Kern

Ein Blick zurück: Wie eine kleine Aarauer Werkstatt zur Weltfirma wurde

Das verbleibende Material der Kern und das Archiv wurden 1988 dem Stadtmuseum im Schlössli Aarau übergeben.

Das verbleibende Material der Kern und das Archiv wurden 1988 dem Stadtmuseum im Schlössli Aarau übergeben.

Die Firma Kern würde heute 200 Jahr alt werden. Wir werfen einen Blick zurück auf die kleine mechanische Werkstatt mit Welterfolg.

1799, mitten in der aufregenden Epoche der Helvetischen Republik, verschlug es einen neunjährigen Halbwaisen aus dem verarmten Glarnerland nach Aarau. Der aufgeweckte Jüngling hiess Jakob Kern und fand wohlwollende Aufnahme im Haus des Seidenbandfabrikanten und Politikers Johann Rudolf Meyer. Dieser ermöglichte Kern eine solide Schulbildung und platzierte ihn anschliessend beim Aarauer Zirkelschmied Louis Esser, bei dem er sich das berufliche Rüstzeug holen sollte.

Nach Lehr- und Wanderjahren, die ihn bis nach München führten, kehrte er 1819 an die Aare zurück und eröffnete in einem Hinterhaus an der Laurenzenvorstadt eine mechanische Werkstatt für die Herstellung von Reisszeug und Vermessungsinstrumente, vor exakt 200 Jahren also.

Theodoliten waren ein Verkaufsschlager

Der Kleinbetrieb entwickelte sich prächtig, entsprachen doch die Produkte, vornehmlich die Theodoliten, «dem zunehmenden Bedürfnis nach genauen topografischen Karten und dem Ausbau der Verkehrswege auf der Strasse und später beim Eisenbahnnetz», wie Franz Haas in seinen 2012 erschienenen «Kern-Geschichten» schreibt. Nicht minder gut lief das Geschäft mit den Zirkeln, die breite Verwendung fanden und über lange Zeit ein wichtiges Standbein blieben. Grund genug für Jakob Kern, im Jahre 1830 ein Grundstück auf der Saxermatte (heute Bahnhofstrasse) zu kaufen und ein Wohnhaus samt neuer Werkstatt zu erstellen.

Doch auch hier wurde es bald zu eng. 1857 disloziert der Betrieb in ein neues, grosszügiges Fabrikgebäude am Ziegelrain, dessen Mauern heute noch zu sehen sind. Die Belegschaft wuchs auf 42 Personen an, im gleichen Jahr traten die Söhne als Associés in die Firma ein, Adolf übernahm die Reisszeugabteilung, Emil den Bereich Vermessung, während sich Vater Jakob nach und nach zurückzog und am 4. Februar 1867 verstarb.

Zur Jahrhundertwende gab es interne Probleme

Schon bald hielt die dritte Generation Kern Einzug in den Betrieb. Durch den frühen Tod des designierten Nachfolgers an der Spitze, Jakob Kern, kam es zu familiären Differenzen, die bis zum Ende des Jahrhunderts dauerten. 1899 schliesslich sah sich die Geschäftsleitung mit massiven Konflikten aus der Belegschaft konfrontiert, die zu einer Reduktion der Arbeitszeit von 11 auf 10 Stunden pro Tag führten. Trotz den internen Problemen holte sich Kern an Welt- und Landesausstellungen zahlreiche Gold- und Silbermedaillen ab, primär wegen der ausgezeichneten Qualität, während es an Weiterentwicklung und Innovation weitgehend fehlte. 1914 erhielt die Firma das rechtliche Kleid einer Aktiengesellschaft, Pläne für den Aufbau eines Filialbetriebs in Russland scheiterten nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs und an der folgenden Wirtschaftskrise.

Mitten in dieser schwierigen Zeit bezog Kern das neue Areal an der Schachenallee, das später sukzessive erweitert wurde. Und mit der Anstellung des Aarauers Walther Zschokke, der sich bei den Goerz-Werken in Berlin einen Namen gemacht hatte, konnte die Entwicklungslücke mindestens kurzfristig geschlossen werden.

