Aarau

Ein tragisches Leben: Die Geschichte einer Suhrer Giftmörderin wird zum Theaterstoff

Nadine Schwitter (vorne) und Sandra Utzinger spielen im Stück «verdeckt» die Angeklagte Verena Lehner.

Nadine Schwitter (vorne) und Sandra Utzinger spielen im Stück «verdeckt» die Angeklagte Verena Lehner.

Das Theater Marie bringt im Theater Tuchlaube Aarau die wahre Geschichte der Giftmörderin Verena Lehner auf die Bühne.

«Drei Tage nun sitzt sie schon auf der Anklagebank, die geheimnisvolle Wahrsagerin von Suhr: Still, unbeweglich starrt sie in den Saal. Heute sprach sie zum ersten Mal. Bei der Konfrontation mit ihrer ehemaligen Magd und einer Klientin. Sie bestritt alle Zeugenaussagen. In sehr geschwätzigem Tone.

Sie sprach in ihren Redensarten etwas zu oft und zu leicht von Gott, als dass es Eindruck gemacht hätte. Solange sie schweigend da sass, machte sie auf mich den besseren Eindruck. Ist der Tod Adrian Meiers und der Elisabeth Schmidli noch ein Rätsel? Hat diese hoch in den Sechzigerjahren stehende, schon weisse Frau diese beiden alten Leute um des schnöden Geldes willen vergiftet?»

So schreibt der «Freie Aargauer» am Freitag, 4. Oktober 1929, über den Prozess. Auf der Anklagebank sitzt Verena Lehner-Kaufmann aus Suhr, 67-jährig, Mutter von 16 Kindern, Frau eines Säufers und Tagediebs, angeklagt wegen zweifachen Giftmordes, wegen Diebstahls und mehrfachen Betrugs durch Urkundenfälschung.

Noch heute ist die Lehner unvergessen

Es ist die Geschichte einer Frau, der im Leben nichts geschenkt wurde. Kurt Badertscher aus Lenzburg hat die Geschichte recherchiert und 2018 im Buch «Giftmord – eine Kriminalgeschichte von 1929» herausgegeben. Historische Fakten, verwoben mit fiktiven Erzählungen. Die Dramatikerin Ariane Koch hat nun die Geschichte zum Anlass genommen, um das theatralische Porträt einer Frau zu zeichnen, die nicht den Normen ihrer Zeit entsprach.

Aufgewachsen in Gränichen unter ärmlichsten Umständen, schlägt sich Verena als Fabrikarbeiterin und Dienstmagd durch, wird schwanger von einem Dahergelaufenen und heiratet schliesslich den Lehner Rudolf, mit 23 Jahren. Praktisch im Jahrestakt gebärt sie ein weiteres Kind, und es fehlt an allem, nur nicht an hungrigen Mäulern. Mehrmals wird Verena Lehner vom Bezirksgericht Aarau verurteilt, mal weil sie Bohnen vom Feld geklaut hat, mal alte Kleider, mal Holz, mal Mehl.

1908 ziehen die Lehners auf einen Hof im Suhrer Ryntal. Abgelegen am Waldrand, an der Grenze zu Gränichen, wo heute die Autobahn die Gemeinden teilt. Als Käufer wird Rudolf Lehner eingetragen, das Geld aber stammt von Verena. Sie hat durch cleveres Wirtschaften und durch die Aufnahme von Kostgängern ein Sümmchen ansparen können.

Verena gewinnt zunehmend an Bekanntheit

Tag und Nacht soll sie gearbeitet haben, fast rund um die Uhr, um ihre Kinder durchzubringen. Ihr Mann war ihr keine Hilfe, er versoff vorzu, was er als Taglöhner verdient hatte, und sagte im Suff für Bürgschaften zu, für die er später geradestehen musste. Im April 1915 lässt Verena Ruedi einen Ehevertrag unterzeichnen und kauft ihm den Hof im Ryntal ab.

Unter den vielen Kostgängern, die Verena Lehner durchfüttert, ist auch ihre Tante Lisette, eine Wahrsagerin. Sie empfängt auf Verenas Hof nicht nur ihre Klienten, sie führt Verena auch in die Kunst des «Kartenschlagens» ein. Als Lisette stirbt, macht Verena da weiter, wo ihre Tante aufgehört hat. Regelmässig kommen Ratsuchende ins Ryntal, Verena gewinnt zunehmend an Bekanntheit. Männer wollen mit ihrer Hilfe ihre Zukünftige finden, Frauen ihre Männer zurückgewinnen. Verena verlangt nichts fürs Kartenlegen, bekommt aber doch viel, aus lauter Dankbarkeit.

Doch ihre Bekanntheit, ihr Geld, ihre Macht, ihre Emanzipation und Intelligenz, das alles wird ihr zum Verhängnis. Nach dem Tod zweier Kostgänger, kurz nacheinander, sowie dem Verschwinden grösserer Geldbeträge, gerät Verena Lehner unter Verdacht. Die Exhumierungen der beiden Leichen ergeben, dass beide Kostgänger mit Arsen vergiftet wurden. Für die Untersuchenden ist rasch klar, wer die Mörderin gewesen sein musste.

Bis zu 400 Zuschauer beim Prozess in Aarau

Im Oktober 1929 steht Verena Lehner im Aarauer Rathaus vor dem Geschworenengericht. Die Verhandlung wird zum Prozess des Jahres hochstilisiert, die Zeitungen schreiben seitenweise über die Prozesstage, die ganze Gegend spricht über nichts anderes.

76 Zeugen werden angehört, Söhne und Töchter, Nachbarn, Kunden, Ärzte, Schriftenexperten, Apotheker und Bankangestellte. Bis zu 400 Zuschauer drängen sich im Saal. Alle wollen sie die Giftmörderin sehen, die Hexe, die da sitzt. Klein und rundlich, ein Tuch fest um die Schultern gezogen, ruhig und regungslos.

Nach fünf Tagen fällt das Urteil: lebenslängliches Zuchthaus. Verena Lehner sagt bis zuletzt: «Ich habe das nicht gemacht, ich bin unschuldig.» Verena Lehner kommt nach Lenzburg ins Gefängnis. Ein halbherziger Versuch, ein Wiederaufnahmeverfahren anzustreben, versandet. 1945 stirbt Verena Lehner in Königsfelden.

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