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Die goldenen Butter-Jahre – oder wie ein Unternehmen Suhr prägte

Da war die Mittelland-Molkerei (Emmi) noch die AZM: Produktionsbetrieb in Suhr. (2004)

Da war die Mittelland-Molkerei (Emmi) noch die AZM: Produktionsbetrieb in Suhr. (2004)

Die «Butteri» und spätere Aargauer Zentralmolkerei prägt Suhr schon so lange, wie kein anders Unternehmen.

Ende Monat durfte der kleine Markus jeweils mit dem Vater auf die Runde, auf der Rückbank des schwarzen Chevrolets eine Tasche voller Geld. Gemeinsam fuhren sie die Käsereien ab, vom Freiamt bis hoch auf den Bözberg, und zahlten den Käsern ihr Milchgeld aus, für ihre Lieferungen an die Butterzentrale Suhr, die «Butteri».

Das war in den frühen Fünfzigerjahren. Es ist nur eine von vielen Erinnerungen, die Markus Bertschi (73) mit der «Butteri» oder der Aargauer Zentralmolkerei verbindet. Dem Unternehmen, in dem seine Eltern während Jahrzehnten tätig waren. Es sind Erinnerungen, wie sie viele Suhrer haben, und das seit über 100 Jahren. Die AZM hat das Dorf so geprägt, wie es ähnlich nur Pfister und Migros taten.

Wer in der «Butteri» arbeitete, wohnte in der Regel auch hier. Der Verband Aargauischer Käserei- und Milchgenossenschaften (ab 1988 Aargauischer Milchverband AMV) als Betreiber der «Butteri» zahlte seine Angestellten gut. Und früh schon machte es die firmeneigene Pensionskasse den Mitarbeitern möglich, ein Haus zu bauen. Dass die meisten Angestellten über Jahrzehnte im Unternehmen blieben, war die Regel. «In der ‹Butteri› gab es kaum Wechsel, es herrschte eine sehr familiäre Stimmung», sagt Bertschi. Auch waren die Arbeitsplätze sicher; Milchprodukte als Fleischersatz waren gefragte Güter.

Neben dem Dampfkessel dörrten sie Bohnen

Seit den Siebzigerjahren fahren die Milchlastwagen ins Helgenfeld, auf das Firmengelände am Dorfrand. Davor aber stand die «Butteri» im Zentrum. Erst an der Tramstrasse (eingemietet in der Milchzentrale neben dem «Central»), ab 1928 beim Bahnhof. Hier wurden nicht nur Butter, Joghurt und Kaffeerahm hergestellt, sondern auch Milchpulver. Und manch einer wird sich noch an die gedörrten Bohnen und Apfelschnitzli erinnern, die neben dem Dampfkessel auf den Hurden trockneten. Oder an das Spektakel, wenn der Dampfkessel revidiert werden musste. Denn dann fuhr schnaufend und stampfen eine Dampflokomotive ein, um den Kessel-Ausfall zu überbrücken. «Ein Freudentag für uns Kinder», sagt Bertschi.

Mit dem Ausbau des Sortiments Anfang der Fünfzigerjahre wurde es eng beim Bahnhof. Nach und nach wurden sämtliche Gebäude zwischen Bernstrasse und Bahngeleisen aufgekauft, um Platz für Erweiterungsbauten zu sichern. Doch bei der konkreten Planung stellte sich der Kanton quer, verhängte Lastwagenfahrverbote und Auflagen. «Aus heutiger Sicht betrachtet ein Glücksfall», sagt Markus Bertschi mit Blick auf die Luftaufnahme aus den Siebzigerjahren. Nie und nimmer hätte der Platz beim Bahnhof ausgereicht für das, was die Firma heute einnimmt.

Der Schreck war klein, das Loch in der Kasse gross

Seit den Siebzigerjahren hat sich viel verändert. Der Umzug ins Helgenfeld war die Geburtsstunde des Namens AZM, der Aargauer Zentralmolkerei. Es folgten goldene Jahre, das Unternehmen zählte mehrere hundert Angestellte und mauserte sich zu einem der besten Steuerzahler im Dorf.

Mit der Jahrtausendwende kam auch die Wende für die AZM. Die wirtschaftliche Situation verschlechterte sich drastisch. Dann trat Emmi auf den Plan: 2006 schloss sich die AZM mit der Butterzentrale Luzern zur Mittelland-Molkerei AG (MIMO) zusammen. Die Geschäftsleitung ging an die Emmi über. 2008 zählte das Unternehmen 450 Mitarbeiter.

Für die Gemeinde Suhr war das Ende der AZM ein Schreck, erinnert sich Beat Rüetschi, damaliger Gemeindepräsident (von 1998 bis 2017). «Die AZM hat im Dorf einen sehr guten Ruf genossen, viele Suhrer haben da gearbeitet. Es gab durchaus Befürchtungen, mit der AZM auch einen Teil der Identität zu verlieren.» Der Schreck habe sich aber rasch gelegt, als bekannt wurde, dass weder der Standort, noch die Arbeitsplätze verschwinden.

Die Übernahme durch die Emmi riss jedoch ein grosses Loch in die Gemeindekasse, auf einen Schlag verloren die Suhrer ihren guten Steuerzahler an die Luzerner. Die Konsequenz: Der Steuerfuss musste um 5 Prozent erhöht werden. Inzwischen wurde der Ausfall korrigiert, heute wird wieder mehr in Suhr versteuert.

Nirgends wird mehr Butter und Milch verarbeitet

Aus der AZM wurde 2006 die AZM Verwaltungs AG, im Besitz der Genossenschaft Milchproduzenten Mittelland MPM (Nachfolgerin des Aargauischen Milchverbands). Der AZM Verwaltungs AG gehörten fortan nicht nur das Grundstück, sondern als wichtigster Teil des Portefeuilles die 40-Prozent-Beteiligung an der Mittelland-Molkerei.
2016 verkaufte die AZM Verwaltungs AG der Emmi ihr Aktienpaket. Damit wurde Emmi alleinige Eigentümerin des Unternehmens. Das Gelände am Bahnhof («Suhrportal») gehört noch immer der AZM Verwaltungs AG, ebenso das Grundstück im Helgenfeld sowie das Verwaltungsgebäude.

Die MPM (Geschäftsführer ist Gemeindepräsident Marco Genoni) ist nach dem Zusammenschluss aller drei Emmi-Direktlieferantenorganisationen seit Anfang 2019 zuständig für die Betreuung von 2000 Milchproduzenten zwischen Bern und Glarus. «Damit betreuen wir rund zehn Prozent aller Schweizer Milchproduzenten», so Genoni. Die Mittelland Molkerei AG in Suhr zählt heute 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ist der schweizweit grösste Verarbeitungsbetrieb für Butter und Milch.

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