan Hlavica trat im August das Erbe von Felix Fuchs an. Genau 200 Tage sind vergangen. Ein guter Zeitpunkt für ein erstes Fazit und einen Blick in die Zukunft.

Die az schaute sich beim Interviewtermin neugierig um: An den Wänden im Stadtbauamt hängen neue Bilder aus dem städtischen Bestand. Ein abstraktes Bild von Gertrud Debrunner im Büro des Stadtbaumeisters: «Aufbruch, Vogelgöttin». Auch ein Stadtplan hängt da, auf dem die vielen Strassen und Grundstücke eingezeichnet sind, welche die Stadt besitzt: Flächen, um die sich Hlavica jetzt kümmern muss. Unter anderem.

Herr Hlavica, Sie haben angerufen. Was brennt Ihnen unter den Nägeln?

Jan Hlavica: (lacht) Nichts! Aber nach einer Weile fragt man sich: Was hat man angetroffen? Was sind die ersten Erkenntnisse? Was kommt? Es gibt Schönes zu erzählen.

Was denn?

Ich habe total motivierte Mitarbeiter angetroffen mit grossen Kenntnissen ihres Fachgebietes. Man pflegt hier den Austausch und es gibt keine Tabu-Themen.

Es ist also alles einwandfrei?

Ich gehe jeden Tag nach Hause und freue mich, wieder zu kommen. Nur bei den Sitzungen des Einwohnerrates habe ich festgestellt: Der Einwohnerrat ist sehr kritisch der Verwaltung gegenüber. Er versteht sich zur Zeit wenig als Stütze der Stadt.

Das ist ein Unterschied zu vorher, wo Sie bei Metron in der Privatwirtschaft gearbeitet haben: Jetzt bremst Sie die Politik.

Das kann man nicht sagen. Auch bei Areal-Entwicklungen hatte ich mit der Meinung der Politik und Öffentlichkeit zu tun. Jetzt stehe ich einfach auf der anderen Seite. Ich kenne das und ich weiss, dass es immer einen langen Atem braucht. Aber ich bewege lieber für die ganze Stadt etwas Kleines, als dass ich für zwei Personen ein neues Haus aufstelle.

Das erinnert mich daran, dass Sie vor einem Jahr gesagt haben, als Stadtbaumeister könnten Sie die Bewohner ein kleines bisschen fröhlicher machen. Wo könnte das in Zukunft geschehen?

In den öffentlichen Räumen. Wie die gestaltet sind, wirkt sich auf den Umgang der ganzen Bevölkerung miteinander aus. Denn auf Strassen und Plätzen begegnen sich alle Bewohner, unabhängig vom Alter und Status.

Jan Hlavica

Der neue Stadtbaumeister von Aarau ist 53 Jahre alt und war zuvor über 27 Jahre bei der Metron AG, Brugg, als leitender Architekt tätig. Seit 2004 war er zudem in der Geschäftsleitung der Metron Architektur AG sowie seit 2007 in der Geschäftsleitung der Metron Gruppe. Hlavica stammt ursprünglich aus der Tschechoslowakei. Nach dem Beginn des Architekturstudiums an der Universität Prag flüchtete er 1983 in die Schweiz und schloss 1988 an der ETH Zürich als diplomierter Architekt ab. Nachdem er 30 Jahre mit seiner Frau in Baden wohnte, ist er im Sommer nach Aarau gezügelt. (kus)

An welche Orte denken Sie?

Zum Beispiel an die Laurenzenvorstadt. Früher war das eine Durchgangsstrasse der Stadt und nun, mit Tempo 30 und Trottoirs ohne Randstein, wird die Strasse plötzlich zu einem Begegnungsraum. Es ist bloss so, dass solche Veränderungen meist erst möglich sind, wenn die Leitungen unter der Strasse alt sind und sie sowieso aufgerissen werden muss. Eine Kostenfrage. Auch an der Vorderen Vorstadt wird bald etwas geschehen, später an der Bahnhofstrasse. Auf dem Kasernenareal ist ein Prozess zur neuen Nutzung angelaufen. Und in der Alten Reithalle sollte endlich das neue Theater gebaut werden.

