Bezirksgericht Aarau

Ein Leben im Lügengebäude: 52-jähriger Betrüger zu vier Jahren Haft verurteilt

Die Anschuldigen gegen Micky sind lang: mehrfacher Betrug, mehrfacher Check- und Kreditkartenmissbrauch, mehrfache Urkundenfälschung und Einiges mehr. (Symbolbild)

Die Anschuldigen gegen Micky sind lang: mehrfacher Betrug, mehrfacher Check- und Kreditkartenmissbrauch, mehrfache Urkundenfälschung und Einiges mehr. (Symbolbild)

Das Bezirksgericht Aarau verurteilte einen Betrüger und Urkundenfälscher. Die Anklageschrift über den 52-jährigen Schweizer liest sich wie ein Lehrgang der Internetgaunerei.

Viel Kreativität hat Micky (Name geändert) in seine Schlaumeiereien investiert. Zur Perfektion vermochte er diese trotzdem nicht zu bringen. Nach einer fünfstündigen Verhandlung vor dem Aarauer Bezirksgericht winken dem 52-jährigen Schweizer nun nämlich vier Jahre hinter Gefängnismauern. Jedenfalls, wenn das erstinstanzliche Urteil rechtskräftig wird.

Trotzdem: Die Anklageschrift mit der detaillierten Auflistung der von Micky ersonnenen Betrügereien liest sich wie ein Lehrgang der Internetgaunerei. Die Micky von Staatsanwältin Rebecca Bänziger zur Last gelegten Straftatbestände lauteten: mehrfacher Betrug, mehrfacher Check- und Kreditkartenmissbrauch, mehrfache Urkundenfälschung, mehrfaches Verfügen über mit Beschlag belegte Vermögenswerte (Umgehen einer Lohnpfändung) und mehrfache Widerhandlung gegen das Strassenverkehrsgesetz.

Verhängnis Solidarhaftung

Als Fachkraft in der Energiebranche verdiente Micky stets gut, wenn er Arbeit hatte. Trotzdem schlitterte er vor ein paar Jahren in die Schuldenfalle. Zum Verhängnis wurde ihm, wie er vor Gericht erklärte, eine Solidarhaftung – «etwas, das ich nie hätte unterschreiben dürfen». Es ging um eine Viertelmillion Franken. «Und auf mich gingen sie los, weil ich der Einzige war, der Geld hatte.»

Dann sei alles aus dem Ruder gelaufen. Schon bald habe er die Eigentumswohnung verkaufen wollen, doch die Ehefrau, von der er seit Ende 2015 geschieden ist und mit der er eine halbwüchsige Tochter hat, wollte offenbar nicht. Bis es nicht mehr anders ging.

Micky wollte sich nach eigenen Angaben «nicht eingestehen, wie schlimm es stand». Er setzte sich dadurch selber unter Druck – und spürte auch den Druck der Familie. Darum liess er sich allerhand einfallen: Er schloss von eigens dafür erstellten Internetadressen aus Leasing-Verträge für Autos unter fremden Namen online ab und fälschte die nötigen Unterlagen – auch jene für die Autoversicherung.

Die Autos holte er selber ab, wobei er sich als Ehemann oder als Schwager der Fahrzeughalterin ausgab. Dass er die Bezahlung der Leasing-Raten jeweils bald einstellte, führte freilich zu Komplikationen. Dank der Fälschung von Bankdokumenten liess sich das Unheil noch um ein paar Monate hinauszögern.

Auf ähnliche Weise beschaffte sich Micky Kreditkarten und eine Tankkarte. Wie beim Autoleasing verwendete er auch hier die Identität einer früheren Arbeitskollegin und einer Bekannten, mit der er eine Zeit lang ein nicht ganz so loses Verhältnis hatte. Er verfügte über Kopien der Identitätskarten beider Frauen und deren Unterschriften kopierte er am Computer in die Dokumente.

Die Rechnungen blieben unbezahlt, und als den Opfern Betreibungen ins Haus flatterten, flog der Spuk auf. Da Micky, der im Zürcher Oberland wohnt, die Manipulationen auf dem Computer seines damaligen Arbeitgebers in Buchs AG vornahm, wurde Aarau als Gerichtsstand bestimmt.

