Vor 50 Jahren wurde das «Hübscher-Haus» am Graben um 56 Meter verschoben, seit 49 Jahren ist es das Daheim der Aarauer Stadtbibliothek. Mitten in der Stadt, in einem der schönsten Häuser weit und breit, gebaut 1780 von Aaraus erstem Stadtammann David Frey. Einen schöneren und zentraleren Ort kann sich Leiterin Lilo Moser für ihre Bibliothek gar nicht wünschen.

Und doch könnten die Tage der Stadtbibliothek im Hübscher-Haus gezählt sein: «Das Raumangebot ist voll ausgeschöpft und muss mittelfristig ausgebaut werden», schreibt die Stadt in ihrer gestrigen Mitteilung zur neuen Bibliotheksstrategie 2019 bis 2024. Hegt die Stadtbibliothek etwa bereits Umzugspläne? Nein, sagt Lilo Moser. «Aber wir dürfen uns nicht zu sehr an der Vorstellung festklammern, dass die Stadtbibliothek auf immer und ewig am aktuellen Ort bleiben wird.»

Eine Veränderung, die nicht nur für Lilo Moser schwer vorstellbar ist. Denn die Aarauer lieben ihre Stadtbibliothek: Entgegen dem schweizweiten – und 2013 auch für Aarau prognostizierten – Trend sind die Besucher- und Ausleihzahlen in den letzten fünf Jahren gestiegen. Und zwar zünftig, um 17 Prozent. Über 600 Personen besuchten im Spitzenjahr 2017 die Stadtbibliothek pro Tag, das macht total 195 000. Ausgeliehen wurden insgesamt 326 000 Medien.

Kein Raum für Events

Doch genau dieser Erfolg bringt die Stadtbibliothek an ihre räumlichen Grenzen: Für Veranstaltungen steht in dem kleinräumigen und engen Haus kein eigener Raum zur Verfügung. «Für jede Veranstaltung müssen wir Räume komplett aus- und wieder einräumen», sagt Lilo Moser.

Das ist arbeits- und zeitintensiv. Und um die Besucher nicht zu stören, können Veranstaltungen deshalb meist nur an Randzeiten stattfinden. Das sei ungünstig, weil es ausgerechnet diese Veranstaltungen sind, die der Stadtbibliothek in den letzten Jahren die steigende Frequenz garantiert haben.

Moser: «Mit Veranstaltungen können wir neue Kunden zu uns holen.» Besonderes viel Gewicht kommen dabei den Events für Kinder zu. «Wenn wir Kinder an die Bibliothek gewöhnen, bleiben sie uns treu.»

Warum baut man denn nicht einfach zum Kasinopark hin an? «Wir wünschen uns seit Jahren einen Anbau», sagt Lilo Moser, einen Wintergarten zum Beispiel, oder eine Verbindung zum Oboussier-Haus. Das habe man mit der Stadt auch bereits besprochen. Aber noch seien das nur Träume, konkrete Pläne gebe es nicht. «Wir würden alles dafür tun, um in unserem Märchenhäuschen zu bleiben», sagt Lilo Moser. Ein Umzug sei für sie eigentlich unvorstellbar. Bis ein Entscheid auf dem Tisch liegt, wird es wohl noch einige Zeit dauern.

Eine kleine Möglichkeit, der Nachfrage auch auf dem bestehenden Platz kurzfristig gerecht zu werden, besteht zumindest: durch Erweiterung der Öffnungszeiten. «Wir prüfen das Konzept der ‹open library›», sagt Lilo Moser. Will heissen: Wer einen Bibliotheksausweis hat, kann das Haus von 6 Uhr bis 22 Uhr betreten, kann hier lesen, lernen, arbeiten, ohne dass Personal vor Ort wäre. Ein Konzept, wie es beispielsweise die Stadt Chur schon kennt.

Angebots-Ausbau in der Telli

Die Platznot ist nicht die einzige Herausforderung für die Zukunft: Die fortschreitende Digitalisierung hält das Team auf Trab. Und auch hier spielen Kinder eine zentrale Rolle. Während Online-Ausleihe oder Gratis-WLAN längst eingeführt sind, braucht es jetzt Workshops, die auf Apps aufbauen, mit denen die Kinder beispielsweise lernen, Geschichten zu erzählen.

Um die Strategie für die nächsten Jahre festzulegen, wird bis Ende 2019 ein digitales Bibliothekskonzept entwickelt. Dafür wurde von der Stadt eine 50-Prozent-Stelle gesprochen, befristet auf ein Jahr.

Ausgebaut wird kommendes Jahr das Angebot in der Telli: Hier wird nicht nur ein Medienrückgabekasten aufgestellt, um den Tellianern den Weg in die Stadt zu ersparen. In Zusammenarbeit mit dem Gemeinschaftszentrum soll auch das Lesementoring angeboten werden.

Ein Angebot, bei dem eine erwachsene Person eine Stunde pro Woche mit einem Kind liest, vorliest oder Buchstaben-Spiele macht. «Dabei handelt es sich nicht um ein Nachhilfeprojekt, sondern um die Förderung der Lust am Lesen sowie den Austausch», sagt Lilo Moser. Am Graben wird das Angebot bereits seit drei Jahren für Zweit- und Drittklässler angeboten. Mit 22 Gespannen ist das Projekt laut Moser sehr erfolgreich.