Aarau
Einmal «Staumauer» immer «Staumauer»: So hat sich die Kantonshauptstadt in 150 Jahren verändert

Der Bau der ersten «Staumauer» in der Aarauer Telli begann mit einer Hauruck-Übung. Dann packten die Arbeiter rund um die Uhr an.

Hermann Rauber
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Im Frühling 1973 zogen die ersten Mieter in die erste Wohnzeile («Staumauer») ein.

Im Frühling 1973 zogen die ersten Mieter in die erste Wohnzeile («Staumauer») ein.

ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchi

Baubeginn für die erste Wohnzeile an der Rütmattstrasse in der Telli war Mitte Januar 1972. Die Begleitmusik lieferte der Aarauer Einwohnerrat mit einem heftigen Disput über die «bau- und planungsrechtliche Hauruck-Übung», der ohne Folgen blieb. Der 250 Meter lange, in der Mitte leicht abgewinkelte Block erreichte im obersten 19. Stockwerk eine maximale Höhe von 50 Metern. Die oberen Silhouetten wurden treppenartig abgestuft und nehmen damit die Horizontlinien der Juraketten im Hintergrund auf.

Die Arbeiten kamen rasch voran, weil man einheitlich den von der ausführenden Firma Horta entwickelten Wohnungstyp «Rastel-Granit» verwendete, mit vorfabrizierten Teilen. Das galt auch für die Fassadenelemente und die beidseitig durchgehenden Balkone der insgesamt 417 Wohnungen der Zeile A. Möglich machte die «rekordmässige Geschwindigkeit» bei der Realisierung auch die Tatsache, dass «zeitweilig bis zu 500 Arbeiter auf der Baustelle beschäftigt waren, die in drei Schichten rund um die Uhr eingesetzt waren», wie der ehemalige Stadtbaumeister Felix Fuchs in den Aarauer Neujahrsblättern 1998 festgehalten hat.

Diese Lärmimmissionen riefen erneut das Aarauer Stadtparlament auf den Plan. Im Rahmen einer Anfrage «betreffend eine Sonderbewilligung des Stadtrates für Nacht- und Sonntagsarbeit in der Telli» musste sich die Behörde rechtfertigen und versprach, «die Arbeiten mindestens in der Nacht während einiger Stunden ruhen zu lassen». Auf den Baufortschritt hatte dies keinen Einfluss. Bereits im Frühling 1973 bezogen die ersten Mieterinnen und Mieter ihr neues Zuhause in «idyllischer Lage im Grünen», hatte der Architekt doch die gesamte verkehrsmässige Erschliessung in den Untergrund verlegt.

Historische Bilder von Aarau: Wie sich die Kantonshauptstadt in 150 Jahren verändert hat:

