Museum

«Es geht darum, den Geist der Kavallerie am Leben zu erhalten»

Urs Meier pflegt als Kurator des Schweizer Kavallerie Schwadrons 1972 die Erinnerung an die vor 48 Jahren abgeschaffte Truppengattung. Die Ausstellung ist seit 1995 im ehemaligen Zeughaus beheimatet.

Eigentlich ist Urs Meier kein Kavallerist. «Ich bin noch nie auf einem Pferd gesessen», berichtet der 83-Jährige lachend in Aarau. Seine militärische Laufbahn absolvierte er bei den Transporttruppen. Dennoch wurde er zum Ehrenmitglied des Kavallerie-Schwadrons 1972 ernannt. Mit den «Rösselern» kam der gebürtige Niedergösger zufällig in Berührung, als er die eidgenössische Pferdeanstalt auflösen und in eine neue Form überführen sollte. «In den 1990er-Jahren gründeten ehemalige Kavalleristen eine historische Schweizer Kavallerie-Schwadron und ein Museum», erzählt der Oberst ausser Dienst. Seine guten Kontakte zur Armeespitze verhalfen dem Vorhaben zum Durchbruch.

Seit 1995 sind im ehemaligen Zeughaus in Aarau die Sammlung und eine Ausstellung beheimatet. Das U-förmige Gebäude beherbergt auch die historischen Objekte der Radfahrer. Gebaut wurde es 1874 ursprünglich als Lokomotivwerkstatt der Internationalen Gesellschaft für Bergbahnen von Niklaus Riggenbach, Olivier Zschokke und Adolf Haas. Als diese Firma wenige Jahre später den Betrieb aufgab, übernahm das Militär die weitläufigen Hallen. Im Dachstuhl des Mittelbaus ist die Ausstellung zur Schweizer Kavallerie untergebracht.

Die Kavallerie verstand sich als Elite-Truppe der Armee. Schon vor der Aushebung musste man sich beim Sektionschef melden, wenn man eingeteilt werden wollte. «Dann wurde der Stall besichtigt und der Bursche angeschaut. Passt er in die Truppe oder nicht?», schildert Meier das Verfahren. Wurde er akzeptiert, sei die Zuteilung bei der Aushebung bereits vorgemerkt gewesen. Entsprechend gemischt war die Herkunft: Herren- und Bauernsöhne kamen sich in dieser Truppengattung sehr nahe.

«Man sagte auch, die Guiden seien die mit mehr Intelligenz»

Während der Train, der bis heute existiert, sich mit dem Transport von Material in schwer zugänglichem Gelände befasst, verstand sich die Kavallerie als Kampftruppe. «Sie war die bewegliche, berittene Infanterie», so Meier. Das Ziehen von Fuhrwerken und Kanonen gehörte nicht zu ihren Aufgaben. «Früher, als sich die Motorisierung noch nicht überall durchgesetzt hatte, verfügte die Artillerie hierfür über ihre eigenen Pferde.» Eine Spezialität der Kavallerie war das Attacke-Reiten, wobei der Kavallerie-Säbel zum Einsatz kam. Mit dem Einsatz von Maschinengewehren im Ersten Weltkrieg war diese Angriffsform jedoch nicht mehr zeitgemäss. Damit verschwanden auch die Metall-Epauletten, die einem Kavalleristen einen minimalen Schutz gegen einen feindlichen Säbelhieb auf die Schulter verliehen.

Innerhalb der Kavallerie wurde zwischen Dragonern und Guiden unterschieden. Während Erstere einen schwarzen Haarbüschel, genannt «Pinsel», auf dem Tschako trugen, waren es bei den Guiden solche in Weiss. «Man sagte auch, die Guiden seien die mit mehr Intelligenz», weiss Meier.

Die letzte Kavallerie-Rekrutenschule fand 1972 statt – im Jahr der Abschaffung. Der Kauf von Schützenpanzern besiegelte überraschend schnell das Ende. «Man wusste, dass es einmal vorbei sein würde, wollte es aber einfach nicht wahrhaben», erinnert sich Ueli Lehmann, Vereinskollege von Urs Meier. Der gebürtige Wynentaler, der heute bei Bern lebt, absolvierte 1964 die RS. Sie dauerte mit 19 Wochen zwei Wochen länger als diejenige anderer Truppengattungen. «In manchen Nächten sind wir über 100 Kilometer geritten.»

Pflege der Erinnerung

Das Museum ist häufig Anlaufstelle, wenn Wohnungen und Häuser geräumt werden. «Was hier gezeigt wird, haben wir gratis bekommen», erklärt Meier. Meist sind es Erben, die dem 1995 gegründeten Verein die Uniformen, Urkunden, Dienstbüchlein, Sattelkisten, Fotoalben und anderes Militärmaterial ihrer Väter anbieten. Meier hat auch schon ein Diplom von 1893 aus dem Altpapier gezogen. Seine Ränder sind arg lädiert, was Meier nicht stört: «Wir nehmen alles, der Zustand ist egal.»

Der Sinn des Museums liegt in der Pflege der Erinnerung: «Es geht darum, den Geist der Kavallerie am Leben zu erhalten», sagt Meier. Er zeigt auf ein hölzernes Modell-Pferd, das an das historische Lueg-Schiessen im Emmental erinnert. «Das Denkmal auf der Lueg erinnert an die Kavalleristen, die an der Spanischen Grippe starben, manchmal bis 35 junge Burschen um die 20 Jahre an einem Tag!»

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