Nun fabrizierte Kern für ihre Instrumente eigene Objektive und Optikkomponenten. 1925 ging der erste Kern-Feldstecher über den Ladentisch, ein Produkt, das über Jahrzehnte ein Renner blieb. Hinzu kamen Aufträge von der Armee für Richt- und Zielgeräte, ein Zweig, der entscheidend dazu beitrug, die schwierige Zeit während des Zweiten Weltkriegs zu überbrücken. Neue finanzielle Sicherheit und seinen Ruf für Innovationsfreude errang das Unternehmen mit dem Übertritt von Heinrich Wild, der seine eigene Gründung 1930 verliess und mehrere bahnbrechende Patente mit nach Aarau brachte.

Zu besten Zeiten hatte die Firma 1300 Angestellte

Seine wirtschaftlich beste Zeit hatte Kern zwischen 1959 und 1969, die Zahl der Angestellten stieg auf ein Rekordhoch von 1300, bei einem Umsatz von rund 24 Millionen Franken pro Jahr. Mit Peter Kern war seit 1961 nun die fünfte Generation an der Spitze der Geschäftsleitung tätig. «Der direkte Einfluss der Kern’schen Familienmitglieder wurde verstärkt, leider aber nicht die Fachkompetenz und die Führungsqualität», urteilt der Buchautor Franz Haas wenig schmeichelhaft. Insbesondere verpasste man es, «in ein fachgerechtes internationales Marketing grosszügig zu investieren». Daran vermochte auch eine Serie von eigens für die amerikanische Raumfahrtbehörde Nasa entwickelten Objektiven, die bei den Mondflügen mit Apollo 10 und 11 zum Einsatz kam, nichts zu ändern.

Noch 1979 sprach Paul Vogel, damals kaufmännischer Direktor bei Kern, von einem «modernen, blühenden Industrieunternehmen von Weltgeltung», dem es gelungen sei, «den guten Ruf der Kern-Produkte zu erhalten und zu mehren». Doch die Entwicklung bei den Messgeräten und -systemen zur Anwendung der Elektronik und Computertechnik und der international steigende Preisdruck setzten der Aarauer Firma trotz ihren 120 Auslandvertretungen auf allen Kontinenten hart zu. Ab 1983 kam es zu Kurzarbeit und einem ersten Stellenabbau. Die folgenden Stationen hat der Journalist Ruedi Mäder in den Aarauer Neujahrsblättern von 1992 unter dem Titel «Firmengeschichte ohne Happy-End» eindrücklich beschrieben: 1986 Aufgabe der Reisszeugproduktion, weitere Entlassungen, Ende der Familienepoche 1986 mit dem Rücktritt von Peter Kern nach 35 Dienstjahren als Vorsitzender der Geschäftsleitung.

Coup: Verkauf an die langjährige Konkurrentin

Wie ein Blitz aus heiterem Himmel schlug am 16. Mai 1988 in Aarau die Nachricht ein, dass Kern an die langjährige Konkurrentin Wild Heerbrugg verkauft worden sei. Der Coup war offenbar von Grossaktionär Peter Kern himself eingefädelt worden. 1990 ging schliesslich auch der ruhmreiche Name Kern verloren, die restliche Belegschaft im Schachen arbeitete nun für die neue Leica Aarau AG.

Allerdings nur über eine kurze Dauer, am 29. Januar 1991 kam das endgültige Aus. «Bestürzung und Empörung herrschten nicht nur in der Stadt, sondern vor allem bei den noch rund 450 Leica-Mitarbeitern in Aarau, die nun vor einer ungewissen Zukunft standen», hält Mäder dazu fest.

Heute nur noch im Museum – und in den Köpfen

Was ist geblieben von einem 172 Jahre dauernden Kapitel Aarauer Industriegeschichte? Das leerstehende Kern-Areal im Schachen wurde an ein Konsortium verkauft, das in den Räumen erfolgreich ein Gewerbe-, Industrie- und Entwicklungs-Zentrum mit mehr als 40 Firmen einrichtete.

Nicht weniger bedeutend ist die Rettung des umfangreichen Archivs aus den langen Firmenzeiten, vor allem Akten und historische Instrumente. Um einem drohenden Verkauf durch die neuen Besitzer zuvorzukommen, bemühten sich einige «Kernianer», vor allem der Ingenieur Heinz Aeschlimann, das Erbe zusammenzuhalten und der breiten Öffentlich- keit und der Fachwelt zugänglich zu machen.

Im Sommer 1988 gelang das Unterfangen mit der Übergabe des Materials an das Stadtmuseum im Schlössli. Nach dem Ende der Firmen-Ära 1991 wurde die Sammlung Kern erweitert und systematisch zu Ausstellungszwecken aufgearbeitet.

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