Handicap

Fotograf trotz Schicksalsschlag: Dieser Mann aus Unterentfelden ist zäh wie ein Bär

Fritz Moser ist nach einem Hirnschlag linksseitig gelähmt. Trotzdem fotografiert der 55-Jährige Bären in freier Wildnis und reist dafür regelmässig nach Alaska.

Schicksalsschläge können alle Menschen ereilen. Was man aber daraus macht, liegt in der Verantwortung jedes Einzelnen.

2008, Heiligabend: Fritz Moser ist mit seiner damaligen Freundin im Kurzurlaub im Tessin. Der Elektroingenieur ist 48 Jahre alt, kerngesund, hat erst wenige Monate vorher sein MBA-Studium abgeschlossen und peilt einen weiteren Karrieresprung an. Nach dem Abendessen geht er schlafen. Als er am nächsten Morgen aufwacht, steht seine Welt Kopf: Fritz Moser erleidet in der Nacht einen Hirnschlag, seine linke Körperhälfte ist gelähmt.

«Ich habe mehrmals versucht aufzustehen und bin ständig hingefallen», erzählt er. «Was da im Kopf abgeht, kann ich gar nicht beschreiben. Die Wahrnehmung ist vollkommen durcheinander, das Kurzzeitgedächtnis weg. Ich verstand nicht, was los war.» Zum Glück ist seine damalige Freundin bei ihm. Sie ruft die Ambulanz.

Das ist siebeneinhalb Jahre her. In seiner Wohnung in Unterentfelden zeigt Fritz Moser ein Video von ihm, als er nach dem Hirnschlag in der Rehaklinik Rheinfelden mithilfe von Maschinen wieder laufen lernt. «Ich war wie eine Marionette, der man einen Faden abgeschnitten hat.»

Heute geht es ihm besser. Sein linker Arm ist noch stark eingeschränkt, laufen kann er trotz Hinken aber recht gut. Er nimmt sich auch jeweils viel vor: Seine Wohnung im dritten Stock einer Siedlung ohne Lift hat er nicht aufgegeben. Jeden Tag läuft er die Treppen hinab und wieder hinauf, geht zu Fuss einkaufen, meistert seinen Alltag möglichst autonom. «Das ist für mich am wichtigsten», sagt er. Früher, da wäre er mit dem Auto zum nahe gelegenen Supermarkt gefahren. Heute ist jede Bewegung für ihn Training. «Jeder Schritt, den ich mache, ist Therapie und bringt mich weiter.»

Fotografieren, das macht Sinn

Fritz Mosers Durchhaltewille inspiriert. «Ich habe mich relativ schnell damit abgefunden, dass das Leben nun anders ist», sagt er über seinen Hirnschlag. «Ich war früher Spitzensportler. Vielleicht bin ich es deshalb gewohnt, nicht gleich aufzugeben.» Als 18-Jähriger nahm der in Brienz aufgewachsene Radfan am Grand Prix Rüebliland teil und gewann ausgerechnet die Etappe Gränichen–Rütihof. «Ich hätte damals nicht gedacht, dass diese Region später so wichtig für mich werden würde.»

Der gleichen Arbeit nachgehen wie früher kann Fritz Moser wegen seiner Lähmung nicht. «Ich bin nun daran, mir ein sinnvolles Leben neu aufzubauen», sagt er, «mit Betonung auf sinnvoll.» Dafür griff er auf etwas aus seiner Jugendzeit zurück: das Fotografieren. Als Teenager sei er bereits gerne mit Billigkameras unterwegs gewesen. Als 50-Jähriger getraute er sich dann endlich, eine Ausbildung zum Fotografen anzufangen. «Ein Jugendtraum.» Manchmal brauche man ein schlimmes Ereignis, um etwas zu erkennen. «Oder es ist ein Zeichen, dass man sein Leben ändern muss.»

Den Bären auf der Spur

Fritz Moser sieht seine Umwelt heute mit anderen Augen, ist sensibler und aufnahmefähiger, hat Freude an kleinen Dingen wie den vielen Vögeln, die um sein Haus fliegen und zwitschern. Er spricht von Mauerseglern und andern Vogelarten – kannte er diese schon vor dem Hirnschlag? «Nein, ich habe der Natur früher kaum Beachtung geschenkt.»

Weit mehr als den Vögeln gilt seine Leidenschaft heute aber den Bären. 2012 nahm ihn Bärenforscher Reno Sommerhalder mit nach Russland, um Bären zu fotografieren. Seitdem war er weitere vier Mal in Exkursionen unterwegs durch Nationalparks in Alaska. «Es ist ein Hochgefühl, diesen Tieren zu begegnen. Das kann ich gar nicht beschreiben», sagt er.

