Er hatte sich nichts Böses gedacht. Hermann Rauber, Lokalredaktor des «Aargauer Tagblatts». Damals im April 1979, als er mit dem Block in der Aktentasche auf den Posten der Stadtpolizei im Aarauer Rathaus marschierte. So, wie er das jeden Monat tat, um in der Rubrik «aus dem Rapportbuch der Stadtpolizei» über skurrile Einsätze zu berichten. Doch diesmal war alles anders.

Der Stadtpolizist legte Rauber ein paar Rapportblätter hin, schau selbst, sagte der Mann, vermutlich in Eile. Dies entgegen der Gewohnheit; direkt einsehen konnte Rauber die Blätter aus Datenschutzgründen sonst nie. Und Rauber schaute selbst und staunte nicht schlecht. Da stand mit Datum vom 7. April 1979: «Stadtpolizei rückte wegen totem Russen in Aarauerhof aus». Rauber traute seinen Augen kaum. Ein toter Russe. Mitten im Kalten Krieg. In der Badewanne eines Aarauer Hotels. Das war nicht nur delikat, das schrie nach einer Sensation.

Historische Ansichten vom Hotel "Aarauerhof":

«Dann war der Teufel los»

«Ich liess mir nichts anmerken und machte mich auf den Weg zurück in die Redaktion», sagt Rauber. Da habe er erst Hoteldirektor Roland W. Jäger angerufen, dann die Kantonspolizei. Während die Polizei keine Auskunft gab, bestätigte Jäger die Meldung: In Zimmer Nummer 311 war ein Russe tot in der Badewanne gefunden worden; der Mann sei als Angestellter eines Londoner Büros für eine Konferenz der Internationalen Kakao-Organisation im Aarauer Saalbau angereist. Mehr nicht. Rauber fackelt nicht lange, schreibt eine Meldung. 15 Zeilen. Mehr nicht. Aber am Tag darauf knallt es.

Als Erstes meldet sich die Schweizerische Depeschenagentur, die SDA, auf der Redaktion des «Aargauer Tagblatts». Die SDA verschickt eine Eilmeldung. «Und dann war der Teufel los», sagt Rauber und lacht, «dann ging es um die ganze Welt.» Redaktoren aus den USA, Deutschland, England und natürlich aus Russland, alle wollen mit Lokalredaktor Rauber sprechen. «Das hat mich heillos überfordert», sagt Rauber. Er habe seine Sachen gepackt und sei heim. Derweil erklärte Chefredaktor Samuel Siegrist den Russen-Fall zur Chefsache. Tags darauf bringt Siegrist eine Ausgabe der russischen Tageszeitung «Prawda» an die Redaktionssitzung. Und selbst mit kyrillischen Schriftzeichen können die Aarauer entziffern: Die 15-Zeilen-Meldung aus dem «Aargauer Tagblatt» war sogar in Moskau zitiert worden.

Mit LSD vollgepumpt?

Was folgt, liest sich wie ein Spionage-Krimi: Während die Aargauer Behörden von einem Suizid des 32-jährigen Leonid Pantschenko ausgingen – der Mann hatte einen Cocktail von Schlaftabletten und Alkohol intus und sich die Pulsadern aufgeschnitten –, sind die russischen Behörden ganz anderer Meinung. Der Vorwurf aus Moskau: Mord mit nachrichtendienstlichem Hintergrund. Und die Russen nehmen kein Blatt vor den Mund. Sie werfen der Schweiz nicht nur die Verschleierung von Autopsie-Ergebnissen vor, sondern gar Leichenfledderei: In Pantschenkos Leiche hätten nach der Überführung von Aarau nach Moskau Organe gefehlt, andere seien vertauscht worden, schreibt das AT am 9. August 1979 über die Vorwürfe.

Weiter Öl ins Feuer giesst die russische Regierungszeitung «Iswetija», die behauptet, Diplomat Pantschenko sei durch Angehörige des Geheimdienstes mit LSD vollgepumpt worden. Ausserdem sei auch ein auf Pantschenko angesetzter Engländer verschwunden. Und weiter: Der britische Geheimdienst habe versucht, Pantschenko zu «kaufen» und ihn nach dessen Weigerung ermordet.

Alles aus purem Zufall

Nach diesen Vorwürfen geht die Geschichte durch die Decke. Der Bundesrat weist die Vorwürfe zurück, ebenso wie die britischen Geheimdienste. Doch nun kommen die Briten auf den Geschmack: Ein Reporter von «Daily Mail» taucht in Aarau auf, um vor Ort zu recherchieren – unter anderem auf der Redaktion des AT. «Wir gaben ihm breitwillig Auskunft und verteilten ihm Kontakte», berichtet Samuel Siegrist am 13. August 1979 über den Kontakt mit dem Journalisten. Dieser habe unter anderem auch die Schlösser im «Aarauerhof» untersucht und im Kantonsspital Aarau vorbeigeschaut, wo die Leiche damals obduziert worden war. Und Siegrist wirft nochmals die Frage auf, wer oder was Pantschenko zum Selbstmord genötigt habe.

Eine Frage, die unbeantwortet blieb. So rasch die Geschichte des russischen Spions die Nachrichtenspalten geflutet hatte, so rasch verschwand sie auch wieder. Wie die Geschichte ausging, ist nicht zu rekonstruieren. Für Hermann Rauber bleibt sie aber eine der Geschichten schlechthin. Hätte ihm der Polizist nicht einfach die Blätter hingelegt, hätte er den Vermerk nicht registriert – die Geschichte wäre nie ans Tageslicht gekommen. «So etwas erlebt man einmal», sagt Rauber. «Wenn überhaupt.»