Bezirksgericht Aargau

Frakturen, Platzwunden und Glassplitter im Auge: Streit um Barhocker eskalierte in wüste Schlägerei

Hier prügelten sich die beiden Männer: Das Pub Penny Farthing in Aarau. (Archivbild)

Hier prügelten sich die beiden Männer: Das Pub Penny Farthing in Aarau. (Archivbild)

Eine Prügelei im Aarauer Pub Penny Farthing beschäftigte zuerst das Spital und dann das Gericht. Die beiden Streithähne hatten allerdings beide ihre ganz eigene Version, wie der Abend abgelaufen ist.

«Wegen einer solchen Kleinigkeit derart blöd zu tun – das macht keiner, der nüchtern ist.»– Dieser Satz, geäussert von einem Zeugen vor Bezirksgericht Aarau, fasst eigentlich die ganze Verhandlung zusammen. Eine Verhandlung, bei der eine zunächst harmlose Streiterei um einen Barhocker im Aarauer Penny Farthing derart ausartete, dass sie in einer stationären Behandlung am Kantonsspital und einem Strafverfahren endete.

Auf der Anklagebank: Marcel (alle Namen geändert), 32, ein Handwerker aus der Region, angeklagt der versuchten schweren Körperverletzung, Sachbeschädigung und unterlassener Hilfeleistung. Als Zivil- und Strafkläger im Gerichtssaal zugegen: Chris, ebenfalls 32, ein Student aus dem Ostaargau.

Er wollte die Sache «draussen klären»

Die Staatsanwaltschaft hat in ihrer Anklageschrift Chris’ Version übernommen; wohl nicht zuletzt, weil Marcel bis zur Verhandlung jegliche Aussage verweigert hatte. Chris erzählte vor Gericht, er sei mit einem Bekannten im Pub und schon recht betrunken gewesen – im Spital wurden später 2,7 Promille gemessen –, als Marcel auf ihn zukam und behauptete, der Barhocker, auf dem Chris Platz genommen habe, sei seiner. Mit einem kurzen Po-Schubser behändigte sich Marcel des Stuhls.

Chris wollte dies nicht auf sich sitzen lassen und «die Sache vernünftig klären». Weil es im Pub so laut gewesen war, habe er Marcel mehrfach aufgefordert, mit ihm nach draussen zu kommen. Für ein Gespräch, notabene. Nach mehreren Anläufen, so erzählt er weiter, habe Marcel eingewilligt, aber den Hinterausgang vorgeschlagen.

Auf dem Weg dorthin, in einem Zwischengang, habe Marcel ihn dann unvermittelt ins Gesicht geschlagen, worauf er zu Boden gegangen und nach weiteren Faustschlägen ohnmächtig geworden sei. Erstellt ist, dass Chris erhebliche Verletzungen erlitt – Frakturen der Nase und anderer Gesichtsknochen, Platzwunden und einen Riss am Augenlid, der eine Operation notwendig machte. Aus dem Auge mussten ihm Glassplitter, vermutlich von seiner Brille, entfernt werden.

Angeklagter: «Ich wollte mich nicht prügeln»

Marcel hingegen erzählt die Geschichte völlig anders. Als er vom Rauchen zurückgekommen sei und Chris auf seinem Stuhl vorgefunden habe, habe er ihn zuerst «höflich gebeten», diesen freizumachen, und dann etwas nachgeholfen. Anschliessend habe Chris ihn einfach nicht in Ruhe gelassen, sondern mehrfach angepöbelt.

Er, Marcel, sei auf die Aufforderung, den Konflikt nach draussen zu verlagern, aber nicht eingegangen: «Ich wollte mich nicht prügeln.» Als er dann auf die Toilette musste, sei ihm Chris gefolgt und habe ihn im Gang gestellt. «Er hat die Faust gegen mich aufgezogen. Aus Reflex habe ich ihn dann zuerst geschlagen – ich wollte mich verteidigen. Er ist umgefallen, aber sofort wieder aufgestanden. Ich starrte schockiert auf sein blutiges Gesicht, als er mich packte und mit sich zu Boden riss. Dort haben wir uns weiter geprügelt, bis uns zwei Frauen trennten. Dann bin ich gegangen.»

Drei Zeugen, allesamt Bekannte Marcels, stützten vor Gericht dessen Version der Geschehnisse im Gastraum. Chris, merklich betrunken, habe einfach nicht locker gelassen, genervt und provoziert, obwohl das mit dem Stuhl keine grosse Sache war. Marcel sei jedoch ruhig geblieben. Was im Zwischengang passierte, sahen aber auch die Zeugen nicht.

«FCA-Anhänger versus unschuldiger Praktikant»

Die Staatsanwaltschaft habe einen Fall nach dem Motto «gewaltbereiter Anhänger des FC Aarau versus unschuldiger Praktikant» konstruieren wollen, sagte der Verteidiger in Anspielung auf das Hobby des Angeklagten. Der Anwalt versuchte zunächst, Chris zum Rückzug der Strafanzeige zu überreden – indem er ihm eine Zahlung von 1500 Franken in Aussicht stellte. Als dieser nicht darauf einging, forderte Marcels Rechtsvertreter einen Freispruch, da sein Mandant in Notwehr gehandelt habe.

Gerichtspräsident Andreas Schöb war sich in einem sicher: Eine Verurteilung wegen unterlassener Hilfeleistung komme aufgrund der Konstellation nicht infrage. Marcel habe bei seinem Abgang damit rechnen dürfen, dass Chris innert kürzester Zeit gefunden und betreut würde. Zweifel hatte der Gerichtspräsident bei der Frage, wessen Version der Geschichte stimmt. War es ein Angriff oder Notwehr? «Ich kann nicht zweifelsfrei sagen, wer Recht hat», begründete Schöb den vollumfänglichen Freispruch in diesem Vier-Augen-Delikt.

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