Schönenwerd

Eine Kanonenkugel liegt im Schuh-Museum Schönenwerd

Ein besonderes Ausstellungsobjekt: Toni Frey stemmt im Bally-Museum die Kanonenkugel. Kel

Ein besonderes Ausstellungsobjekt: Toni Frey stemmt im Bally-Museum die Kanonenkugel. Kel

Sie schwirrte im Sonderbundskrieg einem Gründervater der Bally-Dynastie um die Ohren

An dieser Maschine habe er noch selber gestanden, sagt Toni Frey. Es ist eine Gradiermaschine, mit welcher der frühere Bally-Mitarbeiter Zuschneidemodelle für Schuhe erstellte. Es ist nur eine von vielen Maschinen, die auf Wunsch der Museumsbesucher auch in Gang gesetzt werden und dann ratternd von der alten Schönenwerder Industriegeschichte berichten.

Ballyana – so heissen Stiftung und Trägerverein – sammelt und archiviert den enormen Fundus der Bally Familien- und Firmengeschichte. Im Museum in einer ehemaligen Produktionshalle der Bandweberei Bally versetzen einen die alten Textil- und Schuhproduktionsmaschinen in die industriegeschichtliche Frühzeit zurück. Wenn die Maschinen laufen, hört man nicht nur, sondern riecht auch förmlich, wie früher gearbeitet wurde. Schuhe, Bänder, Schachteln, Werbegrafiken ergänzen die reichhaltige Ausstellung – sowie eine Kanonenkugel.

Richtig, eine Kanonenkugel, deren Bewandtnis der geschichtsbeflissene ehemalige Bezirksschullehrer Reinhard Mundwiler aufgrund der Aufzeichnungen von Arnold Bally (geb. 1862) in der jüngsten Ausgabe der «Chrone-Zitig», dem lokalen Informationsblatt, erläutert.

Familienchronist Arnold Bally war der älteste Sohn von Alexander Bally, der, zusammen mit seinem Bruder Peter, die Bandfabrik übernommen hatte und unter dem Namen «Gebrüder Bally» weiterführte. Die Familiengeschichte der Bally ist zu verzwickt, als dass sie hier ausgebreitet werden könnte. Die Kanonenkugel aber hat mit dem erwähnten Vater des Familienchronisten Arnold Bally zu tun, mit Alexander Bally, dem die Kugel im Sonderbundsfeldzug um den Kopf geschwirrt sein soll.

Schweres Geschütz

Die Geschichte geht so: Arnold Ballys Vater Alexander war bei Ausbruch des Sonderbundskriegs Oberleutnant der Artillerie und wurde vom Regierungsrat zum Kommandanten einer Dragoner-Kompagnie ernannt. Der Kavallerie-Hauptmann soll sich sehr ungehalten über die Disziplin der Dragoner geäussert haben. Die Dragoner, die von ihren Höfen mit eigenen Pferden einrückten, seien nicht sehr schneidig gewesen. Das Kommando für Galopp habe wie folgt gelautet: «Heit ech Kamerade, mer weih n’es Galoppli aschloh.»

Im Sonderbundsfeldzug, berichtet Arnold Bally weiter, habe Alexander Bally seine Kompagnie in einer Deckung stehen lassen, um die feindliche Stellung zu rekognoszieren. Der Bauer, der ihn begleitete, überlebte es nicht. Er wurde von einem aus einer Infanterie-Batterie abgefeuerten Geschoss tödlich getroffen. Auf den Kommandanten sei eine «grosse Rundkugel» geschossen worden, die ihn aber verfehlte und über die Anhöhe auf die Dragoner zu rollte. Arnold Bally notierte: «Als der Hauptmann Alexander Bally dann zurück galoppierte, habe er anstatt seiner Kompagnie nur noch einige Helme am Boden liegen gesehen – und die Kanonenkugel, welche er dann auflas und schleunigst seiner Kompagnie nachgaloppierte.»

Deshalb also zählt auch eine Kanonenkugel zu den Ausstellungsobjekten des «Ballyana», das eine Firmengeschichte zeigt, die im Jahr 2000 zu Ende ging. Philipp Abegg erinnert sich. Er ist der Präsident der Stiftung und des Vereins Ballyana, der rund 370 Mitglieder zählt und eine wichtige Rolle bei der Restaurierung der Maschinen übernommen hat. «Texaner in Schönenwerd – der letzte Kick für Bally», habe der «Blick» am 31. August 1999 getitelt. «Es war ein Schock, als bekannt wurde, dass der Bührle-Konzern die traditionsreiche Schuhfirma an die US-amerikanische Private-Equity-Gruppe Texas Pacific (TPG) verkauft hatte», schrieb Abegg in einem Aufsatz zur Schönenwerder Industriegeschichte. Wie befürchtet, wurden im Sommer 2000 in Schönenwerd die letzten Bally-Schuhe produziert.

Museum und Archiv

Das Ereignis rüttelte auf. Erst recht, nachdem Peter Heim, Historiker und Kantonsschullehrer in Olten, 1999 in Publikationen und Veranstaltungen auf den 100. Todestag von Carl Franz Bally und die Bedeutung der Schönenwerder Industriegeschichte und deren Hinterlassenschaften aufmerksam gemacht hatte.

Das Ballyana-Archiv wurde gegründet und die Stiftung für Bally Familien- und Firmengeschichte als dessen Trägerin. Seither wird gesammelt, gesichtet, registriert und archiviert. Auch durch Toni Frey, der sich mit Schönenwerd und der Bally-Geschichte verbunden fühlt, obwohl er 1974 Bally verliess und sein Auskommen während 32 Jahren beim Kernkraftwerk verdiente. Seit 2006 arbeitet er im Bally-Archiv. Zehn weitere fleissige Vereinskollegen helfen ihm dabei.

Ballyana Sammlung Industriekultur, Schachenstrasse 24, Schönenwerd, geöffnet jeden ersten und dritten Sonntag im Monat, 14 bis 17 Uhr, www.ballyana.ch

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