Jahrhundertelang lagen sich die Suhrer und Aarauer wegen des Stadtbachs in den Haaren, bis vor gut 150 Jahren dank des Gönhardstollens Friede einkehrte. Jetzt wollen die Suhrer den Stadtbach aber wieder anzapfen: Er soll den längst versiegten Steinfeldbach (im Volksmund Steufelerbach genannt) speisen. Dessen verschüttetes Bachbett soll nämlich wieder geöffnet werden. Nicht aus nostalgischen Gründen, sondern zur Aufwertung des Siedlungsraums, als Erlebnisraum für Kinder – und als eine von verschiedenen Klimaanpassungsmassnahmen in der Gemeinde. So plant es der Gemeinderat.

Was im ersten Moment absurd tönt, hat durchaus seine Berechtigung. «Der vergangene Sommer hat uns deutlich gezeigt, was die prognostizierten hohen Temperaturen mit sich bringen werden», sagt Gemeinderat Thomas Baumann, Ressortvorsteher Bau und Umwelt. Und das hat nicht nur positive Seiten, beim Menschen kann die Hitze schnell auf die Gesundheit schlagen. Und genau dem will die Gemeinde Suhr unter anderem mit der Wiederbelebung des Steufelerbachs auf natürliche Weise entgegenwirken. «Der Bund hat in seiner Broschüre ‹Hitze in Städten› aufgezeigt, dass Fliessgewässer einen Kühleffekt im städtischen Umfeld erzeugen», so Baumann.

Röhre schon verbaut

Der Gemeinderat schlägt vor, den Steufelerbach auf einer Länge von rund 800 Metern wieder zu erstellen. Vom Stadtbach abzweigen soll er bei der Kreuzung Obere Dorfstrasse/Galeggenweg, um dann durch das Gestaltungsplanungsareal Zentrum zur Tramstrasse zu führen, diese unterirdisch zu queren und schliesslich via Schulareal Dorf und Areal «LebenSuhr» in Richtung Suhre zu fliessen. Nicht als reissender Fluss, sondern mal im modernen Betongerinne, mal als Wiesenbächlein wie anno dannzumal. «Erste Abklärungen bei der Stadt Aarau haben ergeben, dass eine Wassermenge von rund zehn Spritzkannen pro Minute möglich wären», so Baumann. Das hätte keine spürbaren Auswirkungen auf den Stadtbach.

Die Idee der Wiederbelebung entstand laut Baumann, weil auf der gesamten Länge des angedachten Bachs grössere bauliche Veränderungen geplant sind oder anstehen. So wurde beispielsweise bei der Sanierung der Tramstrasse die Möglichkeit genutzt, ein Leerrohr für die allfällige unterirdische Führung zu verlegen. Und sowohl im Gestaltungsplan «Zentrum» als auch bei der Planung der Gestaltung des Schulareals oder der Umgebung der Alterssiedlung LebenSuhr bestehe die Möglichkeit, einen künftigen Steufelerbach mit einzubeziehen.

Als Bürgerprojekt gedacht

Noch ist der Steufelerbach eine Idee. Eine Machbarkeitsstudie zeigt, dass er realisierbar wäre. An einer Informationsveranstaltung wurde eben den betroffenen Grundeigentümern (ein knappes Dutzend) die Idee vorgestellt und mit diesen diskutiert. «Es wurden zurecht viele kritische Fragen gestellt», sagt Baumann. Die Punkte würden nun aufgenommen und in eine allfällige weitere Planung einfliessen.

Der neue Steufelerbach soll aber noch viel mehr bewirken als einen blossen Kühleffekt. «Wir wünschen uns, dass der Steufelerbach zu einem Bürgerprojekt wird, an dem sich möglichst viele Suhrer in allen Projektetappen beteiligen», sagt Baumann. Von der Planung bis zum Einsatz von Muskelkraft. «Dieses Projekt soll identitätsstiftend sein, die Generationen zusammenbringen und das Zusammenleben im Dorf fördern.» Zudem soll es Suhr etwas von dem Charakter zurückgeben, den es einst mit den vielen Bächen hatte.

Bleibt eine entscheidende Frage: Wer bezahlt das alles? Stand heute sei das noch nicht definitiv geplant, so Baumann. Infrage kommen würden aber verschiedene Quellen, beispielsweise der Naturmade-Star-Fonds der Stromerzeuger- oder der Swisslos-Fonds. Landbesitzer, Einwohner und die Gemeinde sollen nicht zur Kasse gebeten werden. Die Röhren unterhalb der Tramstrasse beispielsweise wurden durch den Fonds finanziert, der im Zuge der Überbauung SuhrePark für Renaturierungsmassnahmen angelegt worden war. Wie hoch die Kosten für die Wiederbelebung ausfallen werden, ist noch nicht beziffert. Diese sollen im weiteren Verlauf abgeklärt werden. Pro Laufmeter Bach rechnet man im stark bebauten Gebiet laut Baumann mit 500 bis 800 Franken. «Bei einfachen Verhältnissen sind die Kosten pro Laufmeter deutlich tiefer.»

Und wie steht es um den Zeithorizont? Baumann: «Wir rechnen mit fünf bis zehn Jahren bis zur Umsetzung. Diese soll mit der Einwicklung der angesprochenen, im Umbruch befindlichen Arealen erfolgen.» Zuerst muss aber die Idee eines «neuen» Steufelerbachs mit der Bevölkerung zusammen von der Idee zum Bauprojekt reifen. «Wenn der Funke nicht springt, bleibt der Steufelerbach in den Geschichtsbüchern», meint Baumann.

Der Gemeinderat will am Infoforum im Mai über das Projekt berichten.