Da stehen viele laufende Projekte auf Ihrer Agenda. Gibt es in Aarau einen Ort, der aus Ihrer Sicht noch wachgeküsst werden sollte?

Zu hoffen, dass man in den ersten sechs Monaten schon das gelandete Ufo findet, ist übertrieben. Aber das Projekt Zukunftsraum Aarau oder die Revision der Bau- und Nutzungsordnung (BNO) kommen erst jetzt richtig in Fahrt.

Sind Sie einverstanden mit der künftigen BNO?

Ja. Die rund 500 Inputs zur Revision der BNO werden wir nun prüfen und sind gespannt, ob unser Vorschlag auch von der Bevölkerung mitgetragen wird.

Ist die Revision genug konsequent, damit sich Aarau zu einer dichten und lebendigen Stadt entwickeln kann?

Ja. Die Revision ist mehr als nur Kosmetik. Und übrigens ist das Verdichten nur ein Aspekt einer modernen Stadt. Man darf die Qualitätsmerkmale nicht vergessen und muss einen guten Weg zwischen dem Alten und Neuen finden.

Was sehen Sie, wenn Sie morgens aufstehen und aus dem Fenster schauen?

Häuser und Grün. Ich wohne neu im Zelgli und blicke auf einen grossen, alten Baum.

Sie sind in eine Stadt gezogen, in der die meisten Bewohner Aussicht auf einen Baum haben. Ist Aarau eine richtige Stadt?

Jede Stadt hat verschiedene Quartiere, auch New York oder London. Aarau zeichnet sich aus durch eine grosse Gartenstadt. Diese wird sich verändern, aber sie wird nicht verschwinden. Gleichzeitig haben wir mit der Telli auch Quartiere mit ganz anderem Charakter.

Und was ist Aarau für eine Stadt im Vergleich mit Baden?

Baden ist geprägt durch die Klus. Es hat eine kleinere Altstadt, die Besiedlung läuft wie Finger in die Täler. In dem Sinne ist Baden weniger städtisch als Aarau. Aarau hat eine Struktur, in der man unterschiedliche Wege gehen kann. Das finde ich spannend. Was Baden auszeichnet und Aarau fehlt, ist die industrielle Vergangenheit. Die Telli bietet Ähnliches, aber es riecht dort weniger nach Schmieröl als im Gebiet der ABB.

Sie haben vorhin mit dem Zukunftsraum das Thema Fusionen erwähnt. Dazu haben Sie einmal gesagt, die Gemeinden lebten längst in einer wilden Ehe. Was können Sie dazu beitragen, dass sie vor den Traualtar treten?

Das A und O ist, dass wir als gleichberechtigte Partner an einen Tisch sitzen. Beide müssen wollen.

Es ist trotzdem die Stadt Aarau, die um die Hand anhält von Suhr und Buchs.

Das sehe ich anders. Für die anderen Gemeinden war die Fusionsfrage zwar bis vor kurzem nicht so zentral. Aber in den letzten zwei Jahren haben diese gemerkt: Eine enge Zusammenarbeit macht Sinn.

Würden Suhr und Buchs mit Aarau fusionieren, wäre Ihr Wirkungskreis plötzlich mehr als doppelt so gross.

Dann müsste ich mir wohl ein Elektrovelo anschaffen. (lacht) Weil die Fusion nicht schon morgen ansteht, müssen sich alle bewusst sein: Aarau ist mit nur 20 000 Einwohnern die Hauptstadt des fünftgrössten Kantons und übernimmt Aufgaben, die kaum eine andere so kleine Stadt in der Schweiz übernehmen muss. Das vergisst man gerne. Gerade in der jetzigen Spardiskussion.