Kettenbrücke ca. 1860 Blick vom Zollrain auf die Kettenbrücke und den dazugehörigen Gasthof.
33 Bilder
Die Maturandenklasse der Kantonsschule Aarau von 1896. Der Herr links in der vorderen Reihe ist übrigens Albert Einstein.
Bahnhofstrasse 1915 Das Postgebäude wurde in diesem Jahr eröffnet.
Postkarte 1916 Die Stadt Aarau vor rund 100 Jahren.
Im Torfeld, irgendwann zwischen 1918 und 1937. Mit den Werkhallen der Firma Oehler & Cie.
Bahnhofplatz 1918 Der Bahnhofplatz mit einem Zug der Wynentalbahn.
Postkarte 1918 Der Stempel datiert vom 12. Juni 1918.
Schachen 1919 Der Aarauer Schachen von der Luft aus 600 Metern.
Postkarte 1919 Aufgenommen an der Kreuzung Pestalozzi-/Schanzmättelistrasse. Das 1911 erbaute Schulhaus war noch fast neu.
Luftaufnahme 1919
Postkarte 1919 Der Rathausplatz mit Kindern und einem Fahrzeug.
Am Rain um 1919. Im Hintergrund der Turm des Obertors.
Aarau anno dazumals
Luftaufnahme 1919 Der Rain und Vorstadt aus der Vogelperspektive. Die Fussgänger sind noch klar in der Überzahl.
Luftaufnahme 1919 Das grosse Gebäude unten rechts ist das Zelglischulhaus.
Die Obere Vorstadt um 1921. So leer sieht man die Strasse heute selten.
Kettenbrücke 1921 Die Hängebrücke mit Stahlketten stand fast 100 Jahre lang. Ihr Nachfolger behielt im Volksmund den Namen «Kettenbrücke». In den kommenden Jahren wird auch dieser durch einen Neubau ersetzt.
Ein Blick in die Rathausgasse (1921) An den Gebäuden links erkennt man die bemalten Dachgiebel. Nicht umsonst gilt Aarau als «Stadt der schönen Giebel». Die Rathausuhr ist noch üppig dekoriert.
Steinbruch Zurlinden 1923 Der Grundstein für die späteren Jura-Cement-Fabriken.
Postkarte 1927 Blick vom Stadtturm Richtung Regierungsgebäude.
Postkarte1928 Die Stadt Aarau um 1928.
Kettenbrücke ca. 1930 Auffällig sind die markanten Torbögen der Brücke.
Die alte Badi (1932) Das Schwimmbad lag früher noch am linken Aareufer.
Alpenzeiger 1947 Ein Spaziergang zu diesem Aussichtspunkt lohnt sich auch heute noch.
Kettenbrücke 1948 Die Kettenbrücke wird abgerissen.
Katholische Kirche 1948
Aarebrücke 1948/49 Bald sieht es wohl wieder so ähnlich aus.
Luftaufnahme 1958 Der Kantonsspital Aarau sah früher noch ganz anders aus.
Maienzug 1964
Telli 1964 Die Kunath Futterfabrik in der Telli. Heute ist dieser Ort weit über die Region als Konzertlokal «Kiff» (Kultur in der Futterfabrik) bekannt.
Schachen 1964 Tausende pilgerten an das Schwing- und Älplerfest im Schachen.
Luftaufnahme 1966 Der Aarauer Bahnhof aus der Luft.
Luftaufnahme 1979 Die Stadt Aarau vor knapp 40 Jahren.

Kettenbrücke ca. 1860 Blick vom Zollrain auf die Kettenbrücke und den dazugehörigen Gasthof.

ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Friedrich Gysi

Experten waren begeistert

Die erste Wohnzeile erregte in den Medien und der Fachpresse grosse Aufmerksamkeit und ein überwiegend positives Echo. Der Volksmund war bedeutend kritischer und apostrophierte den langgezogenen Betonbau rasch als «Staumauer». Was allerdings in den wenigsten Fällen der Gemütslage der Bewohnerschaft entsprach, die der Telli zum Teil über Jahrzehnte treu blieb. Die Nachfrage nach Wohnraum an der Peripherie blieb hoch, die zweite Etappe mit der Wohnzeile B wurde deshalb nahtlos in den Jahren 1973 und 1974 realisiert.

Im Rathaus zeigte man sich mit Blick auf die Telli nach wie vor überzeugt von einer «wachsenden Bedeutung der Kantonshauptstadt mit einer quantitativen Zunahme der Bevölkerungszahl». Die Prognosen erwiesen sich allerdings als falsch: Am 1. Januar 1975 registrierte man mit 16'438 Einwohnerinnen und Einwohnern zwar eine Steigerung, bereits ein Jahr später ging der Wert aber wieder auf 16'122 zurück.

Die Gebäudehüllen in der parkähnlichen Satellitenstadt standen nun zur Hälfte, gefragt waren noch soziale Institutionen zur Integration nach innen und nach aussen, zum restlichen Aarau. Zu diesem Zweck gründeten die Landeigentümer zusammen mit kirchlichen Kreisen 1974 das Gemeinschaftszentrum, gleichzeitig formierte sich ein Quartierverein mit dem Publikationsorgan «Telli-Post». Um die Jahrtausendwende rumorte es im Neubauquartier. Die Stadt Aarau nahm deshalb 2001 mit dem Bundesamt für Gesundheit das Siedlungsentwicklungsprojekt «allons-y Telli!» in Angriff. Der Pilotversuch mit dem Schwerpunkt «Wohnen und Wohlbefinden» endete im Juli 2006 mit der Erkenntnis, dass «eine angemessene soziale Integration wichtige Voraussetzung für eine attraktive Siedlung darstellt».

