Brigitta Luisa Merki misst mit ihrem Blick den Raum aus, den sie mit ihrer Tanzcompagnie Flamencos en route bespielen wird. Endlich sei es auch in Aarau möglich, eines ihrer grossen Projekte zu zeigen. In der alten Reithalle, die ein aussergewöhnliches Aargauer Kulturzentrum, ein Haus für die Darstellenden Künste werden soll, wenn dann die Finanzen der Stadt und des Kantons dies zulassen.

Als Zwischennutzung bespielte die Interessensgemeinschaft T.u.T. die Halle, um das Publikum für die Qualitäten des bauhistorisch wertvollen Gebäudes zu sensibilisieren. Die Realisierung des Oxer, wie das Reithalle-Projekt heisst, ist hinausgeschoben. Flamencos en route beendet mit ihren Vorstellungen diese erstmalige Nutzung von T.u.T., die unter dem Namen «Spielträume 2012» ein breites Spektrum verschiedener Theaterprojekte ermöglichte.

Brigitta Luisa Merki hat alle bisherigen Produktionen gesehen. Als langjährige Kulturschaffende im Kanton Aargau ist sie auch Mitglied und Mitinitiantin von T.u.T., der Interessensgemeinschaft der Darstellenden Künste Aargau. Der Oxer ist vielleicht ein mögliches späteres Wirkungsfeld.

Würde, Ruhe, Konzentration

Die hohen Fenster sind verschalt. Das Tageslicht ist ausgeschlossen, doch die hohen, nach obenhin gewölbten Fenstergewände verleihen dem Gemäuer einen ruhigen Rhythmus. Über dem weiten Raum trägt das feingliedrig strukturierte Gebälk das Dach. Die Struktur verleiht dem Raum Würde, Ruhe und Konzentration. Die Leere verleiht dem Raum etwas Sakrales.

Die Ästhetik begründet sich in der Statik. Die Zimmerleute von damals konnten nicht wie heute die Ingenieure die Physik überlisten. Das Material, die Weite des Raums und die Last des Dachs verlangten nach dieser Konstruktion.

Dazu kommen die Stille und die Abgeschiedenheit trotz des städtischen Treiben ausserhalb der Mauern. Ein Rückzugsort.

«Ganz anders sind die Gegebenheiten in den Theatern, welche die Compagnie Flamencos en route normalerweise bespielt», sagt die Tänzerin und Choreografin. Hier in der leeren Reithalle erwartet sie eine neue, technisch herausfordernde und akustisch sehr anspruchsvolle Situation.

Als Bühne dient der Spezialboden, den die Compagnie selber mitbringt, ein Resonanzboden, der das rhythmische Klopfen der Flamencotänzerinnen und -tänzer verstärkt. Eine Tribüne wird 200 Zuschauerinnen und Zuschauern Platz bieten. Mehr dürfen aus sicherheits- und feuerpolizeilichen Gründen nicht in die Alte Reithalle. «Eine Tribüne braucht es», sagt Merki, «damit die Zuschauer die Tänzer von den Füssen bis zum Kopf sehen.»

Ein kulturpolitisches Statement

Trotz dieser unverzichtbaren Infrastruktur möchte Merki den Raum wirken lassen. In die Hülle, die durch das Bauwerk lebt, möchte sie ihre Kreation mit einem Minimum an technischem Aufwand hineinlegen. In der Hoffnung, dass insbesondere das Aarauer Publikum die Wirkung dieses Raums spürt. Das verstehe sie durchaus als kulturpolitisches Statement.

Seit der Sommerpause hat Brigitta Luisa Merki mit ihrer Compagnie wieder gut zwei Wochen geprobt, um das Stück, wie sie sagt, zu verdichten. In der Alten Reithalle werden nur drei Tage bleiben für raumspezifische Proben. «Ich glaube, dass der Raum eine wunderbare Konzentration ermöglicht, fast Andacht und Versunkenheit.»

«Zum Weinen schön», schrieben die Stuttgarter Nachrichten, «und in wunderschönen Kostümen interpretiert das Ensemble von Flamencos en route die Geschichte von Orpheus und Eurydike.» Nicht nur Orpheus, auch das Publikum sei bezaubert vom Gesang der algerischen Künstlerin Karima Nayt. Und nicht nur Eurydike lasse sich vom werbenden hingebungsvollen Tanz ihres Orpheus beeindrucken, heisst es weiter.

In Merkis Produktion fusionieren Flamencogitarren, Nyckelharpa, ein mittelalterliches Geigeninstrument, die Kistentrommel Cajon, andalusischer, orientalischer und zeitgenössisch-klassischer Gesang zu Weltmusik im besten Sinn.

Canto amor, ein musiktheatralisches Tanzprojekt zum Orpheus-Mythos, Tanzcompagnie Flamencos en route, Alte Reithalle Aarau, 20. und 22. Sept., jeweils 20 Uhr, 23. Sept., 17 Uhr, 26., 28., und 29. Sept., jeweils 20 Uhr. Tickethotline: 0900441441 oder www.ticketino.com.