Aarau

Der erste Abend mit zwei Veranstaltungen wird auch vorerst der letzte Tanz im KIFF

Im Aarauer KIFF findet die alternative Kultur dank 200 Aktiven seit 30 Jahren eine Heimat. Ein Blick hinter die Fabriktüren.

Es rumst in der Küche. Ganz gewaltig rumst es. Würden Deckel auf den Pfannen liegen, sie würden wohl mitscheppern. Im Foyer haut einer für den Soundcheck im Dunst der Nebelmaschine auf die Pauke. Derweil schlappt in der Küche der Schwingbesen in der Salatsauce, hinter der Bar klirren die Flaschen in den Harassen, und im Saal oben ruft einer dem Mischer zu, er möge doch bitte das Sousafon ein bisschen runternehmen. Es ist die Kako­fonie der Vorbereitungsarbeiten auf einen Konzertabend im KIFF.

Die Vorfreude ist gross, es ist der coronabedingt erste Abend seit dem Saisonstart mit zwei Veranstaltungen gleichzeitig. Und der vorerst letzte, vier Tage später wird das KIFF aufgrund der Regierungsratsbeschlüsse schliessen müssen. Doch das will zu diesem Moment keiner für möglich halten.

Man munkelt, man esse hier besser als bei Mama

Ein Konzertabend beginnt für die Crew um 15 Uhr. Etwas früher waren Nicole Erni, Susanne Klaus und Gabi Gratwohl da, das Küchenteam des Abends. Sie kochen ein indisches Buffet für 45 Personen, das gibt zu tun. Und hier wird alles frisch zubereitet, das ist Ehrensache. Das KIFF ist berühmt für seine Küche, die Bands lieben es dafür, Abendessen wie hier werden nur selten serviert. Man munkelt gar, man esse hier besser als bei Mama. Das verpflichtet. «Der Erwartungsdruck ist schon nicht ohne», sagt Nicole Erni und lacht.

Wenn mal etwas schiefgeht, dann wird improvisiert. Auch dann, wenn das Warmwasser ausgeht, wenn sich Musiker auf Tournee im KIFF erst einmal unter die Dusche stellen und der Durchlauferhitzer nicht mehr nachkommt. So ist das halt in diesem alten Gebäude, es hat seine Tücken, die man zu nehmen wissen muss. Wie eine alte Klapperkiste, der man mal einen zärtlichen, aber gezielten Tritt verpasst. «Man muss das Haus und seine Macken kennen», sagt Roger Lehner, Hauptverantwortlicher des Abends, und grinst. «Bei sechs Sicherungskästen muss man wissen, wohin man bei einem Stromausfall rennen muss.»

Die Patina macht die Liebe mit aus

Das schönste an solchen Gebäuden: In jeder Ecke stecken Erinnerungen. Hier haben sich Leute verliebt und getrennt, die beste Party ihres Lebens gefeiert und das grossartigste Konzert gehört. Und wenn die Crew erzählt, wird es so richtig süffig: Von Musikern, die im Lift stecken geblieben sind, von Müttern, die im Morgengrauen ihre Kinder aus dem Saal schleifen, von Hip-Hoppern, die noch kurz vor der Show ins Fitnessstudio wollen, oder dass es ausgerechnet bei den Metal-Heads die meisten Veganer gibt. Und dass noch immer das gute alte «Gummibärli» der Lieblingsdrink der Besucher ist.

Auch wenn das KIFF in die Jahre gekommen ist, so rostet doch die Liebe nicht. Im Gegenteil, die Patina macht die Liebe mit aus. Noch immer hängen Schwarz-Weiss-Aufnahmen von Kühen im Backstagebereich, seit damals, als es eben noch die Futterfabrik Kunath war, es gibt Stolperschwellen und dunkle Nischen, dazu Toiletten- und Duschräume mit schwindelerregender Deckenhöhe, eingebaut in den alten Silotürmen. Lehner: «Das macht es so einzigartig. Wo sonst gibt es solche Duschen?»

Die Soundchecks sind gemacht, es ist Zeit fürs Abendessen. Aus allen Ecken kommen sie her, die Musiker und die Freiwilligen, das muss man ihnen nicht zweimal sagen. Während sich die Bands nach dem Essen zurückziehen, kommt die Crew für das Staff Meeting zusammen. Roger Lehner gibt die Regeln für den Abend durch, dann werden Kassen, Stempel und Schlüssel verteilt, jeder bezieht seinen Posten. In ein paar Minuten ist Türöffnung.

Sie leiden, weil das KIFF für sie mehr ist als ein Eventlokal

Es ist kein einfaches Jahr für die 150Menschen, die meist ehrenamtlich für das KIFF arbeiten. Für sie alle sind die Absagen, die Ungewissheit und die Stille schwer zu ertragen. Weil das KIFF für sie mehr ist als bloss ein Eventlokal. Sie bezeichnen es als «Lieblingsort», als «grosses Miteinander» und als Ort, der «ein ganzes Leben beeinflusst hat». Die Freiwilligen wiederum sind das Herzstück des KIFF, der Motor, die Familie.

Die Gemütslage ist zweigeteilt. Auch jetzt, da bereits einige Konzerte unter strengen Sicherheitsvorkehrungen stattgefunden haben. «Es ist einfach nicht das Gleiche», sagt Nadia Zanchi, Medienverantwortliche des KIFF. Wer sich im Gebäude bewegt, trägt Maske, die Besucherzahl ist massiv eingeschränkt. Und die Bands auf der Bühne sind mehrheitlich Schweizer Acts, internationale kommen kaum mehr. Das schränkt ein. Alles. Die Vielfalt im Programm, die Ausgelassenheit, die Einnahmen. «Das schlägt aufs Gemüt», so Zanchi. Doch alles ist dem Team lieber als ein geschlossenes KIFF. «Wir haben einen kulturellen Auftrag. Gegenüber den Musikern wie auch gegenüber den Besuchern.»

Und die Zukunft? Auch da gibt es zwei Versionen. Die eine kämpft mit der Angst, auf Wochen nicht mehr öffnen zu können, mit all den (finanziellen) Konsequenzen. Und die zweite spriesst und gedeiht und braucht das Wollen und die Kraft Aller: das Projekt KIFF 2.0, rund 25 Millionen Franken teuer. Ein Neubau, den das KIFF braucht. Nicht nur dem befristeten Mietvertrag, der in die Jahre gekommenen Substanz und der hohen Unterhaltskosten wegen; auch die Eventräume sind zu klein.

«Es ist kein einfacher Spagat zwischen den beiden Gefühlslagen», sagt Zanchi. Und doch sei die Euphorie für den Neubau ungebrochen. Aktuell wird an der finalen Version des Gebäudes gearbeitet. Gleichzeitig laufen Gespräche mit Stiftungen und Grossgönner für den Millionenbeitrag, den der Verein KIFF an den Bau beisteuern müsste. Die Volksabstimmung über den Beitrag der Stadt soll am 15.Mai 2022 stattfinden, die Eröffnung ist für Herbst/Winter 2024 geplant. «Wir sind optimistisch und geben alles», sagt Zanchi stellvertretend für die riesige KIFF-Familie. Denn eine Zukunft ohne KIFF kommt für sie alle einfach nicht in Frage.

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