Bezirksgericht Aarau

Frau geschlagen: Eritreer zu neun Monaten Gefängnis verurteilt

Das Aarauer Bezirksgerichtsgebäude.

Das Aarauer Bezirksgerichtsgebäude.

Er ist schon mehrfach vorbestraft und fällt immer wieder am Bahnhof Aarau negativ auf. Nun stand er vor dem Bezirksgericht.

Vor 12 Jahren kam Jakob (Name geändert) als 20-Jähriger aus Eritrea in die Schweiz. Gearbeitet hat er nie – ausser in Projekten sozialer Institutionen. Dafür beschäftigte er wiederholt die Justiz. Und er lernte eine Landsfrau kennen. Die beiden haben zwei Kinder, leben aber nicht zusammen und sind auch nicht verheiratet.

Eine gewaltsame Auseinandersetzung mit ihr und Vorfälle am Bahnhof Aarau brachten den mehrfach und einschlägig vorbestraften Afrikaner dieser Tage vor das Bezirksgericht Aarau. Die ihm von der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau vorgehaltenen Straftatbestände: einfache Körperverletzung, Drohung, mehrfache versuchte Nötigung, Hinderung einer Amtshandlung, mehrfache Tätlichkeiten und geringfügiger Diebstahl.

In der Anklageschrift verlangte die Staatsanwältin für Jakob eine unbedingte Gefängnisstrafe von 10 Monaten, eine unbedingte Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu 10 Franken und eine Busse von 500 Franken. Die bisherigen Verfahrenskosten und die Anklagegebühr beliefen sich bei der Anklageerhebung Mitte Januar zusammen auf rund 5000 Franken. Seit seiner Festnahme am 21. Juli 2019 befand sich Jakob in Untersuchungs- beziehungsweise in Sicherheitshaft.

Jakob gab die Hinderung einer Amtshandlung – bei einer Personenkontrolle im Juli 2019 im Bahnhof Aarau versuchte er erfolglos, der Kantonspolizei zu entwischen – und den Diebstahl mehrerer Sandwiches im KKiosk am Bahnhofplatz zu.

Faustschläge – oder nur ein Kopfstoss?

Im Fall der Auseinandersetzung mit seiner Partnerin machten Jakob und sein amtlicher Verteidiger Notwehr geltend. Zum Knatsch in der Wohnung der Partnerin sei es, so sagte Jakob vor Gericht, der Kinder wegen gekommen. Dies um etwa halb drei Uhr früh. Die Frau habe mit dem Streit angefangen und seine Familie beleidigt. Sie habe ihn mit einem Schlüssel und ihrem Handy beworfen.

Sein Fehler, räumte Jakob via Dolmetscherin ein, sei es gewesen, dass er die Wohnung nicht verlassen habe, als sie ihn dazu aufforderte. Laut Anklageschrift versuchte Jakob vor allem, die Frau daran zu hindern, die Wohnung zu verlassen und zur Polizei zu gehen, nachdem es ihm gelungen war, ihr Handy zu behändigen. Sie schaffte es schliesslich trotzdem, die Wohnung zu verlassen und die Türe von aussen zuzuschliessen.

Hier­auf sprang Jakob vom Balkon. Er holte die Flüchtende ein und versuchte, sie zurückzuhalten. Als sie nicht nachgab, heisst es in der Anklageschrift, «verpasste der Beschuldigte der Zivil- und Strafklägerin einen Kopfstoss, wobei sie am linken Auge getroffen wurde». Anschliessend habe er mit der Faust gegen das rechte Auge respektive die rechte Gesichtshälfte geschlagen. Die Frau sei nach diesen Schlägen zu Boden gegangen und etwa zwei Minuten liegen geblieben. Anwohner verständigten die Polizei.

Faustschläge wollte Jakob keine ausgeteilt haben. Nur den einen Kopfstoss wollte er gelten lassen. Und er habe sich gewehrt, weil ihn die Kontrahentin an den Haaren gerissen habe. Im Arztbericht, stellte Gerichtspräsidentin Patricia Berger fest, sei allerdings von Druckstellen auf beiden Seiten des Kopfes der Geschädigten die Rede. Wie er sich das erkläre, wenn nur ein einziger Kopfstoss erfolgt sei? – Vielleicht, so Jakob, seien es eben zwei Kopfstösse gewesen.

Die Lügner sind immer die andern

Auch im zweiten Fall, bei dem ihm versuchte Nötigung – und zudem Drohung – vorgehalten wurde, versuchte Jakob, die Schuld auf den Zivil- und Strafkläger, einen Landsmann von ihm, abzuschieben. Der Zwischenfall ereignete sich an einem frühen Morgen im Juli 2019 am Bahnhof Aarau. Der Anstifter des Streits sei der andere gewesen, behauptete Jakob. Dieser habe ihn verbal verletzt.

Dass er seinerseits, wie in der Anklageschrift steht, gesagt habe, er solle das Maul halten, sonst passiere etwas, stimme nicht. Das habe der andere zu ihm gesagt. Auch dass er den Landsmann mit einem Messer bedroht habe, sei eine Lüge. Alle andern bei dem Vorfall herumstehenden Eritreer wurden seinerzeit befragt. Einer bestätigte, dass Jakob den Zivil- und Strafkläger mit einem Messer bedroht habe. Die andern wollten sich an nichts erinnern können. Sie sagten weder, dass Jakob ein Messer in der Hand gehabt habe, noch dass dies nicht der Fall gewesen sei.

Der Verteidiger beantragte, dass Jakob für den Versuch, der Polizei zu entkommen mit einer Geldstrafe von höchstens 200 Franken und für den Sandwichdiebstahl mit einer Busse von 200 Franken zu bestrafen sei. Bei den zwei schwereren Delikten plädierte er auf Freispruch. Die Frau habe das Geschehene durch ihr provokatives Verhalten selbst verschuldet und im Fall der Drohung mit dem Messer sei der Tatbestand nicht erstellt.

Die Gerichtspräsidentin sprach Jakob schuldig der einfachen Körperverletzung (nicht aber weiterer Tätlichkeiten) sowie der Drohung. Die Aussagen der verletzten Frau, so Patricia Berger, wirkten glaubwürdiger als jene des Beschuldigten, bei denen es sich zum Teil um Schutzbehauptungen handle. Eine Notwehrsituation habe nicht vorgelegen. Die Gerichtspräsidentin verurteilte den Beschuldigten zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von 9 Monaten. Ohne Einsprache der Staatsanwaltschaft sei dieser aber in Berücksichtigung der ausgestandenen Haft aus dem Gefängnis zu entlassen. Für die beiden Nebendelikte setzte es eine Geldstrafe und eine Busse von je 200 Franken ab.

Autor

Ueli Wild

Ueli Wild

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