Oberentfelden/Aarau
Frau des Freihof-Schützen: «Mit mehr Alkohol hätte er mich umgebracht»

Der «Freihof-Schütze» von Oberentfelden muss für viereinhalb Jahre ins Gefängnis. Für den Prozess vor dem Bezirksgericht Aarau waren 15 Zeugen vorgeladen worden. Der Schock aus der Tatnacht sitzt ihnen noch heute in den Gliedern.

Andrea Marthaler
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Der Tatort: Im Restaurant Freihof feuerte ein 57-Jähriger am 2. Januar 2013 in die Decke und bedrohte seine Ehefrau. Toni Widmer/Archiv

Der Tatort: Im Restaurant Freihof feuerte ein 57-Jähriger am 2. Januar 2013 in die Decke und bedrohte seine Ehefrau. Toni Widmer/Archiv

Tele M1

Was am 2. Januar 2013 in Oberentfelden geschah, liest sich wie die Story eines Wildwestfilms. Ein Mann sitzt im angetrunkenen Zustand am Tisch im Restaurant Freihof und wartet auf seine Frau, die als Service-Angestellte dort arbeitet. Als diese gegen 18 Uhr zur Arbeit erscheint, spricht er zuerst mit ihr und droht ihr mit dem Revolver, den er unter seiner Jacke auf sich trägt. Danach verlässt der Mann nochmals das Lokal, holt aus seinem Auto ein Gewehr und betritt erneut die Gaststube. Dort fordert er die anwesenden Gäste auf, zu gehen. Als niemand reagiert, legt er das Gewehr zur Seite, nimmt den Revolver hervor und feuert einen Schuss in die Decke. Der nächste Schuss werde zwischen ihre Augen gehen, droht der Schütze seiner Frau. Doch so weit kommt es nicht. Ein beherzter Gast entwendet ihm die Pistole, der Wirt und ein weiterer Gast werfen ihn auf den Boden und halten ihn dort fest, bis die Polizei erscheint.

15 Zeugen waren geladen

Was hätte geschehen können, wenn die Gäste des «Freihofs» damals nicht so couragiert eingegriffen hätten, beschäftigt die zur Tatzeit Anwesenden noch heute, mehr als ein Jahr danach. 15 von ihnen wurden als Zeugen ans Bezirksgericht Aarau geladen, elf sind erschienen. «Alles kommt wieder hoch», sagt eine ältere Frau. Ihre Hände zittern. Sie habe zwei Monate lang Beruhigungsmittel genommen, erzählt sie. Sie wisse aber nichts mehr, habe das Geschehene verdrängt.

Gut erinnern kann sich ein anderer Gast, der zum Tatzeitpunkt an der Bar gesessen hatte: «Ich war einer der Nächsten und sass seitwärts vor ihm.» Als es eine günstige Gelegenheit gegeben habe, sei er aufgestanden und habe dem Täter den Revolver weggenommen. Alles sei dabei sehr schnell gegangen, meint der eher schmächtige Mann und betont: «Am nächsten Tag hätte ich das nicht mehr gemacht. Erst dann ist mir bewusst geworden, was ich getan habe.» Denn hätte sich der Angeklagte gewehrt, hätte er es wohl nicht mit ihm aufnehmen können.

Ehefrau hatte neuen Partner

Dass es hätte schlimmer enden können, glaubt auch die Service-Angestellte, der der Angriff galt. Auf dem Zeugenstuhl hält sie ihre Hände verschränkt und knetet die Daumen. «Wenn es mein Mann gewollt hätte, wäre der Schuss auf mich möglich gewesen.» Auf die Nachfrage, warum der Mann nicht auf sie geschossen habe, meint sie, er habe nicht genug Alkohol getrunken: «Mit mehr Alkohol im Blut hätte er mich umgebracht.» Tatsächlich hatte ihr Mann jedoch ziemlich viel getrunken: Zur Tatzeit brachte er es auf eine Blutalkoholkonzentration von zwischen 1,69 und 2,57 Promille.

Dass der Alkoholiker, der nach eigenen Angaben seinen Konsum zuvor im Griff gehabt hatte, überhaupt so viel trank, erklärt er vor Gericht mit der schwierigen Beziehung, die das Ehepaar damals hatte. Sie hatte einen neuen Partner, kehrte aber immer wieder zu ihrem Mann zurück und machte ihm neue Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft. «Ich wollte Klarheit. Ich wollte wissen, ob sie wieder nach Hause kommt, oder nicht.» Bis Weihnachten setzte er ihr eine Frist, doch umsonst. Seinen Kummer betäubte er im Alkohol. Am zweiten Januar eskalierte dann die Lage. Er begann schon morgens zu trinken, schickte seiner Frau am Nachmittag eine SMS, in der er drohte, sie umzubringen und fuhr schliesslich bewaffnet nach Oberentfelden.

Täter will Alkoholtherapie

Heute bereue er den Kurzschluss, an den er sich kaum mehr erinnern könne, sagt der 58-Jährige, der seit der Tat im Gefängnis sitzt: «Ich weiss, dass ich Scheisse gebaut habe.» Bei dieser Aussage wird er laut. Ansonsten verfolgt der korpulente Mann mit den kurzen, grau-melierten Haaren die Gerichtsverhandlung ruhig. Nur zu gerne würde er einen Neuanfang machen, bekräftigt er: Eine Suchttherapie, wieder ins Haus ziehen, das derzeit gepfändet ist, die Tochter, die bei einer Pflegefamilie wohnt, zu sich holen und wieder arbeiten.

Das wird aber so schnell nicht möglich sein. Denn das Bezirksgericht Aarau folgte weitgehend der Anklage der Staatsanwaltschaft und befand den Bauspengler in allen Punkten für schuldig. So auch im schwersten Delikt, der versuchten vorsätzlichen Tötung, was der Verteidiger noch abzuwehren versuchte. Viereinhalb Jahre muss der Täter ins Gefängnis und zudem eine stationäre Suchttherapie machen.