Oft müsse man stundenlang warten, bis sich ein Bär annähert. Wenn es dann aber so weit sei und man die Bären etwa in Flüssen beim Jagen zuschauen und sie fotografieren dürfe – das sei ein Spektakel. Schafft er es denn trotz seiner Lähmung einfach so, diese wilden Tiere abzulichten? «Es ist schwierig. Weil ich nur den rechten Arm brauchen kann, liegen lange Verschlusszeiten bei mir nicht drin, weil das Bild dann verwackelt», sagt er. Allein unterwegs sei er zudem nie, immer nur in Exkursionen.

Ein Bär namens Fritz

Zwei Meter nahe sei er einem Bären bereits gekommen. Wobei er erklärt: «Wir nähern uns nicht den Bären, sondern sie nähern sich uns.» Das gehe nur, wenn man sich richtig verhaltet: Sich kleinmachen, gegebenenfalls den Weg freigeben, ruhig bleiben und geduldig warten. «Bären sind neugierig, aber suchen nicht unbedingt den Kontakt zu den Menschen.»

Hat er denn keine Angst, wenn so ein Riesentier auf ihn zukommt? «Warum Angst?», fragt er zurück. «Respekt habe ich, aber keine Angst.» Klar seien Bären Raubtiere, doch Menschen gehören nicht zu ihrem Beuteschema. «Für mich sind Bären grosszügig und tolerant.» Die Ureinwohner Alaskas schreiben den Bären heilende Kräfte zu, sagt er. Vielleicht hätten sie ihm tatsächlich gutgetan.

Und vielleicht habe er sie deshalb instinktiv zum Fotografieren ausgesucht. «Auf meinen Fotos zeige ich die Bären so, wie sie sind: ruhig, nicht aggressiv.» Im Nationalpark im Alaska wurde ein Bär, der sich ihm oft näherte, sogar nach ihm benannt. Fritz, the bear.

Gelähmt am Jungfrau-Marathon

Bei der ersten Bärenexpedition nahm Fritz Moser seine Mutter mit. «Als grosser Bär-Fan hatte sie schon lange den Wunsch, mal einem Bär in der Wildnis zu begegnen.» Dass es wichtig sei, Zeit mit der Familie zu verbringen, habe er ebenfalls erst nach dem Hirnschlag gemerkt. Als Dankeschön bekam er von ihr unter anderem die Bärentapete, die heute vor seine Wohnungstüre liegt. In seinem Wohnzimmer hängen zudem Bärenbilder an den Wänden.

Und allgemein bekommt man, je länger das Gespräch dauert, den Eindruck: So wie ein Halter manchmal seinem Hund zu ähneln beginnt, so wird Fritz Moser zunehmend ein wenig zum Bären. Er wirkt ruhig, gefasst, tolerant und gleichzeitig hartnäckig und zäh. «Der Bär ist nicht böse, er folgt nur seinem Instinkt. Der Mensch ist das Problem, nicht der Bär», sagt er immer wieder. Und dann hebt er auch mehrmals hervor, wie er jeweils auf seine innere Stimme höre, bevor er neue Dinge anpacke im Leben. «Die hat mir bisher immer alles im richtigen Moment gebracht.»

Wie ein Bär folgt Fritz Moser seinem Instinkt. So zum Beispiel, als er zwei Tage nach seinem Hirnschlag seinem Bruder sagte, er solle ihn beim Jungfrau-Marathon anmelden. «Du spinnst», habe er mehrere Male gehört. Und seine humorvolle Antwort lautete jeweils: «Ja, ich habe einen medizinisch nachgewiesenen Hirnschaden.»

Vor seinem Hirnschlag habe er den Jungfrau-Marathon zweimal durchlaufen. Beim ersten Mal nach dem Hirnschlag sei er gerade mal 300 Meter weit gekommen. Doch er blieb hartnäckig: Fünf weitere Male stand er dort am Start, zuletzt lief er einen Kilometer weit. Für ihn ein Sieg.

Ein Dachfenster zur Welt

In der Neuen Galerie 6 in Aarau hat Fritz Moser kürzlich 40 seiner Bilder ausgestellt, neben Bärenfotos auch Bilder von Landschaften, Städten oder Wetterphänomenen – darunter überraschend schöne Bilder von Sonnenaufgängen aus seinem kleinen Dachfenster in Unterentfelden. Ende August reist er wieder nach Alaska, wieder den Bären nach.

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