Aarau

Ehemaliger eritreischer Flüchtling: «Ich wusste noch nicht einmal, dass es Optiker gibt»

Kiflay Issayas, der vermutlich stolzeste Augenoptiker.

Kiflay Issayas, der vermutlich stolzeste Augenoptiker.

Erst arbeitete Eritreer Kiflay Issayas im Aarauer Brillengeschäft Urech als Hausverwalter. Heute ist er Augenoptiker EFZ.

Einen Berufswunsch hatte er nie. Er wusste nur, was er nicht werden wollte, und wurde es trotzdem: Soldat. So, wie jeder junge Eritreer. So, wie es die Regierung will.

Heute ist Kiflay Issayas (37), genannt Kimo, Augenoptiker EFZ. Der vermutlich stolzeste Augenoptiker weit und breit.

Kimo Issayas’ Geschichte beginnt, wie die meisten eritreischen Geschichten: mit der Verzweiflung über die Zustände im eigenen Land, mit dem Militärzwang. «Nach der elften Klasse muss jeder Eritreer ins Militär», sagt er. Berufslehren gibt es nicht, im ganzen Land gibt es nur eine Universität.

«Ich wollte unbedingt an die Uni, aber man hat mich jedes Jahr aufs Neue vertröstet.» Nach vier Jahren im Militär hält Issayas es nicht mehr aus. Er will lernen, arbeiten, er will eine Zukunft. «Ich hatte nie den Plan, nach Europa zu kommen. Ich wollte einfach nur raus aus Eritrea.»

Er flüchtet in den Sudan. Aber auch da darf er nicht arbeiten. Also reist er weiter nach Libyen. Wartet da auf die Fluchtmöglichkeit übers Mittelmeer. Ein Jahr lang. Drei Mal versucht er zu fliehen, einmal wird er verhaftet und für Monate ins Gefängnis gesteckt. Beim vierten Anlauf legen die Schlepper unentdeckt ab. Gemeinsam mit 25 Frauen und Männern sitzt er im Boot, einer Nussschale mit einem Motor, der auf halber Strecke den Geist aufgibt.

Zwei Tage und zwei Nächte dümpelt das Boot auf offener See. «Es war schrecklich», sagt Issayas. «Diese Zeit auf See war das Schlimmste, was ich jemals erlebt habe.» Der Durst, der Hunger, die endlosen Weiten des Meeres; das habe die Leute verrückt gemacht. Irgendwann gelingt es einem, den Motor zu flicken. In Lampedusa gehen die Flüchtlinge an Land.

Via Kreuzlingen landet Kiflay Issayas im September 2006 in Aarau. Eineinhalb Jahre nach seiner Flucht aus Eritrea. Nach zwei Monaten kommt er nach Aarburg, wo er auf seine Bewilligung wartet. Nach 23 Monaten kommt sie, die B-Bewilligung. Issayas sucht sich eine Wohnung, einen Job. «Ich wollte einfach nur arbeiten und mein eigenes Geld verdienen. Ich wollte nicht auf Kosten der Gemeinde leben.»

Doppelt so alt wie seine Berufsschulkollegen

Fünf Jahre lang arbeitete er in einer Fabrik in Lenzburg, wo die Familie wohnt. Abends brachte er jeweils seine Frau Azieb nach Aarau, die bei Urech Optik AG als Putzhilfe arbeitete. So lernte er die Inhaberfamilie kennen und im Gespräch mit Susanne Urech erwähnt er, dass er auf Arbeitssuche sei.

Drei Monate später tritt Issayas eine Stelle als Hausverwalter an. Aber nicht für lange. «Die Augenoptik hat mich interessiert. Und die Familie Urech hat mir angeboten, eine Attestlehre zu machen.» Ein Glück, das er noch heute nicht richtig fassen kann. «Die Perspektive, eine Lehre machen und so unabhängig vom Sozialamt leben zu können – das war eine unglaubliche Chance für mich.»

Und so begann Kiflay Issayas mit 32 Jahren seine Ausbildung. Doppelt so alt wie seine Berufsschulkollegen, mit zwei kleinen Kindern daheim, kniete er sich rein. «Ich habe wahnsinnig viel gelernt», sagt er. Mathe, Optik und Chemie seien kein Problem gewesen. «Aber die Allgemeinbildung.» Issayas lächelt. Das sei halt in der Schweiz schon etwas ganz anderes als in Eritrea.

Nach zwei Jahren bestand er die Werkstattprüfung. Gemeinsam mit der Familie Urech beschliesst er, weiterzumachen und den EFZ-Abschluss zu machen. «Das war eine grosse Herausforderung. Für mich, aber auch für meine Familie. Ich hatte kaum Zeit für sie.» Trotzdem. Nie zweifelte er daran, das Richtige zu tun. «Ein Fähigkeitszeugnis in der Hand zu halten, war das Allerwichtigste.» Das konnte er, im Sommer 2019.

Die Unabhängigkeit bedeutet auch viel Verzicht

Jetzt ist er also Augenoptiker EFZ. Nicht im Traum hätte er jemals daran gedacht. «In Eritrea war ich nie in einem Optikergeschäft, ich wusste noch nicht einmal, dass es das gibt.» Aber er habe seinen Traumberuf gefunden.

«Ich bin der Familie Urech sehr dankbar, dass sie mir das ermöglicht haben.» Er liebt seine Arbeit im Atelier, wo er Gläser schleift und die Brillen zusammensetzt. Und er liebt seine Unabhängigkeit, auch wenn sie viel Verzicht bedeutet.

Seine Frau und er sehen sich einen Tag die Woche; er arbeitet tagsüber, seine Frau abends, nur so kommt genügend Geld zusammen, um die eigene Familie und die Eltern und Schwiegereltern zu finanzieren. «Aber lieber so, als von der Sozialhilfe abhängig zu sein», sagt er.

Nichts ärgert ihn mehr, als Arbeitsfähige, die antriebslos am Bahnhof herumlungern. «Diese Perspektivlosigkeit ist furchtbar. Aber jeder hat es selbst in der Hand. Man muss etwas tun für sein Glück. Aber wenn man will, kann man alles schaffen.»

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