Erlinsbach

Die elfjährige Gohar stürzt Könige – und reist an die Weltmeisterschaft

Bis zu 40 Minuten denkt die elfjährige Gohar über ihren nächsten Schachzug nach. Eine Partie kann dabei auch mal über fünf Stunden dauern – so geschehen an den Europameisterschaften 2014. Bald reist das junge Schachtalent aus Erlinsbach an die WM.

Die Uhr tickt. 7 Minuten und 21 Sekunden bleiben Gohar Tamrazyan noch, um ihren Gegner schachmatt zu setzen. Hat die Elfjährige ihre Bedenkzeit von zehn Minuten vor ihrem Gegner aufgebraucht, ohne ihn zu schlagen, hat sie verloren.

Ruhig sitzt die Elfjährige vor dem Schachbrett im Wohnzimmer in der Erlinsbacher Wohnung. Die dunklen, fast schwarzen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden. Den Kopf stützt sie mit beiden Händen ab, während ihre Augen hinter der braunen Brille über das Schachbrett wandern.

Gohar Tamrazyan spielt ausnahmsweise gegen ihren Vater – eigentlich dürfte sie nicht mit Gegnern trainieren, die nicht auf ihrem Niveau spielen.

Gohar Tamrazyan spielt ausnahmsweise gegen ihren Vater – eigentlich dürfte sie nicht mit Gegnern trainieren, die nicht auf ihrem Niveau spielen.

 

Es sind die Augen eines vielversprechenden Schachtalents. Davon zeugen die 15 Pokale auf dem Gestell hinter ihr. «Schweizer Meisterin 2014, U10» oder «Schweizer Vizemeisterin 2015, U12» ist auf den Preisen eingraviert. Und Ende Oktober reist Gohar für die Schweiz sogar an die Weltmeisterschaft in Griechenland.

Manchmal sitzt Gohar bis zu fünf Stunden an einer Partie Schach. So wie an der Europameisterschaft 2013 in Montenegro. «Die Geduld verliere ich dabei selten», sagt Gohar. Auch nicht, wenn der Gegner lange überlegt. «Das macht mir nichts aus.» Sie selbst studiere manchmal ebenfalls bis zu 40 Minuten an einem Zug herum.

«Wenn ich dann aber immer noch nicht weiss, was ich machen soll, werde ich sauer auf mich. Denn dann habe ich vorher wahrscheinlich falsch gespielt», sagt Gohar und richtet ihren Blick auf das Schachbrett vor ihr.

Sie verzieht keine Miene. Atmet ruhig. Denkt nach. Kein Anzeichen, ob sie den Sieg schon vor sich sieht, oder ob sie mit dem Rücken zur Wand steht. «Dame D2», sagt sie und bewegt ihre zweitbeste Figur zurück in die zweite Reihe.

Gohar blickt selten vom Brett auf, auch wenn ihr Vater einen Zug macht

Gohar blickt selten vom Brett auf, auch wenn ihr Vater einen Zug macht

Mit der Hand schlägt sie auf die digitale Schachuhr neben dem Brett – alles, ohne ein einziges Mal aufzublicken. Den Kopf immer noch aufgestützt, mal in einer, mal in beiden Händen. Die Zeit der Digitaluhr bleibt bei 6.28 stehen. Ihr Vater ist am Zug.

Schach: im Heimatland Pflicht

Als Sechsjährige besuchte Gohar ihr erstes Schachtraining – in Armenien, dem Heimatland der Familie. Das war 2010. Ein Jahr, bevor die Familie in die Schweiz kam. Und ein Jahr, bevor der kleine Staat im Südkaukasus Schach zum Pflichtfach an den Grundschulen erhob.

«Um das logische Denken zu fördern», sagt Gohars Mutter, Knar Gevorgyan. Aber nicht nur das: «Im Schach lernt man, mit schwierigen Situationen umzugehen.»

Auch Gohar habe das Schachspiel schon viel gebracht, sagt die Assistenzärztin: «Sie gibt nie auf – auch in schwierigen Situationen nicht. Sie kämpft bis zum Schluss. Auf Remis spielt sie selten.»

Wenn Gohar verliert, nimmt sie es meist gelassen. «Nur so lerne ich etwas», sagt Gohar über sich. «Beispielsweise, dass ich mich besser konzentrieren sollte.»

Sie ergänzt aber: «Wenn ich einen ganz schlimmen Fehler mache, nervt mich das schon.» Und wenn dieser Fehler den Sieg kostet, kann es auch mal Tränen geben, erzählt ihr Vater, ein ausgebildeter Jurist.

