Aarau

Ein Drittel der Aarauer Altstadtbewohner ist in der Nachtruhe gestört

Ein Viertel der Altstadtbewohner stört sich daran, dass sich die Busse durch die vom Verkehr befreiten Gassen zwängen. Werner Erne

Ein Viertel der Altstadtbewohner stört sich daran, dass sich die Busse durch die vom Verkehr befreiten Gassen zwängen. Werner Erne

Eine Umfrage bestätigt: Die Aarauer Altstadtbewohner haben eine hohe Lebensqualität, trotz Lärm, Littering und der Busse. Am meisten – rund 60 Prozent – beschäftigt das Littering, ein Problem, das die meisten eben nicht zu Gesicht bekämen.

64 Prozent der Altstadtbewohner können mit dem Lärm nachts leben. Dies hat eine Umfrage ergeben, die der Verein der Altstadtbewohnerinnen und -bewohner Anfang Jahr gemacht hat. 1100 Bögen mit 16 Fragen hat er verteilt; 130 kamen zurück.

Hat sich das Problem des Lärms also entschärft, seit das KBA dichtgemacht hat? Frühere Befragungen hatten ein anderes Bild abgegeben. Bruno Nüsperli, Präsident des Vereins der Altstadtbewohner, relativiert: «Der Lärm, der uns Altstadtbewohnern den Schlaf raubt, ist von Gasse zu Gasse und von Haus zu Haus sehr unterschiedlich, je nachdem, ob man vorne oder hinten hinaus schläft.» 16 Prozent der Antwortenden schlafen hinten hinaus.

Es überrasche auch nicht, so Nüsperli, dass junge Leute den Lärm als weniger störend empfänden. Ein Drittel der Personen, die den Fragebogen ausgefüllt haben, stellen mit Genugtuung fest: «In meiner Gasse ist es ruhig.» Immerhin 8 Prozent stehen dazu, dass sie selber Lärm machen. «Wir alle wollen eine lebendige Altstadt», sagt Bruno Nüsperli. «Doch um Mitternacht sollte die Altstadt zur Ruhe kommen, damit die Bewohnerinnen und Bewohner schlafen können.»

Mit den zurückgeschickten Fragebögen hat der Verein vier Seiten Kommentare gesammelt. Beim Eintippen fiel Vereinspräsident Nüsperli auf: «Junge Menschen neigen eher dazu, für sich das Recht auf umfassende Nutzung des öffentlichen Raums in Anspruch zu nehmen, ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse der andern.» Er zitiert aus den Antworten: «Die Aarauer sollten endlich begreifen, dass wir hier in einer Stadt wohnen. Da gehört Lärm dazu, wem das nicht passt, soll aufs Land ziehen.»

Dass unter den Betroffenen auch Familien sind, die seit Generationen in ihrem Haus in der Altstadt leben und nicht einfach wegziehen können oder wollen, sei für viele Angehörige der 24-Stunden-Gesellschaft offenbar schwer vorstellbar, meint Nüsperli.

«Unser Problem ist, dass wir kein politisches Gewicht haben», sagt Vorstandsmitglied Georges Mühlethaler, der seit 60 Jahren in der Gasse Zwischen den Toren lebt. In der Altstadt wohnen gut 1000 Personen. «Das sind rund 5 Prozent der gesamten Einwohnerschaft Aaraus, eine zu kleine Anzahl, als dass wir mit unseren Anliegen wahrgenommen würden.»

Littering, das grössere Problem

«Nur» 37 Prozent stören sich am Nachtlärm. Ganze 58 Prozent sind es aber, denen das Problem Littering zu schaffen macht. Unsere Stadt sei doch sauber, das höre er immer wieder, sagt Mühlethaler. Doch sei dies das Bild, das sich jene Leute von der Altstadt machten, die nicht hier wohnten. «Diese Leute kommen erst in die Altstadt, wenn sie wieder sauber ist», sagt er. Am frühen Morgen bietet sich ein anderes Bild.

Mühlethaler will immerhin auch bemerkt haben, dass Littering und insbesondere Vandalismus abgenommen haben. Er führt das unter anderem darauf zurück, dass die «Kettenbrücke» (KBA) seit Oktober 2013 geschlossen ist. Wie stark allenfalls auch schlechtes Wetter die Nachtschwärmer abgehalten und so indirekt dazu beigetragen hat, dass das Abfallproblem etwas weniger gravierend zu sein scheint, kann Mühlethaler nur vermuten.

Ein weiteres Problem, das den Altstadtbewohnern unter den Nägeln brennt, ist der Bus. Ein Viertel stört sich daran, dass die sperrigen Vehikel sich noch immer durch die vom übrigen Verkehr mehr oder weniger befreiten Gassen drängen. Wie bei den anderen Problemfeldern gehen auch hier die Meinungen stark auseinander: Der Bus ist wichtig für die Anwohner, Geschäfte und Gastrobetriebe, heisst es etwa. Es wird aber auch gefordert, die Busse sollten die Altstadt wie bei Grossanlässen umfahren.

Die meisten Altstadtbewohner freuen sich an den verkehrsberuhigten Gassen, am malerischen Ambiente, an der Urbanität, an den Fortschritten, welche die Stadt gemacht hat, und vielen anderen Qualitäten. Und viele leben gerne hier, weil etwas läuft.

Mühlethaler und Nüsperli wissen, dass vieles, was sie in der Altstadt an Negativem erleben, die Gesellschaft als Ganzes betrifft. «Freuen wir uns also, zusammen mit der grossen Mehrheit der Altstadtbewohner, an der guten bis sehr guten Wohnqualität, welche die Altstadt uns bietet», sagt Nüsperli ganz und gar ohne ironischen Unterton, um gleich anzufügen: «Unser Verein hält an seiner Forderung nach mehr Ruhe und Ordnung nach Mitternacht fest.»

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