Im Fall eines Mietbetrugs war der Tatort mit Mickys Wohnadresse identisch. Als die Eigentumswohnung nicht mehr zu halten war, brauchte die dreiköpfige Familie ein neues Dach über dem Kopf. Aber bei Mickys langer Liste von Betreibungen war für ihn eine teure Mietwohnung eben so wenig in Reichweite wie ein Leasingvertrag oder eine Kreditkarte unter seinem eigenen Namen. Kurzerhand bewarb sich Micky um eine Viereinhalbzimmer-Mietwohnung für 2540 Franken pro Monat – unter den Namen zweier befreundeter Eheleute.

Als Referenz empfahl er sich selber, indem er sich als Arbeitgeber des Mannes ausgab. Wohl nannte er den tatsächlichen Arbeitgeber der Frau, gab aber seine eigene Mobile-Nummer an. Beim Betreibungsamt bestellte er online die Betreibungsregisterauszüge des Paares. Den Pöstler mit den (nicht eingeschrieben verschickten) Auszügen fing er im richtigen Moment ab.

Die Wohnung bekam er, doch der Aufenthalt seiner Familie im repräsentativen Wohnobjekt endete schon nach vier Monaten, da sich Micky weder die Kaution, noch den Mietzins leisten konnte.

Schon gegenüber der Staatsanwaltschaft und dann auch gegenüber dem Bezirksgericht unter dem Vorsitz von Gerichtspräsident Reto Leiser zeigte sich der Beschuldigte geständig. Ob er denn nie befürchtet habe, dass das Ganze auffliegen könnte, wollte Leiser wissen. So weit habe er gar nie gedacht, lautete die Antwort.

Staatsanwältin: «Unbelehrbar»

Mickys Verschulden sei als erheblich einzustufen, sagte Staatsanwältin Rebecca Bänziger. Er habe während Jahren über seinen Verhältnissen gelebt und das Ganze vorsätzlich über Betrügereien und Urkundenfälschungen finanziert. Die Staatsanwältin warf dem Beschuldigten vor, arglistig gehandelt und ein veritables Lügengebilde konstruiert zu haben. Schon zweifach einschlägig vorbestraft sei Micky unbelehrbar. Ihm müsse eine schlechte Prognose gestellt werden. Bänziger beantragte daher eine unbedingte dreijährige Gefängnisstrafe.

Demgegenüber erklärte Mickys amtliche Verteidigerin, Fabienne Senn, ihrem Mandanten sei es nur um die Sicherung der Existenz seiner Familie gegangen, nicht um das Aufrechterhalten eines teuren Lebensstils. Der Beschuldigte sei lediglich mit einer bedingten Freiheitsstrafe von 20 Monaten mit einer Probezeit von fünf Jahren zu bestrafen.

Für vier Jahre ins Gefängnis

Das Gericht entschied einstimmig. Und es folgte im Wesentlichen der Staatsanwältin. Allerdings blieb es, was die Freiheitsstrafe angeht, beim Strafmass um sechs Monate unter Bänzigers Antrag: zweieinhalb Jahre unbedingt. Dazu kommt der Widerruf des bedingten Vollzugs einer 18-monatigen Freiheitsstrafe, die das Bezirksgericht Pfäffikon ZH im Februar 2014 gewährt hat. Macht insgesamt vier Jahre Gefängnis.

Keine neue Erfahrung für Micky: Eine 12-monatige Gefängnisstrafe, die 2010 bedingt erlassen und nach der Nichtbewährung vollzogen wurde, hat Micky schon verbüsst. Nach acht Monaten wurde er wegen guter Führung entlassen. «Lustig» sei es im Gefängnis nicht gewesen, sagte er dem Gericht.

Die Warnwirkung der beiden früheren Urteile, erklärte Gerichtspräsident Reto Leiser, sei offenbar jedoch verpufft. Die Bewährungsaussicht präsentiere sich dem Gericht deshalb heute nicht besser als 2010 und 2014. Ein bisschen auf die Zähne beissen, schien es, musste Micky bei der knappen mündlichen Urteilseröffnung schon. Auch der Schuldenberg wächst, unter anderem der Zivilforderungen und der Verfahrenskosten wegen, die ihm ins Haus stehen, weiter an.

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