«In solchen Momenten gehen wir raus an die frische Luft und ich spreche mit ihr über etwas anderes oder kaufe ihr Süssigkeiten», sagt Ararat Tamrazyan und nimmt die Schachfiguren vor ihm ins Visier.

Er streicht sich über sein Kinn mit dem schwarz-grauen Dreitagebart. Überlegt. 3 Minuten und 51 Sekunden Bedenkzeit bleiben ihm noch. Die Sekunden verstreichen. Stille. «Turm nimmt D2», sagt er und schnappt sich Gohars Dame. Keine Reaktion von Gohar.

Schachtraining via Skype

Vater und Tochter spielen nur noch selten gegeneinander. Auf Anweisung des Trainers. «Wenn ein guter Spieler gegen einen schlechteren spielt, verschlechtert sich der gute Spieler automatisch», erklärt Gohar.

Es ist heute also eine Ausnahme, dass der Vater eine Partie Schach gegen sie spielen kann. Zu Hause löst Gohar meist nur Aufgaben in Übungsheften oder liest Bücher, in denen verschiedene Strategien erklärt werden; zwei bis drei Stunden täglich und natürlich immer nach den Hausaufgaben, wie sie versichert.

Seit Kurzem trainiert sie mit Grossmeister Sergey Ovsejevich aus der Ukraine – meist über Skype. Und mit Privatlehrer Roberto Schenker will sie das Training vor den Weltmeisterschaften Ende Oktober wieder intensivieren.

Gohar und ihr Vater studieren das Schachbrett

Gohar und ihr Vater studieren das Schachbrett

Inzwischen hat Gohars Vater seine schwarzen Figuren in Stellung gebracht. Er bedroht Gohar in ihren eigenen Reihen. Sie kalkuliert. Blinzelt. Mit der einen Hand streicht sie sich über die Haare. Mit der anderen verschiebt sie ihren weissen Turm ein Feld nach rechts und bringt ihn so in Sicherheit. «Neu C1», sagt sie und drückt die weisse Taste der Uhr.

In der Küche nebenan unterhält sich Gohars siebenjährige Schwester mit einem Schachtrainer aus Armenien – via Skype. Vor kurzem hat sie mit demselben Hobby begonnen wie ihre Schwester.

Auch ihre Schulklasse hat Gohar mit dem Schachfieber angesteckt. Seit August besucht sie die 6. Klasse in Erlinsbach, wo die Familie seit diesem Sommer wohnt. «Meine Lehrerin fragte mich, ob ich einen Schachkurs machen könnte», sagt Gohar.

Also brachte sie zwei Schachbretter mit in die Schule, machte ein Arbeitsblatt für die Klasse und erklärte ihren Mitschülern, welche Figur man wie verschieben kann. «Unterdessen haben wir sieben Schachbretter in der Klasse und alle spielen Schach.»

1 Minute 3 Sekunden. Viel Zeit bleibt Gohars Vater nicht mehr, um seine Tochter schachmatt zu setzen. «Turm B3», sagt er, während er seine Figur in Gohars Reihen um zwei Felder verschiebt.

Wo Gohar die Geduld verliert

Ruhig studiert Gohar die Aufstellung auf dem Brett. Genauso geduldig erklärt sie, was sie beispielsweise mit Tempogewinn genau meint. Dann nimmt sie die hölzernen Schachfiguren in die Hand und zeigt es vor. Dass sie später einmal Lehrerin werden möchte, verwundert nicht.

Nicht ganz so gelassen ist sie manchmal als Schülern. Wenn die Lehrerin ihr in Mathe beispielsweise keine Zusatzaufgaben gibt. «Dann wird es mir langweilig und ich werde ungeduldig.»

Mathe ist ihr Lieblingsfach. Aber auch die Sprachen mag sie. So beherrscht sie neben Armenisch, Deutsch und Schweizerdeutsch auch Französisch und Englisch gut. Und die kyrillische Schrift kann sie lesen.

Nur Turnen findet sie nicht immer so lustig – dann, wenn auch Training nicht viel nützt und die Grösse entscheidend ist. «Im Weitsprung komme ich nie über 2.50 Meter», sagt sie und verdreht die Augen.

Unterdessen hat sich das Spiel auf dem Schachbrett gewendet. Gohar bedroht den schwarzen König. Zwei weitere Züge und er fällt. «Schachmatt», sagt sie, blickt lächelnd auf und reicht ihrem Vater die Hand.

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