Grossratswahlen Aargau

Der Konkurrenzkampf im Bezirk ist gross: Es knistert und kracht in den Parteien

Für einmal Konkurrenten: Suzanne Marclay und Hanspeter Hilfiker.

Für einmal Konkurrenten: Suzanne Marclay und Hanspeter Hilfiker.

Im Bezirk Aarau ist die Konkurrenz unter den Kandidaten besonders gross. Bei der SVP hat bereits einer zermürbt das Handtuch geworfen.

Es ist eine alte Weisheit, dass im Wahlkampf der Feind oft in den eigenen Reihen sitzt. Schliesslich steht für den einzelnen Kandidaten nicht das Wahlergebnis der Partei, sondern das persönliche Abschneiden (gewählt/nicht gewählt) im Vordergrund.

Im Bezirk Aarau ist der parteiinterne Konkurrenzdruck in besonders vielen Fällen besonders gross. Etwa bei der FDP, wo sich mit Stadtpräsident Hanspeter Hilfiker (55) ein besonders prominenter um einen Grossratssitz bewirbt. Oder bei der SP, wo alle Bisherigen im Wissen antreten, dass ein 2016 eher glücklich errungenes viertes Mandat verteidigt werden muss.

Oder bei der SVP, wo unklar ist, wie sich der anstehende Abstimmungskampf für das Gemeindefusionsprojekt Zukunftsraum auf das Kandidatenfeld auswirken wird. Keine parteiinterne Konkurrenz hat nur die Einzelmaske Reto Fischer (50, Buchs): Ob der Parteilose die 5-Prozent-Hürde schaffen wird, ist aber äusserst fraglich.

Die BDP ist Geschichte: Geht ihr Sitz an die SVP?

Die Ausgangslage: Im Bezirk Aarau treten drei Bisherige nicht mehr an (Vreni Fricker, SVP; Ueli Bürgi, FDP; Hansjörg Wittwer, Grüne). Ein vierter (Marcel Bruggisser, BDP) scheidet aus, weil seine Partei die Segel streicht und er nicht wie andere BDPler zur CVP wechselt.

Bei den letzten Gesamterneuerungswahlen 2016 hat die SP auf Kosten der SVP (Abwahl von Wolfgang Schibler) einen Sitz dazu gewonnen. Die SVP möchte dieses Mandat zurückholen (erbt sie den BDP-Sitz?), die FDP kämpft seit vielen Jahren für einen vierten Sitz. Und die Ökoparteien hoffen auf einen Klimawandel-Effekt.

Die Grünen verloren 2012 ihren zweiten Sitz und erlitten 2016 einen weiteren Rückschlag: Ihre Wählerstärke fiel von 8,9 auf 7,7 Prozent. Jetzt treten sie mit einer Frau als Spitzenkandidatin an: Mirjam Kosch (35, Aarau) hatte sich im Kampf um den ersten Listenplatz mit 16 zu 3 Stimmen gegen den Suhrer Gemeinderat Thoma Baumann (60) durchgesetzt. Da knisterte es parteiintern erheblich.

Viele starke Kandidaten bei FDP und eine brisante Konstellation

Bei den Freisinnigen ist das Knisterpotenzial noch grösser: einerseits wegen der hohen Qualität der Kandidaten und andererseits wegen der explosiven Konstellation der Kandidaten aus dem Stadtrat Aarau. Auf der Liste sind neben den beiden Bisherigen FDP-Kantonalpräsidenten Lukas Pfisterer (47, Aarau) und Suzanne Marclay (47, Aarau) diverse Neue mit Zugkraft. Zum Beispiel Oberentfeldens Gemeindeammann Markus Bircher (59), «Rütihof»-Wirt Andreas Festscher (41, Gränichen) oder der ambitionierte Yannick Berner (28, Aarau).

Speziell ist die Ausgangslage der beiden Freisinnigen, die dem Stadtrat Aarau angehören: Suzanne Marclay konnte Ende letzten Jahres für die in den Nationalrat gewählte Maja Riniker (Suhr) nachrücken. Sie gilt am 18. Oktober als «Bisherige», wenn auch mit kurzer Amtszeit.

Neu hat ihr Parteikollege, Stadtpräsident Hanspeter Hilfiker, Grossratsambitionen. Aufgrund seiner Bekanntheit und seines Leistungsausweises hat er sehr gute Wahlchancen. Wenn von den anderen Neuen ebenfalls einer einschlägt, könnte Hilfiker den Sitz von Marclay gefährden.

Der Hausarzt war den Oberentfeldern nicht genehm

Nicht nur geknistert, sondern gekracht hat es bei der SVP. Allerdings bereits vor ein paar Monaten. Die Details wurden erst jetzt bekannt. Eine zentrale Rolle spielte die ehemalige Grossratspräsidentin Vreni Friker (59), die im Herbst nicht mehr zur Wahl antreten wird. Sie ist gleichzeitig Präsidentin der SVP Oberentfelden. Ihr Sohn, Gemeinderat Kevin Friker (30), will in ihre Fussstapfen treten und kandidiert für den Grossen Rat.

Ein anderer Oberentfelder, der Hausarzt Reto Keller (52), hatte auch den Wunsch für die SVP anzutreten. Quereinsteiger Keller ist Mitglied der Bezirkspartei (nicht der Ortspartei Oberentfelden). Er meldete seine Ambitionen beim Bezirksparteipräsidenten. Dieser glaubte, es sei alles bestens, und liess Keller vor dem Lockdown nominieren.

Zusammen mit 16 anderen, also inklusive eines Ersatzkandidaten. Doch dann gab es parteiintern Probleme. Den Oberentfeldern war – unter einem formalistischen Vorwand – der Quereinsteiger nicht genehm. Und ein Transfer in die Ortspartei von Hirschthal kam nicht mehr zu Stande, weil Reto Keller genug vom Theater hatte und sich zurückzog. Als Ersatzkandidat ist nun neu Muhens SVP-Präsident Hansueli Lüscher (61) mit dabei.

Ob es der SVP gelingt, das 5. Mandat zurückzuerobern? Die Bisherigen Daniel Wehrli (52, Küttigen), Clemens Hochreuter (40, Erlinsbach) und Markus Lüthy (57, Erlinsbach) treten wieder an. Unter den Neuen fallen zwei pensionierte Polizisten auf: Ex-Kripo-Chef Urs Winzenried (70) und Ex-Kapo-Sprecher Max Suter (65). Interessant wird auch sein, ob etwa Beat Woodtli (52), der Ortspareitpräsident von Suhr, Kapital aus der Zukunftsraum-Diskussion schlagen kann. Er profiliert sich als Gegner.

Bei der SP ist ein Sitzverlust der grösste Gegner der Bisherigen

Bei der SP treten die vier Bisherigen Jürg Knuchel (61, Aarau), Lelia Hunziker (47, Aarau), Marco Hardmeier (44) und Silvia dell’Aquila (42) wieder an. Von den neuen Kandidaten dürfte keiner den Bisherigen gefährlich werden.

Aber ob die SP den vierten Sitz halten kann? Silvia dell’Aquila, die im Dezember für Neu-Nationalrätin Gabriela Suter (Aarau) nachgerutscht ist, hat schon kundgetan, sie wisse, dass sie sich auf einem Schleudersitz befinde.

Gesichert scheint auch die Wiederwahl der Bisherigen bei der CVP, der GLP und der EVP. Also von André Rotzetter (61, Buchs), Adrian Bircher (32, Aarau) und Therese Dietiker (58, Aarau).

Autor

Urs Helbling

Urs Helbling

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