Worauf sind Sie am meisten stolz?

Fritz Renold: Das es uns immer noch gibt und dass viele heute bekannte Jazzmusiker ihre Wurzeln bei Jazzaar haben. Rund 150 von ihnen haben den Sprung zum Berufsmusiker geschafft und auch in diesem Jahr sind einige wie Mathias Künzli oder Phil Hilfiker als Lehrer und Musiker bei Jazzaar dabei. Es hat sich eine aktive Szene entwickelt.

Was bewirkt eine Woche Jazzaar bei den Jugendlichen?

Helen Savari-Renold: Die Illusionen sind schon nach drei Tagen weg. Die Jugendlichen erkennen, dass der Traum vom Berufsmusiker mit harter Arbeit verbunden ist. Jazzaar ist wie ein Assessment. Wer drei bis viermal bei uns war, weiss, ob er diesen Weg gehen will.

Wie stehen die Jugendlichen zum Jazz?

Renold: Der Jazz hat die Talsohle erreicht. Das Erfreuliche ist, dass trotzdem immer noch viele Jugendliche Jazz hören. Jazz wird heute auch an den Musikschulen gefördert, weshalb die Jugendlichen heute eine grössere Ahnung von Jazz haben als vor zwanzig Jahren. Darauf können wir aufbauen.

Aber Jazz ist bei den Jugendlichen nicht wirklich hip.

Savari-Renold: Ja, aber Jazz, die Improvisation, ist für sie wie eine Befreiung. Endlich können sie frei spielen, können sich selbst verwirklichen. Das macht den Jazz attraktiv. Vor zwanzig Jahren gab es noch mehr Berührungsängste. Heute lieben sie es, sich von den Noten zu lösen. Viele entdecken die Improvisation erst bei Jazzaar und es öffnet ihnen ganz neue Perspektiven. Und sie erkennen: Jazz ist die Basis. Wer Jazz spielen kann, kann alle zeitgenössische Richtungen wie Pop und Rock spielen.

Welches waren die musikalischen Highlights in den 20 Jahren Jazzaar?

Renold: Es gab viele, viele. Mir kommen grad die Bostonian Friends mit dem ASO in den Sinn. Dann die Ellington-Woche mit noch aktiven Ellington-Musikern (heute lebt nur noch Buster Cooper) und Jamsession bis morgen um 4 Uhr. Der Beatles-Abend, an dem der ganze Saal mitgesungen hat.

Welche Musiker haben von Jazzaar eine besondere Ehrenmeldung verdient?

Savari-Renold: Barry Lee Hall. Der Trompeter und Bandleader war der stabile Anker. Seine Ruhe und Ausgeglichenheit war bewundernswert und sein Tod vor gut einem Jahr ein grosser Verlust. Er war für uns alle ein grosses Vorbild.
Renold: Oder Christian Jacob. Er gehört zu den besten Jazzpianisten, trotzdem kommt er immer wieder zurück zu Jazzaar. Sein Einsatz, seine Musikalität und Bescheidenheit sind einmalig.

Welches war die grösste Panne?

Renold: Als die Ellingtonians in einem Schneesturm stecken blieben und um einen Tag verspätet in Aarau eintrafen. Rechtzeitig fürs Konzert, aber für die Proben unter der Woche war dies eine kleine Katastrophe. Logistisch war das eine grosse Herausforderung.

Und die grösste Enttäuschung?

Renold: (überlegt lange) Die Leute können gar nicht ahnen, mit welchem Aufwand es verbunden ist, dieses Festival auf die Beine zu stellen. Manchmal vermissen wir schon etwas die Anerkennung für diese Leistung.

Jazzaar hat nicht nur Freunde.

Renold: Es ist normal, dass man mit etwas Neuem auch Opposition erhält. Manche mögen unsere Idee und Philosophie nicht teilen, das ist ganz normal. Mit Erfolg kommt auch Neid, aber wenn man hinter die Kulissen schaut, so würden viele verstehen, dass dieser Neid unbegründet ist und dieses Projekt mit enormem Aufwand verbunden ist.

Wie geht es mit Jazzaar weiter?

Renold: Für 2014 planen wir einen Schwerpunkt mit Gary Burton und Chick Corea. Es ist aber noch nicht definitiv. Wir sind in Kontakt und hoffen, dass es klappt.

Und im nächsten Jahr?

Renold: 2013 gibt es eine «Chamber-Night» mit Auftragskompositionen. Angesagt ist der Saxofonist Jerry Bergonzi mit seiner Komposition für ein Kammerorchester. Er selbst betritt damit Neuland. Dazu eine Komposition des Bassisten Gildas Bouclé für Uilleann Pipe und Kammerorchester. Weiter ist ein Tribute für Michael Brecker in Planung. Mit seinem Bruder Randy an der Trompete, Randys Frau Ada und hoffentlich Mike Stern an der Gitarre.

Gibt es weitergehende Pläne?

Savari-Renold: Wir möchten Jazzaar zweimal pro Jahr durchführen. Dazu möchten wir ein Jazzaar-College gründen, das auf der Basis von Ensemble-Playing funktionieren und viermal pro Jahr durchgeführt werden soll. Wir sind in Kontakt mit Partner-Vereinen in der EU und wollen das College mit Tourneen verbinden. Wir träumen von Aarau als einer Stadt von Jazzstudenten mit Jamsessions in den Beizen.

Internet: jazzaar.com