Bezirksgericht Aarau

Der Sex-Prozess, den niemand wollte: Was war Teil des Spiels – und was nicht?

Im Bett des Beschuldigten und seiner Partnerin ging es derb zu und her. (Symbolbild)

Im Bett des Beschuldigten und seiner Partnerin ging es derb zu und her. (Symbolbild)

Vor dem Bezirksgericht Aarau stand ein junges Sadomaso-Pärchen, das über Umwege sein Glück fand. Das Verfahren, ursprünglich wegen Vergewaltigung geführt, verkam zur Nebensache.

Die Geschichte von Ana (25) und Chris (27) (beide Namen geändert) ist nicht alltäglich. Die daraus resultierende Verhandlung am Bezirksgericht Aarau – mit Chris als Beschuldigtem – war es ebenso wenig. Dies alles vor dem Hintergrund, dass das Pärchen, wie sich Gerichtspräsident An­dreas Schöb ausdrückte, Sexualpraktiken pflegte, «die den Rahmen des Üblichen übersteigen». Zum Spiel gehörten beispielsweise auch Vergewaltigungsfantasien. Oder wie die Staatsanwältin in der Anklageschrift festhielt: «Sowohl der Beschuldigte als auch die Privatklägerin (gemeint Ana) hatten eine Vorliebe für sexuelle Praktiken aus dem Bereich des Sadomasochismus, weshalb es regelmässig zu sexuell motivierten Handlungen, verbunden mit Fesselspielen, verbalen Erniedrigungen und auch Gewalt kam.»

Chris und Ana, beide mit balkanischen Wurzeln, hatten eine langjährige Beziehung hinter sich und auch eine Zeit lang in der Region Aarau zusammengelebt, als sie sich vor gut zwei Jahren trennten. Ana zog aus, doch zum Sex trafen sich die beiden weiterhin in der einst gemeinsamen Wohnung. So auch an einem Abend Ende April 2018, als sie laut Anklageschrift einvernehmlichen vaginalen und analen Verkehr hatten. Das beweist offenbar auch eine Videoaufnahme.

Vorspiel schon im Chat

Zwei Tage später «dasselbe in Grün». Diesmal hatte Ana Chris jedoch vorgängig via Whatsapp wissen lassen, dass sie keinen Analsex wolle. Nur: Der Chat war jeweils schon Teil des Spiels und Mittel zur Stimulierung. So, liess der Verteidiger des Beschuldigten durchblicken, habe Chris am Abend, als sich Ana dann gegen den Analverkehr wehrte, auch dieses Nein als Teil ihres Parts im Rollenspiel verstanden. Am Morgen soll es erneut zu einvernehmlichem Verkehr gekommen sein. Freilich zeigte Ana Chris – rund einen Monat später – an. Nach den Worten des Verteidigers war die Stimmung bei ihr gekippt, als sie Chris erfolglos um Geld angepumpt hatte und dieser die gemeinsamen Möbel nicht herausrücken wollte.

Freilich war das bei der Verhandlung am Strafgericht Aarau alles Schnee von gestern: Chris und Ana leben mittlerweile wieder zusammen und haben ein gemeinsames Kind. Ihren Anwalt hatte Ana schon vorher suspendiert, und auf die Stellung als Zivil- und Strafklägerin verzichtete sie. Folglich war sie nur noch als Zeugin einzuvernehmen. Wie Chris verweigerte sie jedoch vor Gericht jede Aussage in der Sache selbst.

Beide Parteien beknieten die Staatsanwaltschaft

Beide Parteien, sagte Donato Del Duca, der amtliche Verteidiger, hätten bei der Staatsanwaltschaft «alles Mögliche versucht, damit es gar nicht zur Hauptverhandlung kommt». Ohne Erfolg. Immerhin, so der Verteidiger, habe die Staatsanwaltschaft das Verfahren wegen Vergewaltigung eingestellt. Der Vorhalt lautete nun auf sexuelle Nötigung und mehrfache Tätlichkeiten (Würgen). Dafür forderte die Staatsanwaltschaft eine bedingte Freiheitsstrafe von 12 Monaten und eine Busse von 3000 Franken. Der Verteidiger plädierte in seinem Hauptantrag auf Freispruch. Es bestünden erhebliche Zweifel daran, dass sich das Ganze wie in der Anklageschrift detailliert geschildert abgespielt habe.

«Niemand von Ihnen ist glaubwürdiger»

Ähnlich sah das Ganze auch der Einzelrichter, der Chris von Schuld und Strafe freisprach. Für ihn, liess Gerichtspräsident Schöb durchblicken, gebe es zu viele Zweifel an der Version der Staatsanwaltschaft. Der Chatverlauf und das Verhalten nach der Tat sprächen gegen diese. «Niemand von Ihnen ist glaubwürdiger, also muss man der Version des Beschuldigten folgen.» Wegen des ein wenig speziellen Sexuallebens des Paares sei es auch äusserst schwierig, zu erkennen, was Spiel sei – und was Ernst.

Schöb sagte im Übrigen, er gehe nicht davon aus, dass die Staatsanwaltschaft den Fall weiterziehen werde. Er vermute, dass auch sie das Verfahren gerne eingestellt hätte, doch wo das Gericht im Zweifelsfall zugunsten des Angeklagten zu entscheiden habe, gelte für die Staatsanwaltschaft eben der gegenteilige Grundsatz: «Im Zweifelsfall ist Anklage zu erheben.»

Fazit: Ausser Spesen – sprich Kosten zulasten der Allgemeinheit – nichts gewesen. Und leicht maliziös könnte man fantasieren, letztlich habe sogar die Einschaltung der Justiz zum sadomasochistischen Spiel gehört. Denn eines bleibt trotz allem an den wieder vereinten Akteuren hängen: die Anwaltskosten der «Privatklägerin». Jedenfalls soweit die Opferhilfe sie nicht übernimmt.

Autor

Ueli Wild

Ueli Wild

Meistgesehen

Artboard 1