Biberstein

Der Evangelist mit der dunklen Seite ist mit 93 Jahren verstorben

In Biberstein starb Josef Schmid im Alter von 93 Jahren. Er ist zweimal wegen Sexualdelikten verurteilt worden.

Für die einen ist er ein Heilsbringer, ein Evangelist. Für die anderen ein rückfälliger Sexualverbrecher, ein Guru. Klar ist: Josef Schmid hatte ein grosses Sendungsbewusstsein («Jesus ist Sieger»). Mit 86 Jahren wollte er 2012 noch Grossrat werden. Jetzt ist er im biblischen Alter von 93 Jahren gestorben.

«Nach jahrelanger schwerer Krankheit und Schmerzen», wie die Angehörigen in der Todesanzeige schreiben, die gestern in der AZ erschienen ist. Unterzeichnet haben Jacqueline Schmid (80), die 61 Jahre mit dem Verstorbenen verheiratet war. Und sein Sohn, der abgewählte Grossrat (ex EDU), Pfarrer und Geschäftsführer Samuel Schmid (47).

In der Todesanzeige wird Josef Schmid als «Missionsgründer und -leiter» bezeichnet: «Wir sind dem HERRN unendlich dankbar für sein reich erfülltes Leben, sein Beispiel und Gottes reichen Segen durch ihn.» Seine Mission war die weltweit tätige Stiftung Freundes-Dienst (FD), die in Biberstein das «ELIM – Haus des Segens» betreibt. Der Komplex hat rund 50 Betten. Er bietet laut Prospekt «Ferien unter Gottes Wort». Und das «segensreich, erholsam, preisgünstig».

Karriere als Unternehmer für Missionstätigkeit aufgegeben

Das Engagement von Josef Schmid geht auf die frühen Fünfzigerjahre zurück. Auf der Internetseite der Stiftung steht, Josef Schmid habe 1951 festgestellt, dass es in der Schweiz Regionen gebe, in denen «die Bibel völlig unbekannt ist». Er begann, im Vispertal (Wallis) in jedes Haus ein Lukas-Evangelium zu schicken.

1954 habe Schmid, so heisst es in der Selbstdarstellung, «seine gute berufliche Stellung und Karriere aufgegeben, sein Laden- und Fabrikationsgeschäft verkauft und alles zur Evangeliumsverbreitung eingesetzt». 1957 zog er mit seiner Institution von der Ostschweiz nach Biberstein.

Dort verlor er später vorübergehend sein Obdach, konnte dann aber 1999 «durch Gottes Gnade und als klares Wunder das ehemalige FD-Heim zurückkaufen».

Engagement in Haiti

Schmid hat früh den Wert des Radios erkannt. Ab 1959 verbreitete er seine Botschaft über Radio Luxemburg (RTL). Später unter anderem dann auch über die «Stimme Russlands». Theoretisch konnten ihn täglich Millionen Hörerinnen und Hörer empfangen.

Fest steht: Es ist ihm, wenn auch mit Rückschlägen, gelungen, den Freundes-Dienst über Jahrzehnte zu entwickeln und seinem Sohn, dem heutigen Geschäftsführer, einen funktionierenden Betrieb zu übergeben. Träger ist eine staatlich anerkannte, gemeinnützige Schweizer Stiftung.

Sie hat in verschiedenen Ländern angegliederte Zweigwerke und Organisationen. Zu den guten Seiten von Schmid gehört sein Engagement in Haiti. Dort hat der Freundes-Dienst ab 1962 drei Schulen aufgebaut und sich nach dem grossen Erdbeben im Januar 2010 ganz besonders engagiert.

«Fünf junge Frauen zu Sex gezwungen», lautete die Anklage

Josef Schmid hatte aber auch dunkle Seiten. Er kam schwer mit dem weltlichen Gesetz in Konflikt. Im April 1966 schrieb die NZZ: «Vor Kurzem wurde in Biberstein Josef Schmid durch die Kantonspolizei verhaftet, weil er sich fortgesetzt an pflegebefohlenen Mädchen vergangen haben soll.» 1967 wurde Schmid vom Geschworenengericht in Aarau zu 4,5 Jahren Zuchthaus verurteilt.

Jahrzehnte später sagte er: «Im ersten Prozess habe ich moralisch gefehlt.» Den zweiten Prozess, der im Sommer 2002 stattfand, versuchte er, als Komplott darzustellen. Damals erhielt er eine weitere Freiheitsstrafe von einem Jahr. Der Staatsanwalt hatte ihm etwa vorgeworfen, fünf Frauen (damals zwischen 17 und 26 Jahre alt) Kraft seiner Stellung als Vorgesetzter und Geistlicher zu Sex gezwungen zu haben.

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Autor

Urs Helbling

Urs Helbling

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