Schönenwerd

Die rahmengenähten Zeitzeugen von «Bally nimmt alli»

Jürg Brühlmann (Ausstellungsmacher, l.) und Martin Matter (Medienverantwortlicher) verpassen der Ballyana-Sonderausstellung den letzten Schliff.

Jürg Brühlmann (Ausstellungsmacher, l.) und Martin Matter (Medienverantwortlicher) verpassen der Ballyana-Sonderausstellung den letzten Schliff.

Die Stiftung Ballyana in Schönenwerd eröffnet am Dienstag die Sonderausstellung «Bally Monsieur – Der Herrenschuh seit 1851». Dabei fällt auf: die Modelle des klassischen Herrenschuhs haben sich kaum verändert.

Ein aussergewöhnliches Geschenk für die Gattin sollte es sein. Ein Mitbringsel aus Paris, der Stadt der Mode. Carl Franz Bally fand dieses Geschenk in der Schuhmanufaktur eines Bekannten. Weil er die Schuhgrösse seiner Frau nicht kannte, kaufte er gleich ein ganzes Dutzend Schuhe.

Das war 1850. Was Carl Franz Bally an den Modellen aus Paris besonders faszinierte, war der Elastikeinsatz, der das Hineinschlüpfen erleichterte. Denn Elastik, das war sein Kerngeschäft. Gemeinsam mit Bruder Fritz führte er die Elastik- und Hosenträgerfabrikation in Schönenwerd.

Carl Franz Bally war der Meinung, dass doch auch Schuhe industriell herzustellen wären. Und so startete er 1851 mit der Produktion, ohne jegliches Fachwissen. Es ist die Stunde Null eines der grössten und erfolgreichsten Schweizer Unternehmen. Doch der Start ist holprig.

Der übermütige Produktionsbeginn rächt sich. Weil Schweizer Schuhmacher sich weigern, in einer Fabrik zu arbeiten, muss Bally 30 Schuster aus Deutschland anheuern. Doch in der Schweiz kommen die ersten, klobigen Modelle nicht an. Carl Franz Bally exportiert nach Südamerika. Das bringt die Wende. 1900 ist «C.F. Bally Söhne» mit pro Jahr zwei Millionen produzierter Schuhe die grösste Schuhfabrik der Welt.

Entwicklung der Schuhe spiegelt mehr als bloss Modegeschichte

Knapp 170 Jahre sind seit der Gründung der Schuhfabrik vergangen. Nun präsentiert die Stiftung Ballyana die Sonderausstellung «Bally Monsieur – Der Herrenschuh seit 1851». Ausgestellt sind rund 100, zum Teil noch nie gezeigte Schuhe und Objekte. Es ist die erste Kooperation der Ballyana mit dem Bally-Firmenarchiv.

«Die Entwicklung des Herrenschuhs hat ganz viele Aspekte. Es ist nicht nur Schuh- oder Modegeschichte. Es ist auch die Geschichte der Industrie, der Gesellschaft, der Innovation, der Werbung», sagt Martin Matter, Medienverantwortlicher der Ballyana. Und natürlich ist Bally auch die Geschichte seiner Angestellten und die der Region.

Hunderte Menschen strömten Tag für Tag zu den Fabriken in Schönenwerd, Aarau, Gränichen, Schöftland und all den anderen Standorten. «Bally nimmt alli», lautete der Slogan. Und so war es auch. Hoch war insbesondere der Frauenanteil, wegen der Näharbeiten.

Bally kümmerte sich um seine Angestellten, machte grosszügige Dienstaltersgeschenke, führte früh eine Altersvorsorge ein, baute ein Kosthaus und organisierte Sporttage. Bloss: Bally zahlte nicht sehr gut. «Bally war für viel bekannt, aber nicht für besonders gute Löhne», sagt Matter.

Für Bally sind die kürzeren Röcke ein Segen

Bei den Kunden ist Bally vor allem für die Qualität bekannt, für die Materialien und die Verarbeitung. Bally-Schuhe werden zum Luxusprodukt. Als nach 1910 die bodenlangen Röcke der Damen kürzer werden und die Blicke auf die Schuhe freigeben, steigt der Absatz weiter exponentiell an. Und auch die Herrenschuhe bekommen zusehens modische Formen.

Rekordumsätze feiert Bally während des Ersten Weltkrieges, weil das Unternehmen an die kriegsführenden Länder verkauft. Beidseits. Aber mit getrennten Verkaufsorganisationen. Hat Bally 1900 noch 3500 Mitarbeiter gezählt, sind es 1917 bereits 7500. Täglich verlassen bis zu 15'000 Paar Schuhe die Fabrik.

Dann kommt der erste Einbruch. Die Weltwirtschaftskrise. Armut, soziale Spannungen. Bei Bally sorgt die Krise für einen kreativen Schub. Der Herrenschuh ist nicht mehr nur fein geschnitten und klassisch-elegant, er wird dazu noch frech: Es ist die Zeit der Dandy-Schuhe in schwarz-weiss.

Was folgt, sind ein weiterer Weltkrieg, weitere Höhenflüge, eine weitere Krise. Dann die Übernahme, die vielen Eigentümerwechsel. Heute gehört Bally dem chinesischen Konzern Shandong Ruyi. Doch nie hat Bally aufgehört, Schuhe zu produzieren. Und noch immer gilt ein Bally-Schuh als Luxusgut.

Damals trug der Mann von Welt noch Schleife am Schuh

All diese Modelle des klassischen Herrenschuhs sind nun in dieser Ausstellung vereint. Dazu Skischuhe, Feuerwehrstiefel, Curling-Schuhe, Schuhe mit Robbenfell und Schlangenhaut, Sneakers und solche mit Schleifen, die einen rahmengenäht, die anderen nagelbeschlagen. Gezeigt werden sie alle auf Augenhöhe.

«So, wie man sich Schuhe sonst nie anschaut», sagt Jürg Brühlmann, Inhaber der Designagentur Spinform AG, die alle Ballyana-Ausstellungen gestaltet hat. «Wir haben die Schuhe wie in einer Bibliothek angeordnet, damit man sie in ihrer ganzen Pracht studieren kann.»

Eines fällt dabei auf: Bei aller Veränderung der äusseren Umstände, trotz der 170 Jahre dazwischen; die Modelle des klassischen Herrenschuhs haben sich kaum verändert. Matter nickt und meint: «Das ist sie eben, diese zeitlose Eleganz.»

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