Unterentfelden
Ein Glöggli mit Geschichte: Klein aber gewichtig

Im Turm der reformierten Kirche Unterentfelden hängt die Glocke der «Schweizer Ausstellung für Frauenarbeit».

Katja Schlegel
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Ihr Gewicht ist mit 130 Kilo bescheiden, ihr Ton hoch und eigenwillig. Mit dem Leiterwagen holte die Unterentfelder Schuljugend 1960 das Glöggli in Aarau ab.

Ihr Gewicht ist mit 130 Kilo bescheiden, ihr Ton hoch und eigenwillig. Mit dem Leiterwagen holte die Unterentfelder Schuljugend 1960 das Glöggli in Aarau ab.

zVg Bild: zVg

Wird in Unterentfelden ein Bébé getauft, läutet es. Und wird eine Frau bestattet, läutet es auch. Noch vor dem Bestattungsgeläut, hell und eigenwillig, für fünf Minuten. Das «Saffa-Glöggli».

Das Glöggli ist nicht irgendein Glöggli. Zwar ist die Verniedlichung gerechtfertigt; mit einem Gewicht von rund 130 Kilogramm und einem Durchmesser von 58 Zentimetern am unteren Rand ist die Glocke tatsächlich die kleinste und leichteste im Unterentfelder Geläut. Doch gewichtig macht sie ihre Geschichte.

Das Glöggli rief in Zürich Zehntausende

Gegossen wurde die Glocke 1958 in Aarau von der Glockengiesserei Rüetschi. Aber nicht für Unterentfelden, sondern für Zürich. Genauer: für das ökumenische Zentrum der zweiten «Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit», kurz Saffa, die vom 17. Juli bis 15. September 1958 auf der Landiwiese stattfand. Die Saffa unter dem Motto «Lebenskreis der Frau in Familie, Beruf und Staat», organisiert von nationalen und internationalen Frauenorganisationen, zog 1,9 Millionen Besucher an.

Die Chefarchitektin der Saffa, Annemarie Hubacher-Con­stam, hatte das «Saffa-Kirchlein» entworfen, als allererste Kirche überhaupt an einer schweizerischen Landesausstellung. Das Kirchlein mauserte sich rasch zum Anziehungspunkt. So sollen täglich bis zu 10000 Besuchende zu den verschiedenen Gottesdiensten aller Konfessionen geströmt sein. Und all diese Besuchenden hatten den Klang dieses einen Glöckleins im Ohr.

Nach der Ausstellung kam die Glocke (Inschrift «Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, so will ich euch Ruhe geben») zurück nach Aarau. Eigentlich sollte sie nach Kanada verkauft werden, aber das liess eine Gruppe Aarauer Frauen nicht zu. Sie wollten die Glocke der frisch gegründeten Reformierten Kirchgemeinde Unterentfelden schenken.

Ein Zeichen der Eigenständigkeit

Und so kam es. In der Schenkungsurkunde vom November 1959 steht: «Ich, die Saffa-Glocke, werde der Kirchgemeinde Unterentfelden im Aargau geschenkt. Eine hochherzige Spende der Saffa 1958, und viele kleine, grössere und grosse Beiträge von Aarauer-Frauen haben dies ermöglicht.» Unterzeichnet im Namen der Spenderinnen, dem Gemeinnützigen Frauenverein Aarau, wurde die Urkunde von Gertrud Henz-Oehrli, die sich laut Sohn Alexander Henz in verschiedenen Vereinigungen und Funktionen für die Rechte der Frau einsetzte.

In Unterentfelden sorgte die Saffa-Glocke für helle Freude. Wenn auch nicht in erster Linie ihrer Herkunft, sondern der Geste wegen: Bis dato musste die frisch gegründete Kirchgemeinde ihre Gottesdienste mangels Kirche im Schulhauskeller feiern, und geläutet wurde einzig das Schulhausglöggli. «Endlich eine eigene Glocke zu haben, geschenkt von den Aarauerinnen; das war eine grosse Freude und ein wichtiger Schritt in die Eigenständigkeit», sagt Erich Baumann, langjähriger Mitarbeiter der Kirchgemeinde. Im September 1962 wurde das Saffa-Glögg­li schliesslich mitsamt dem fünfstimmigen Geläut in den Kirchturm hochgezogen.

Und seither hängt es da, das Saffa-Glöggli, zwar mit, aber nicht als Teil des eigentlichen Geläuts. Zu eigenwillig und hoch sei sein Klang, steht dazu in einem Artikel der Kirchenpflege aus dem Jahr 1962 geschrieben, als dass es sich in das Geläut einfügen lassen würde. Der Bericht weiter: «Es soll vielmehr seiner besonderen Herkunft entsprechend nur bei besonderen Gelegenheiten erklingen.» Und das tut es.

Das Saffa-Haus in der Aarauer Telli

Das Glöggli ist übrigens nicht das einzige Saffa-Relikt, das in der Region ein zweites Leben bekam: 1928 baute die Industriellenfamilie Kunath in der Telli das von der Architektin Lux Guyer für die erste Saffa (1928 in Bern) entworfene Ausstellungshaus wieder auf und nutzte es als Wohnhaus. Nach einem erneuten Umzug steht das Haus seit 2006 in Stäfa.