Aarau
Furkabahn: Fronarbeiter restaurieren historisches Fahrzeug

In der Werkstatt Aarau sind Fronarbeiter an der Endmontage für ein historisches Fahrzeug. Verrückt für die heutige Zeit, freiwillig und gratis zu arbeiten, um Alters historisch korrekt in Neues zu verwandeln.

Hans Lüthi
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Furkabahn: In der Werkstatt Aarau sind Fronarbeiter an der Endmontage für ein historisches Fahrzeug
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Werner Beer geniesst seine Arbeit

Furkabahn: In der Werkstatt Aarau sind Fronarbeiter an der Endmontage für ein historisches Fahrzeug

Chris Iseli

Die pure Absicht erscheint verrückt: Aus einem überwucherten Brombeer-Chassis wieder einen Bahnwagen aufbauen zu wollen, der aussieht wie vor hundert Jahren.

Verrückt für die heutige Zeit ist es auch, freiwillig und gratis zu arbeiten, um Altes historisch korrekt in Neues zu verwandeln.

7000 bis 10 000 Stunden dauern die oft strengen und anspruchsvollen Einsätze der Fronarbeiter, bis ein Personenwagen der Furka-Bahn dasteht, als käme er erstmals aus der Fabrik.

Gegen das Virus Dampfbahn gibt es allerdings kein Rezept – zum Glück. An der Spitze der 65 Freiwilligen steht Werkstattleiter Werner Beer, der technisch führt, koordiniert und sich mit Leib und Seele selber auch um kleinste Details kümmert. «Die Qualität muss top sein, es gibt keine Kompromisse», sagt der Perfektionist. Noch immer begeistert ihn die gemeinsame Leistung im Team von Fachleuten und Angelernten.

Offene Werkstatt

Auf den nächsten Samstag, 25. April, lädt die Sektion Aargau alle Interessierten zu einem Tag der offenen Türen ein. Gezeigt werden in den Werkstätten an der Rohrerstrasse 118 in Aarau, wie die Revision der Bahnwagen abläuft, vom Schrotthaufen bis zum Bijou. Die Tore im früheren Schlachthof sind von 10 bis 17 Uhr geöffnet, eine offizielle Information beginnt um 11.30 Uhr. Zu den Attraktionen für Erwachsene und Kinder gehören historische und aktuelle Videos zur Furka-Bergstrecke, die angebotene Verpflegung reicht vom Zmorgekafi bis zu Grilladen und Getränken. Für die kleinen Besucher steht ein Bähnli samt Dampftraktor bereit.

Leute mit viel Berufserfahrung

Im einstigen Schlachthaus an der Rohrerstrasse 118 in Aarau wird längst nicht mehr geschlachtet, sondern aufgebaut, in der Regel am Dienstag und Donnerstag. Die jüngsten Fronarbeiter sind 55 bis 60 Jahre alt, neben früh Pensionierten sind Pensionierte im Einsatz, deren grosse Berufserfahrung höchst wertvoll ist. Für die anspruchsvolle Bearbeitung von Metall und Holz ist die Werkstatt mit den nötigen Maschinen gut ausgerüstet, eine eigene Schreinerei inbegriffen. Beim az-Besuch wirkt auch Kurt Baumann im roten Über-gwändli mit, er präsidiert die Sektion Aargau seit einem Jahr. Das Bahnvirus hat ihn früh erfasst, der Vater war Bahnwärter auf der Strecke Aarau–Arth-Goldau.

Von harten Wintern geprägt

Schon ein dutzend Mal hat die Sektion Aargau im Verein Furka-Bergstrecke das scheinbar Unmögliche doch geschafft. Und unter den glückstrahlenden Augen der freiwilligen Helfer einen meist über hundertjährigen Wagen eingeweiht und auf der Reise nach Realp begleitet. Jetzt steht die 13. Revision vor dem Abschluss. «Der Wagen mit Nummer ABD 4554 war schon von 1995 bis 1998 in Aarau und lief dann 16 Saisons auf der historischen Strecke», erklärt Beer. Das jüngste Prunkstück hat 12 Plätze in der 1. und 32 Plätze in der 2. Klasse, mit ihren originalgetreuen Holzbänken. Zum Wagen gehört ein Gepäck-
abteil und – das ist ganz neu – eine Notfallbahre samt Defibrillator. «Etwas hektisch könnte die Endmontage noch werden», meint der Werkstattchef. Aber mit Beginn der diesjährigen Saison am 20. Juni sei der Wagen für die Dampffahrten am Furkapass bereit, verspricht er.

Einstellhalle für Wagen geplant

In der rauen Bergwelt bläst ein anderer Wind, als im Wohlfühlklima des Mittellandes. Oft liegt der Schnee dort meterhoch, die harten Winter dämpfen die Glücksgefühle der Aargauer Sektion schon seit Jahren. Denn die mit viel Fachkenntnis und Liebe erneuerten Fahrzeuge sind Sommer und Winter dem Regen und Schnee ausgesetzt. Zwar werden sie in der achtmonatigen Winterpause in Realp und Brig abgedeckt, «aber das ist nur eine Notlösung», betont Beer. Die Pläne für eine gedeckte Wagenhalle sind zwar vorhanden, doch bis zur nötigen Bewilligung durch den Bund dürfte ein Jahr verstreichen.

Der Standort der geplanten Wagenhalle liegt ausgangs Realp, vor dem Depot der Lokomotiven. Mit der vorgesehenen Inbetriebnahme auf Ende 2016 oder 2017 könnten dann auf den vier Gleisen alle Wagen der Dampfbahn geschützt abgestellt werden. Weil der Neubau im Auslauf eines Lawinenhangs steht, muss er entsprechend stabil sein. Doch noch steht die Finanzierung nicht, die Suche nach Sponsoren läuft, auch im Aargau. «Die Sektion Aargau will einen wichtigen Beitrag leisten», erklärt Werner Beer.

Der Bau der Dampfbahn vom Wallis ins Urnerland wurde 1911 begonnen, aber wegen des Weltkriegs erst 1925 in Betrieb genommen. Die rund 18 Kilometer lange Strecke hat einen Scheiteltunnel. Spektakulär ist die Steffenbachbrücke, die wegen Lawinen über den Winter demontiert und zusammen geklappt werden muss. 1981 wurde der Betrieb der Bergstrecke eingestellt, im Jahr später der Basistunnel eröffnet. Seit dem Jahr 2000 wird die Strecke Realp-Gletsch befahren, seit August 2010 rollt die historische Dampfbahn von Juni bis Oktober fahrplanmässig von Realp bis nach Oberwald im Obergoms.

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