Pause nach Konkurs

Nach dem Konkurs der Horta Holding AG und mit einer vorübergehenden Sättigung des Wohnungsmarktes liess die Fortsetzung der Grossüberbauung auf sich warten. Die Wohnzeile C an der Delfterstrasse wuchs erst ab 1979 in die Höhe, die vierte und letzte Etappe an der Neuenburgerstrasse schliesslich gelangte in den Jahren zwischen 1987 und 1990 zur Ausführung. Die Firma Metron regte dafür eine Abkehr vom ursprünglichen Konzept auf «neue Siedlungsformen» an, ohne durchschlagenden Erfolg. Für die Ausführung der Wohnzeile D zog die Ortsbürgergemeinde Aarau, die an diesem Ort ihre Millionen-Erträge aus dem Kiesabbau reinvestierte, das Aarauer Architekturbüro Aeschbach, Felber, Kim bei.

Konzept nicht geändert

Fachmann Felix Fuchs räumt in seinem Beitrag in den Aarauer Neujahrsblättern 1998 rückblickend zwar ein, dass «sich die Anordnung und Dimension von Grossüberbauungen grundlegend verändert haben». Er kommt aber zum Schluss, dass es «gesamtheitlich von Vorteil gewesen sein dürfte, die in sich geschlossene Planung in der Telli nicht nachträglich zu sabotieren und die 1971 getroffene Entscheidung konsequent zu Ende zu führen».

Diesem Prinzip treu bleiben will nun auch die Eigentümerin der Wohnzeilen B und C, die AXA Winterthur. Sie plant ab 2019 eine Sanierung der insgesamt betroffenen 581 Mietwohnungen und verspricht, dass «das bekannte Erscheinungsbild und dessen schweizweite Einzigartigkeit» der Telli-Überbauung «beibehalten wird», obwohl sämtliche Fassadenelemente der Gebäudehülle sowie die Fenster ersetzt werden (siehe Box unten).

Telli-Sanierung: Wohin mit dem Büsi während Umbau?

Die Besitzerin AXA Winterthur will die beiden Wohnzeilen B und C für über 100 Millionen Franken sanieren. Betroffen sind mehr als 1000 Personen. Am Donnerstag wurden die Mieter gestaffelt orientiert. Der Umbau soll im Sommer 2019 beginnen.
Die Frage, wie viel die Mieten steigen werden, beschäftigt die Betroffenen besonders. Eine Antwort erhielten sie jedoch nicht. Dies könne man erst im Sommer 2018 sagen, hiess es seitens der Eigentümerin. Das Projekt stecke mitten in der Planungsphase und die Totalkosten seien zurzeit nicht abschätzbar.

Für etwas Unmut sorgte die Tatsache, dass die Bewohner nicht in die Planung mit einbezogen wurden. Die Projektverantwortlichen ermutigten jedoch die Anwesenden, Anregungen auch jetzt noch schriftlich einzugeben. Ein viel diskutiertes Thema waren die vergrösserten Balkone. «Ich hätte lieber eine grössere Stube», meinte eine Mieterin. «Moderate Mietzinsen ziehe ich einem breiteren Balkon vor», sagte eine andere. Eine neue Information liess vor allem die Katzenbesitzer aufhorchen: Die Balkone können während drei bis fünf Monaten nicht benutzt werden. Also keine Frischluft für das Büsi.

Was den Bewohnern bis anhin nicht bekannt war und positiv aufgenommen wurde: Auf den Dächern der Wohnzeilen werden Photovoltaik-Anlagen installiert. In den sanierten Tiefgaragen stehen zudem künftig Anschlüsse für Elektroautos und Carsharing-Parkplätze zur Verfügung.

Weil zum jetzigen Zeitpunkt der Ablauf der Sanierung noch ungewiss ist, vertröstet die AXA ihre Mieter auf den nächsten Sommer. Dann soll nicht nur die Musterwohnung zur Besichtigung bereit sein, sondern werden auch der genaue Zeitplan der Sanierung und die Höhe der Kosten vorliegen. Nächste Woche wird das Baugesuch aufgelegt. (ME)

Aus Anlass der Renovation der Häuser an der Delfterstrasse stellt die AZ die Geschichte der Telli vor. Bisher erschienen: «Als in der Telli noch Kühe grasten»

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