Aarau

Diese Pendlerin zügelt seit zwei Wochen mit dem Zug

Silvia Götti (35), Informatikerin, Aarau.

Silvia Götti (35), Informatikerin, Aarau.

In unserer Serie «Wohin sind Sie unterwegs?» erzählen Reisende in Bahnhöfen und an Bushaltestellen Leute ihre Geschichte. Heute: Silvia Götti, die von Kreuzlingen nach Aarau zieht.

«Ich bin am Umziehen, von Kreuzlingen nach Aarau. Seit rund zwei Wochen transportiere ich mein Hab und Gut mit dem Zug nach Aarau. Meine Eltern bringen noch ein paar Sachen mit dem Auto. Im Sommer war ich auf einer grossen Reise. Ich war zweieinhalb Monate, vom 15. Juli bis zum 28. September, auf Reisen. Mit meinem Kajak bin ich vom Bodensee nach Dänemark gepaddelt – auf Seen, Kanälen, Flüssen und Meeren. Ich war alleine unterwegs.

Jeder Tag war anders. Geschlafen habe ich dort, wo ich am Abend mit meinem Kajak gelandet bin: an Stränden, auf Campingplätzen und einmal auf meiner eigenen Insel – das war einmalig. Hin und wieder wurde ich auch eingeladen, bei jemandem zu übernachten, und einmal, als ein Sturm aufkam, schlief ich auf einem Segelboot. Ich bin täglich rund acht Stunden gepaddelt und habe im Schnitt 40 km zurückgelegt. Während meiner gesamten Reise habe ich nur einen oder zwei Tage pausiert. Wenn es kalt und nass war, war es sowieso gemütlicher in meinem Kajak. Mein Gepäck habe ich in meinem Kajak mittransportiert. Ich hatte auch Hörbücher eingepackt, aber ich habe mir kein einziges angehört – ich hörte lieber den Wellen zu. Am Morgen ass ich jeweils ein Müsli und während des Tages auf dem Kajak Müsliriegel oder Obst. Am Abend war es ganz unterschiedlich. Das Wetter war bis nach Holland überwiegend schön und warm. In Holland war es dann stürmisch. Aber der Spätsommer war wieder angenehm. Was die Reise am Ende etwas erschwert hat, waren die immer kürzer werdenden Tage. Ich hatte also früh kein Tageslicht mehr.

Ich habe auf meiner Reise verschiedene Menschen kennen gelernt. Viele Freiwillige haben mir auf den ersten 400 Kilometern geholfen, mein Kajak um die Wehre zu tragen. Am Rhein kam ich mit einem holländischen Paar ins Gespräch, das mich daraufhin einlud, während meiner Reise bei ihnen zu übernachten. Über die Elbe bin ich getrampt, das heisst ein grosser Dampfer hat mich und mein Kajak von einem Kanal zum anderen gebracht. Die Idee für diese Reise hatte ich, als ich eine Einladung von meiner Schule in Dänemark zum 10-Jahre-Klassentreffen erhalten hatte. Ich war 2007 für ein Jahr an einer Volkshochschule in Dänemark, die direkt am See lag.

Dort habe ich Kajak fahren gelernt. Anstatt mit dem Zug oder Flugzeug zu reisen, entschied ich mich also, mit dem Kajak nach Dänemark zu paddeln. Ich bin zwei Stunden vor der Party an der Schule angekommen, aus dem See gestiegen, habe mein Kajak auf dem Volleyballfeld parkiert und bin an das Fest gegangen. Es war so toll, alle wieder zu sehen. Dänemark ist meine zweite Heimat. Mit dem Zug bin ich dann von Dänemark nach Aarau gereist und habe gleich meine neue Wohnung bezogen. Mein Kajak ist noch in Dänemark.»

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1