Gränichen

Frauenschwingen auf dem Rütihof: Für die Königin gabs ein Fohlen

Rund 100 Schwingerinnen kämpften am Eidgenössischen Frauen- und Meitlischwingfest in vier Kategorien um den Turniersieg und um den Eidgenössischen Titel. Sonia Kälin ist die beste Schwingerin der Schweiz und begeistert die Zuschauer in Gränichen.

Kurz vor vier Uhr wurde es ganz still auf der grossen Wiese des Rütihofs ob Gränichen. Alle wollten den letzten Auftritt der Königin sehen. Diese stand am Rand des runden Platzes aus Sägemehl und schien die unzähligen Augen, die auf sie gerichtet waren, kaum wahrzunehmen.

Als sie dann zusammen mit ihrer Konkurrentin den Ring betrat, war es vorbei mit der Stille; tosender Applaus überflutete das Wettkampfgelände. Nur zehn Minuten später sass Schwingerkönigin Sonia Kälin auf den Schultern ihrer Vereinsmitglieder und reckte die Fäuste in den Himmel. Zum zweiten Mal nach 2012 erschwang sie sich den goldenen Kranz, und erreichte das Ziel, auf das sie das ganze Jahr hingearbeitet hatte.

Es fehlen Schwingerinnen

Rund 100 Schwingerinnen kämpften am Eidgenössischen Frauen- und Meitlischwingfest in insgesamt vier Kategorien um den Turniersieg und um den Eidgenössischen Titel. Die jüngsten Sägemehlliebhaber sind keine sieben Jahre alt, sie schwingen in der Kategorie «Zwergli», in der auch Knaben mitschwingen dürfen.

Eidg Frauen-Schwinget in Gränichen

Eidg Frauen-Schwinget in Gränichen

Nicht nur erwachsene Frauen messen sich im Rütihofer Sägemehl. Auch die Kleinsten sind bereits so richtig böse und zeigen, dass Frauen-Schwingen immer populärer wird.

Danach folgen mit aufsteigendem Alter zwei Kategorien Mädchen, und schliesslich die Frauen. Anders als bei den Männern wird nicht diejenige Schwingerkönigin, die das «Eidgenössische« gewinnt; den goldenen Kranz erhält, wer bei den sieben Schwingfesten der Saison die meisten Punkte sammelt.

Dieses System sei nötig, weil man zu wenige aktive Schwingerinnen in der Schweiz habe, sagt Reymond Stalder, Mitglied des Organisationskomitees. «Weil viele Schwingerinnen für die Schwingfeste durch die halbe Schweiz fahren müssen, wäre die Gefahr da, dass wir nur noch fünf Teilnehmerinnen pro Fest hätten. Bei unserem Modus muss man aber alle Feste schwingen, wenn man eine Chance auf den Titel haben will.»

Eine familiäre Atmosphäre

Die Gefahr des Systems ist allerdings, dass die Schwingerkönigin schon vor dem «Eidgenössischen» feststeht, so wie dieses Jahr. Sonia Kälin war bereits uneinholbar an der Spitze des Klassements, die Frage war nur, ob sie auch den Tagessieg holen würde.

Aber nicht nur der Modus unterscheidet sich von dem der Männer, auchdie Dimensionen sind um ein Vielfaches kleiner. Am letzten Eidgenössischen Schwingfest der Männer in Burgdorf wurden 250 000 Besucher gezählt. Gestern fanden rund 800 Zuschauer den Weg in den Aargau. Dennoch ein Erfolg, sagt Stalder: «Wir haben mit maximal 600 Leuten gerechnet, aber sind natürlich umso glücklicher, dass es nun mehr sind.»

Trotz der vielen Besucher geht es familiär zu und her, auf der Wiese des Rütihofs. Die Frauenschwingvereine sind aus der ganzen Schweiz angereist, aus einigen Ecken hört man auch Anfeuerungsrufe auf Französisch. Schon früh am Morgen stellten die Vereine Zelte rund um die drei Plätze auf, so entstand im Laufe des Tages ein grosser Kreis von Zuschauern, die bei einem Glas Weisswein, das Treiben auf den Plätzen beobachteten.

Die kleinen Schwingerinnen und Schwinger erzählen der mitgereisten Verwandtschaft, wie sie sich aus einem besonders listigen Griff des Gegners hatten lösen können.

Die Popularität steigern

Dass Frauen in der Schweiz schwingen, war lange Zeit nicht gern gesehen. Der Frauenschwingverband wurde erst 1992 gegründet. Die Resonanz hält sich in Grenzen, auch beim Nachwuchs kann man nicht ganz mit den Männern mithalten. Die Einzige, die in den Medien präsent ist, ist Sonia Kälin. Als Einzige hat sie auch persönliche Sponsoren. Sie hofft, dass sie mit ihrer Popularität dem Frauenschwingen helfen kann. «Ich wollte heute nicht nur für mich gewinnen, ich wollte vor allem für den Sport gewinnen. Das Niveau steigt, aber vor allem für den Nachwuchs ist es wichtig, dass wir präsent sind in der Schweiz», sagt die 30-Jährige.

So hat die Schwingerkönigin neben einem Fohlen für den Gesamtsieg und einem Kalb für den Tagessieg, vor allem auch Prestige für das Frauenschwingen gewonnen.

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